Der Rezensent hat die Boulez'sche Neuaufnahme zum Anlass genommen, sich den beiden Meisterwerken nach 35 Jahren mit neuen Ohren zu nähern. Wie ist es überhaupt möglich, Stücke wie Ravels »Daphnis et Chloe« und »La Valse«, die man schon unzählige Male angehört hat und ungeduldig als schon längst bekannt ablegt, aufs Neue für sich zu entdecken? Es ist nur möglich, weil intelligente Dirigenten wie Pierre Boulez den Zeitkern in den Werken aufspüren. Die Werke selbst verändern sich ja gemäß der Art und Weise, wie sie in der Zeit aufgenommen werden. Im Dämmerlicht des Fin de Siecle hat »Daphnis et Chloe« anders geklungen als heute, wo wir wissen, was in der Musik alles darauf folgte ...
Boulez bringt in beiden Werken klangliche Schärfen ans Tageslicht, die immer noch - um den Hörer zu »schonen« - in den meisten Deutungen geglättet werden. Davon mögen viele schockiert sein, und das zu Recht. Mit den fabelhaften Berliner Philharmonikern - und einer exzellenten Aufnahmetechnik - im Rücken kann er es sich zudem leisten, die Partituren subtil in fast kammermusikalischer Weise auszuleuchten. Und vielleicht bei keiner Ravelaufnahme offenbart das Schlagwerk seine dramaturgische Funktion so deutlich wie hier.
Ravels Ballett »Daphnis et Chloé« ist trotz seines Titels keine Darstellung einer Liebesgeschichte. Die eigentlichen Liebesszenen - etwa die sanften Pas de deux von Daphnis und Chloé gegen Ende - nehmen nur einen untergeordneten Raum ein und selbst in ihnen gibt es noch Nebenfiguren wie den Viehtreiber Dorkon oder die verführerische Lycanion. Das wirkliche Thema des Balletts ist die Entfaltung »kosmischer« Liebe innerhalb der Großen Natur (die symbolisch vom Gott Pan verkörpert wird). Es geht dabei um die elementare und mythisch vertiefte Natur, nicht um eine in süßlicher Sentimentalität weichgespülte mediterrane Postkartenidylle. Die Naturbilder und ihre geheimnisvolle Verknüpfung mit den mythischen Geistwesen machen den eigentlichen Reiz des Werks aus. Allen voran das farbige Lichtspiel der aufgehenden Sonne auf den tanzenden Meereswellen, das als synästhetisches Phänomen in der Musikgeschichte einzigartig dasteht. Übrigens bezieht die vielgerühmte Stelle ihre volle Wirkung erst aus dem dramaturgischen Kontrast zum unmittelbar vorausgehenden Nachtbild, wo alle möglichen Gespenster bis hin zu Pans Schatten beschworen werden, um Chloé aus der Gewalt der sarazenischen Piraten zu befreien. Die dunklen Kräfte der Natur werden vom liebenden Licht der aufgehenden Sonne erhellt und in flüssiges Leben aufgelöst. Das Erstaunlichste aber an dem Werk ist die Schlussszene, denn alle Beteiligten - auch die wilden Piraten, wie die Musik mit orientalischen Schalmeienklängen und der Reprise des Kriegstanzes verrät - werden in den orgiastischen Strudel einbezogen. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Gut und Böse, sondern nur noch den wilden Tanz kollektiv entfesselter Liebe. Eine wahrhaft abgründige Apotheose.
Ausdrücklich zu loben ist übrigens der Rundfunkchor Berlin, der die oftmals stiefmütterlich behandelten Chorvokalisen - die zumeist nur irgendwo im Hintergrund wabern dürfen - mit polyphonem Leben erfüllt und der (in der Berliner Jesus-Christus Kirche, wo die Aufnahme entstand) an manchen Stellen fast wie ein edler Kirchenchor anmutet.
Die Abgründigkeit von Ravels »La Valse« ist oft hervorgehoben und auf die gesellschaftliche Zerfallssituation nach dem Ersten Weltkrieg bezogen worden. Doch mag Ravel auch die »immanente« Abgründigkeit des Walzers gemeint haben, den er in seinem »Poéme choreographique« zuerst aus Elementen aufbaut, die aus dem Nebel des Anfangs hervortreten, dann zu fragwürdigen Höhepunkten führt und am Ende schlicht und einfach - wie später den Bolero - in sich zusammenfallen lässt, als hätte - um mit Hegel zu sprechen - die Furie des Verschwindens ihre Hand im Spiel gehabt. Wer dieser atemberaubenden Aufnahme lauscht - in der sich Boulez erfreulicherweise viele für ihn untypische Rubati gönnt -, wird die ewige Walzerseligkeit der Neujahrskonzerte nie mehr wieder unbefangen genießen können.