Fast haben wir hier eine kleine Buddenbrooks-Geschichte vorliegen. Die Jahrhundertwende 1900, eine Familiensaga in Muenchen und Wien. Schon die Eltern sind seltsam, eigenbroetlerisch, beinahe ein wenig morsch, dem Verfall nahe, den Formen der Gesellschaft unterworfen. Als dann die Kinder auf die Welt kommen und zu ungewoehnlichen Maedchen heranreifen, greift das Schicksal virulent ein: Die froehlichste der Schwestern stirbt frueh, die aelteste geht ihren Weg, die Mutter stirbt an gebrochenem Herzen, fast bleiben nur Daphne und die juengste Schwester uebrig, sich um den alten Vater zu kuemmern. Zwischen Gesellschaften, Teeklatsch und Hofgesellschaft waechst Daphne auf, die juengste Schwester, genannt Flick, aber geht ins Kloster. Als sie sich Jahre spaeter wieder sehen, Daphne als zarte zerbrechliche Frau, verliebt in einen jungen Protestanten, zum Unbill des Vaters - da erfasst die Flick tiefer Neid, der aus der Familiengeschichte und ihrer eigenen verkuemmerten Innerlichkeit erwaechst. Auf perfiden Wegen wird sie ihre Schwester Daphne bis zum Aeussersten bringen.
Annette Kolb hat in Daphne ihre aelteste Schwester portraitiert, die begabte schoene Louise, die tragischerweise um ihr 25. Lebensjahr verstarb und in Annettes Leben eine tiefe Furche hinterliess. Daphne wird in diesem Buch zu einer unvergesslichen Figur. Noch unvergesslicher aber ist der Charme des alten Gesellschaftslebens, das uns hier entgegenblueht, entgegenwuchert. Fast jugendstilhaft oder dschungelgleich ueberwaeltigt uns die Pracht der 'demimonde', der Absatzschuhe und Kaffeerunden, der Duelle, Tuscheleien und Hochgestochenheiten, die Welt, wie sie damals war, in mittleren und hohen Kreisen.
Dass 'Daphne Herbst' nicht so bekannt wurde wie Thomas Manns Buddenbrooks mag viele Gruende haben. Einer ist vielleicht, dass die Schriftstellerin sehr weiblich intensiv ihre Figuren ausleuchtet, in einer Tiefe und Weite, die manchen Leser verschrecken und verlieren mag. Meines Erachtens ist das natuerlich aber gerade eine Besonderheit, die es zu erwaehnen gilt.
Ich fand dieses Buch aussergewoehnlich. Ob ich es wirklich mag - das ist etwas ganz anderes. Aber ich bewundere es doch. Und wuerde es durchaus zu den unvergleichlichen, den guten Buechern stellen, gaebe es ein solches Regalbrett in meinem Zimmer.