Erstmal vorneweg: Ich werde hier nicht versuchen, verzweifelt etwas Negatives an dem Album zu finden, nur weil Tarja nicht mehr singt! Auch für mich stellten Nightwish immer etwas Besonderes dar, da sie eine einmalige Sängerin hatten, die all die Trällerlieschen anderer Gothic-Bands locker in die Tasche steckte. Aber diese Zeiten sind nun einmal vorbei. Schon der Respekt vor Anette Olzon gebietet eine faire Bewertung des musikalischen Ist-Zustandes von Nighwish. Es wurde hier ja sogar schon geschrieben, die Platte habe nichts mehr mit Metal zu tun. Nun, das ist schlicht und ergreifend Blödsinn!!! "Dark Passion Play" haut stilistisch in exakt die gleiche Kerbe wie "Once", allerdings ist das Spektrum noch etwas breiter geworden, sowohl in die harte als auch in die softere Richtung. Aber nun zu den einzelnen Songs:
"The Poet And The Pendulum" ist ein 15-minütiges Opus, das am ehesten mit "Ghost Love Score" zu vergleichen ist, allerdings wirkt es nicht so homogen wie der "Once"-Song. Der überragende Chorus macht dies allerdings mehr als wett. Toller Track!
"Bye Bye Beautiful" ist ein sehr wütendes Stück, sehr mitreißend und live bestimmt ein Knaller.
"Amaranth" kennen die meisten sicherlich. Wenn das ähnlich gelagerte "Nemo" klasse war, ist "Amaranth" superklasse! Einer meiner Lieblingssongs auf dem Album.
"Cadence Of Her Last Breath" und "Master Passion Greed" (von Marco gesungen) sind deutlich härter, ersteres gefällt mir sehr gut, zweiteres nicht ganz, da doch mit sehr viel Geschrubbe.
Mit "Eva" kommt eine wunderschöne Ballade, die sehr von Anettes warmem, eindringlichem Gesang profitiert.
"Sahara" ist ebenfalls einer meiner Lieblinge! Treibender Beginn, danach Midtempo mit leicht orientalischen Einflüssen. Fantastischer Chorus mit einer Anette Olzon in Höchstform.
"Whoever Brings The Night" klingt recht durchschnittliche, der Song lebt von der orchestralen Unterstützung, das balladeske und toll gesungene "For The Heart I Once Had" gefällt mir da schon besser.
"The Islander" (von Marco gesungene Akkustikballade) und "Last Of The Wilds" (Instrumental) bestechen durch die irischen Einflüsse, die der Band gut zu Gesicht stehen.
"7 Days To The Wolves" wirkt im Vers etwas sperrig, da die Gitarren recht vertrackt zu Werke gehen, hat allerdings einen Wahnsinnschorus! Nach einigen Durchläufen ganz stark!
Der Rausschmeißer heißt "Meadows Of Heaven" und ist nochmal eine Ballade, und zwar eine ganz große - fantastisch gesungen obendrein!
Insgesamt gefällt mir das neue Nightwish-Album zwar nicht ganz so gut wie "Once" (da solche Übersongs wie "Ghost Love Score" und "Dark Chest Of Wonders" fehlen), es ist aber trotzdem ein tolles Album! Anette Olzon hat einen fantastischen Job abgeliefert und deutet vereinzelt (in lauten, höheren Passagen, die leider etwas selten sind) sogar an, dass noch mehr möglich ist. Sie singt anders als Tarja, lässt aber mit ihrer kraftvollen Stimme genau wie diese die anderen Gothic-Metal-Sängerinnen ein gutes Stück hinter sich. Insgesamt wären`s 4,5 Sterne. Da ich die aber nicht vergeben kann, gibt`s 5 (auch weil mir der Chorus von "Amaranth" schon wieder nicht mehr aus dem Kopf geht)!
P.S.: Bei manchen Vergleichen hier (LaFee!!!) zieht`s mir die Schuhe aus! Auch eintönig klingt auf dem Album nichts, der Gesang ist eben nur nicht mehr opernhaft (die Stimmlage Mezzosopran gibt es nicht nur in der Oper, ihr Kunstbanausen). Dass auf die neue Sängerin beim Komponieren Rücksicht genommen wurde, kann man ebenfalls ins Reich der Mythen und Märchen verbannen, weil die Songs schon fertig waren, als Anette zur Band stieß. Klar sind die Geschmäcker verschieden, aber manchmal schmerzt es schon sehr, wenn Blinde von Farben reden...