Nun ist sie also da, die lang angekündigte "Immersion"-Box. Sie enthält alles, was angekündigt war - und trotzdem bleibt bei mir ein schaler Geschmack zurück. Warum eigentlich?
Man stelle sich vor, eine Beethoven-Einspielung erschiene (meinethalben der "Neunten") und dem Käufer würden Murmeln, Bierdeckel und ein alberner Schal als Beiwerk zugemutet. Undenkbar? Yep. Die Floydianer sollen derlei aber toll finden. Die beiden vielgelobten Booklets bringen Fotos, die man sich mal durchblättern kann, geizen aber mit weiteren Informationen - man erfährt bei den Gruppenporträts nicht einmal, wo & wann die Aufnahmen gemacht wurden bzw. welche Namen sich hinter den Gesichtern der Gastmusiker verbergen. Keine Entstehungsgeschichte des Albums, keine Transkription der gesprochenen Passagen. Kurz und schlecht: Was ich bei diesem Set vermisse, ist Substanz.
DeLuxe-Editionen sind zur Zeit schwer im Kommen, was ich ausdrücklich begrüße; mit "Download now" habe ich nichts zu tun. Es geht aber nicht darum, dem geneigten Fan einen weiteren Schwung Memorabilia in die Wohnung zu spülen, sondern um die gebührende Ausleuchtung eines bedeutenden Kunstwerks. Beispiel "Quadrophenia" - zu der in Kürze erscheinenden Box lese ich: "Deluxe 100-page, hard-back book featuring a brand new 13,000 word essay by Pete Townshend. Also features Pete's in depth, track-by-track guide to the demos and revealing studio diary. The book also includes many previously unseen personal notes, photographs, handwritten lyrics and memorabilia from the period, all recently uncovered in Pete's archive." Na also. Geht doch. Und genau das hätte ich mir für dieses Set auch gewünscht. Natürlich ist es nett, das Bild eines lachenden Roger Waters zu sehen, der noch nicht mit "The Wall" verheiratet war - aber ein Blick in sein "little black book full of poems in" hätte mir mehr zugesagt. Wie ich überhaupt Statements, Kommentare, Erinnerungen jedweder Art vermisse, ganz zu schweigen von einem ausführlichen Aufsatz, der das Album in den Werkkontext und in die Musik der Zeit gleichermaßen einrückt und ausführlich die Entstehungsgeschichte darstellt. (Die schöne Video-Doku kann dies nicht leisten.) Bei anderen Bands scheint das zu gehen, nur bei den Floyds herrscht hier Fehlanzeige. Ganz offenbar mussten die Macher der Box mit dem auskommen, was ohnehin bei der EMI im Keller herumlag, und für den Rest hat der gute Storm T. mal flott was zurechtgehuddelt. Dass die Box zudem schlecht entworfen wurde (vier CDs umständlich erreichbar am Boden, zwei in lappigen Papphüllen frei herumflatternd), ist schon anderen aufgefallen.
Fazit: Natürlich ist es großartig, dass die Archive geöffnet werden. Auch ich bin von der "Live"-Fassung in diesem Set begeistert - wirklich, die ist mir das Geld beinahe schon allein wert. Aber wäre nicht eine Komplettversion stimmiger gewesen? Und warum wurde nicht Alan Parsons mit dem Remastering beauftragt, der einzige, der für den Job wirklich prädestiniert ist? Money, hm? "Grab that cash with both hands and make a stash."
Schon recht: Die Box enthält faszinierende Dinge, sie wurde korrekt angekündigt, und es gibt keinen Grund, sich übers Ohr gehauen zu fühlen. Ich beklage lediglich die nur bedingt genutzte Chance, das fragmentarische Resultat und die Tatsache, dass das Set der Band Pink Floyd nicht gerecht wird. Denn deren Alben haben stets den Standard der Zeit gesetzt - und mussten ihm nicht hinterherhinken.