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Dante- Platz
 
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Dante- Platz [Gebundene Ausgabe]

Dragan Velikic
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Dragan Velikic, geboren 1953 in Belgrad, wohnt in Budapest. Er gehört zu den jungen Autoren des ehemaligen Jugoslawiens, die bis heute im Exil leben. Und einen beträchtlichen Teil der eigenen Lebenserfahrung hat Velikic seinem Alter Ego, dem Schriftsteller Labud Ivanovic, mitgegeben. Labud wird, wie Velikic, in Pula, Istrien geboren und lebt ebenfalls im Exil, allerdings in München. Sein Herz hat ihm mit zunehmendem Alter häufiger Probleme bereitet. So kommt sein Tod rasch und unspektakulär.

In Belgrad arbeitet währenddessen der diplomierte Romanist Damjan Savic im Keller der Bibliothek. Die Luft, die ihn umgibt, ist angefüllt mit Wörtern und Savic ist mit seinem Leben in der Nähe der geliebten Bücher vollauf zufrieden. Von seinem Chef erhält Savic die Aufgabe, den Nachlaß des verstorbenen Labuds zur Veröffentlichung vorzubereiten. Jetzt wird das Leben des Autors, der im ersten Teil des Buches selbst erzählt hat, von außen durchleuchtet und mit Hilfe seiner veröffentlichten Romanen kommentiert.

Dragan Velikic bricht die Lebensläufe seiner Protagonisten, die zeitliche Einordnung wechselt häufig. Dies ist ein Grund, warum der Zugang zu diesem sprachlich wunderbar geschriebenen Buch nicht ganz leicht fällt. Doch die Arbeit wird durch unvergeßliche Sätze und Statements belohnt. "Nach einiger Zeit fangen die Menschen an, den Büchern zu ähneln, die sie lesen; ein Geflecht aus Buchstaben und Wörtern, nach beliebiger Übereinkunft zu Sätzen verstrickt, schreibt sich wie in einen Spiegel in das Gesicht desjenigen ein, der lesend vertieft ist in ein Satzgespinst". --Manuela Haselberger

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Mitteleuropäisches Kaleidoskop

Dragan Velikics ehrgeiziger Roman «Dante-Platz»

Dieser «Dante-Platz» liegt im Herzen der istrischen Stadt Pula und hiess in jugoslawischen Zeiten «Platz des 1. Mai». Einmal mehr macht der serbische Schriftsteller Dragan Velikic (Jahrgang 1953) den Ort, wo er seine Jugend verbrachte, zum Zentrum einer komplexen Romanarchitektur. Doch anders als in seinem Erstling «Via Pula», der die Stadt als Schauplatz feierte, bildet Pula in seinem fünften und ambitiösesten Roman den Ausgangs- und Kreuzungspunkt verschiedener Lebensläufe. Hier treffen sich Wege (und gehen wieder auseinander), hier werden Schicksale verknotet. Und der Platz, wo sich «einfache, bemalte Kulissen abwechselten», erscheint als Metapher für die Bündelung von Raum und Zeit, als ein Erinnerungsdepot. Nicht der Platz allein: am Dante-Platz liegt, notabene, ein Antiquitätengeschäft, dessen Trödel auf seine Weise Leben speichert. In den Dingen komprimiert sich Geschichte mit dem kleinen «g», Alltagsgeschichte, um die es Velikic zu tun ist. Sie spricht aus silbernen Papiermessern und gläsernen Porzellanvögelchen, aus Reisekoffern und Zeitungshaltern, aus Photographien und Büchern. Sie wird zum Synonym für Gegenstandsinventare und minuziöse Lektüren. Womit wir bei den Themen bzw. literarischen Verfahren des Autors Velikic angelangt wären – und bei denen seiner Helden.

Vielfache Spiegelung

Es sind ihrer drei: der (in Pula geborene und im Münchner Exil gestorbene) Schriftsteller Labud Ivanovic, der Belgrader Bibliothekar Damjan Savic (Betreuer von Ivanovics Nachlass) und der amerikanische Literaturwissenschafter Adam Rosenberg, der seinerseits, unter dem Titel «Die Melancholie der Stadt», einen Roman-Essay über drei Autoren plant, die «den Archetyp eines mitteleuropäischen Schriftstellers» ergeben sollen. In vielfacher Spiegelung befasst sich «Dante-Platz» mit den Themen Dichtung und Wahrheit, Inventar und Palimpsest, Archiv und Exil, Maske und Tod, Sediment und Vernetzung. Für letztere steht die Fahrplan-Obsession von Savics Eisenbahner-Vater Milan, der damit zum Double des verrückten Eduard Sam aus Danilo Kiš' Roman «Sanduhr» gerät.

Es wird viel gereist in den sieben Kapiteln von Velikics Buch, zwischen Budapest und Triest, zwischen München und Pula, aber auch durch die Labyrinthe von Zeit und Traum und zwischen Buchdeckeln. Oft wissen wir nicht, durch wen der Autor zu uns spricht, durch welches seiner Alter ego, durch welches Zitat. (Zitate, direkte und indirekte, gibt es zuhauf.) Auflösungen von Grenzen sind hier – übrigens in Analogie zu den realen Grenzverschiebungen im Raum Ex-Jugoslawiens  – ebenso Faktum wie mirakulöse Koinzidenzen. Fast somnambul schlittern wir durch irreal anmutende Szenerien: steigen in Bibliothekskeller, dämmern in der Kajüte eines Donauschiffs, brüten am Pasinger Dunkelweg über einem «Schisma» betitelten Manuskript, ziehen mit dem Briefträger Petar Furcic durch Strassen und Kneipen. Was ist wirklich? Oder: Wo schlägt Topographie in Typographie um?

Velikic zerlegt Biographien und Handlungsabläufe trickreich in eine Vielzahl von Bruchstücken, die sich erst allmählich zu einem Puzzle zusammenfügen. Schauplätze wechseln ebenso abrupt wie Zeiten, wobei das Geschehen bis in die mittleren neunziger Jahre reicht. Jüngste politische Vergangenheit wird trotzdem wenig fassbar. Der Prolog deutet ein Klima von Niedergang und Verwahrlosung an, einzelne Details verweisen auf Jugoslawiens Zerfall und kriegerische «Neuordnung», doch bleibt das meiste vage, ohne Kontur. Und dass Labud Ivanovic nach Deutschland emigriert, wo er schliesslich stirbt, hat (gemäss der literaturzentrierten Logik des Buches) weniger mit der gegenwärtigen Lage Jugoslawiens zu tun als mit dem Vorbild von Ivanovic und Velikic: dem serbisch-ungarisch-jüdischen Autor Danilo Kiš, der 1989 im Pariser Exil starb. Sowie mit Kiš' ahasverischen Helden – von Eduard Sam bis zum «Apatriden» aus der Erzählung «Der Heimatlose».

Wirklichkeit tritt in «Dante-Platz» als eine vielfach gebrochene in Erscheinung, als ein Vexierspiel zwischen Leben und Literatur. Mit seinen drei Protagonisten – Schriftsteller und Bücherfreaks wie er selbst – bekennt sich Velikic dazu, die Welt borgesianisch als grosse Bibliothek zu verstehen – und die Bibliothek als Welt. Nicht nur legt er seinen Helden poetologische Selbstaussagen in den Mund, er lässt sie Flaubert, Broch, Canetti und Cioran zitieren und macht sie zu subtilen Interpreten von Danilo Kiš. Das Jonglieren mit fremden Autorenbiographien, die Montage von Zitaten usw. – über die Helden wird sie legitimiert. Und der Leser beginnt zu rätseln, aus welchen – realen und fiktiven – Komponenten diese selbst zusammengesetzt sind. . . Als Buchbesessene sind sie allesamt lebensscheue «Menschen im Futteral» (um mit Tschechow zu reden); nicht sonderlich glücklich in der Liebe, obwohl sinnlichen Erfahrungen keineswegs abgeneigt und von den Frauen verwöhnt; beherrscht von Träumen und von der Suche nach einer Ordnung im Chaos. Was macht sie – analog zu Rosenbergs Schriftsteller-Trio – zum «Archetyp eines mitteleuropäischen Schriftstellers»?

Die Antwort wäre bei Danilo Kiš zu suchen, der in seinem Essay «Mitteleuropäische Variationen» als «gemeinsame Eigenschaft aller Schriftsteller mitteleuropäischer Herkunft» das Bewusstsein der Form hervorhebt: «Form als Streben, dem Leben und den metaphysischen Zweideutigkeiten Sinn zu verleihen; Form als Möglichkeit der Wahl; Form als Suche nach einem archimedischen festen Punkt im uns umgebenden Chaos; Form als Gegengewicht zur Desorganisation der Barbarei und irrationalen Willkür der Instinkte.»

Die Lektüre von «Dante-Platz» legt den Schluss nahe, dass kein anderer als Danilo Kiš der heimliche Held des Romans ist, jener besagte «Archetyp eines mitteleuropäischen Schriftstellers», dem Autor Velikic huldigt, indem er seinerseits die Form ins Zentrum seiner Bemühungen rückt und Verfahren praktiziert, die von Kiš entlehnt sind. Freilich geht es dabei um eine Po-ethik, nicht um selbstzweckhafte künstlerische Exerzitien, obwohl der 400-Seiten-Roman sich einiges an technischem Raffinement vorgenommen hat. Die Komposition lässt an labyrinthischer Kompliziertheit nichts zu wünschen übrig, auch herrschen brüske Wechsel zwischen Detailflut und vagen Verallgemeinerungen, zwischen Nahaufnahme und Totale. Topographische Einzelheiten kontrastieren mit metaphernreichen Reflexionen über das Schreiben, lyrisch verdichtete Episoden mit leicht schalen Visionen einer weltweiten Korrespondenz der Dinge. Wer Kiš' grossartige Romane «Garten, Asche» und «Sanduhr» kennt, wird bei Velikic nicht nur auf Eduard Sam stossen, den (in Auschwitz umgekommenen) Verfasser eines monumentalen Fahrplans und der «Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen», sondern auf Bilder von Umzügen, Auszügen und Exil und, vor allem, auf jene litaneihaften Aufzählungen bzw. Verzeichnisse, die in ihrer enzyklopädischen Knappheit eine Kampfansage an Tod und Vergessen sind.

Schüler – oder Nachahmer?

Die Idee des Inventarisierens und Archivierens geistert konstant durch Velikics Roman. Es gibt Listen, die in hastiger Unverbindlichkeit versanden, weil «keine Buchführung die Ereignisse eines Jahres verzeichnen kann», und es gibt andere, die mit sinnlicher Präzision Ereignisse evozieren, eine spezifische Atmosphäre erzeugen. Dazu gehört die Aufzählung schützender Gegenstände, zu der Labud Ivanovic in den letzten Sekunden vor seinem Tod – in einer der eindrücklichsten Szenen des Buches – wie zu einem «heidnischen Baedeker» Zuflucht nimmt; dazu gehört, am Schluss des Romans, die inventarisierende Beschreibung von neun Gegenständen aus dem Antiquitätengeschäft «Dante», die sich handkehrum aus Trödel in leuchtende Chiffren von Lebensläufen verwandeln. Hier erweist sich Velikic als ein meisterhafter Schüler – oder Nachahmer? – seines Lehrers Kiš, der die literarische Präzisionstechnik seinerseits bei den Vertretern des Nouveau roman studiert hat.

Schreiben als Fortschreiben – Dragan Velikic reiht sich ein in die Tradition der gebildeten, kosmopolitisch gesinnten Büchernarren, ohne dem Eklektizismus zu verfallen. Manchmal allerdings wünschte man sich, dass der Stimmenimitator stärker seinem eigenen Ton vertraut und das Spiegelkabinett der literarischen Referenzen einem direkteren Realitätsbezug weicht. Der homo politicus Velikic hat 1992 einen luziden Essay über den Krieg in Jugoslawien geschrieben («Stimme aus der Erdspalte») und gehört zu den Gründungsmitgliedern der «Gruppe 99» genannten Vereinigung von Schriftstellern aus den ehemals jugoslawischen Teilstaaten, die sich für einen «freien Kulturraum» einsetzen. Dem homo poeticus täte es keinen Abbruch, die Vision solcher Freiheit spezifischer zu formulieren, die Tatsachen fest im Visier.

Ilma Rakusa

Kurzbeschreibung

Der Schriftsteller Labud Ivanovic verbringt die letzten Jahre seines Lebens in der Emigration, wo er auch stirbt. Der Bibliothekar Damjan Savic lebt in Belgrad, arbeitet im Magazin der Bibliothek, bis er die Aufgabe erhält, den Nachlaß des verstorbenen Ivanovic zu ordnen und zur Veröffentlichung vorzubereiten. Der Literaturhistoriker aus Übersee, Adam Rosenberg, dessen Vorfahren aus Europa emigrierten, plant einen Roman, dessen Protagonist die Vita dreier Autorenbiographien (eine davon die Ivanovics), die sich auf ungewöhnliche Weise berühren, in sich vereinigt.
Velikic erzählt parallele Geschichten, zeitlich gebrochen, fragmentiert, mit Rückblicken auf die Herkunftsgeneration der Handlungsträger, die sich annähern und auseinanderentwickeln vor dem Hintergrund des Zerfalls Jugoslawiens, der Rahmen für einige der gezeichneten Lebenswege.

Der Verlag über das Buch

Bedeutender Autor
Der Autor Dragan Velikic zählt zu den bedeutendsten Autoren aus Süd-Ost-Europa, bzw. Serbien. Seine Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er war bis zum Exil (März 1999) Mitarbeiter von Oppositionellen Zeitungen und hat Woche für Woche gegen das Regim Milos/evic/ in Belgrad angeschrieben. Nachzulesen auch in seinem Essay "Stimme aus der Erdspalte". (Wieser 1992, lieferbar). Seine auf Deutsch bei Wieser erschienen Romane sind: Via Pula (Neuauflage Frühjahr 2000), Das Astragan-Fell und der Zeichner des Meridian (beide lieferbar). Weitere Kurztexte in den Bänden EUROPA ERLESEN Vendig, Dalmatien, Istrien und Dublin.(Wieser, lieferbar). Lebt dzt. in Budapest und Bremen.
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