Ich muss gestehen, Kristina Schröder lange Zeit unterschätzt zu haben. Vielleicht habe ich sogar selbst hin und wieder so gedacht, wie man es beispielhaft im Vorwort lesen kann. Mehr und mehr gefiel mir dann, wie sie aufrecht ihren Weg geht und für ihre Meinung einsteht.
Das Buch ist natürlich insoweit hochpolitisch, als sie und ihre Mitautorin Caroline Waldeck sich darin offen mit dem Feminismus anlegen. Dazu gehört Mut, weil sie es dann mit der gesamten Mainstream-Presse zu tun bekommt (was Kristina Schröder - siehe Vorwort - offenkundig weiß: ungeheuer viel Mut), die in diesem Punkt (und in vielen anderen auch) gleichgeschaltet ist. Gleichgeschaltet ist sie nicht, weil man sich dort ständig zum Kaffeekränzchen trifft, um z. B. zu beraten, wie man Frau Schröder fertig machen kann, sondern weil in den Medien immer nur solche Frauen Karriere machen können, die Karriere generell über Familienarbeit stellen, mit anderen Worten: die klassischen Feministinnen. Alle anderen scheiden frühzeitig aus dem Rennen um die entscheidenden Positionen aus und damit natürlich auch bezüglich der Möglichkeit, meinungsbildend tätig zu werden. Auf diese Weise schalten sich Meinungen sukzessive gleich.
Kristina Schröder vertritt in ihrem Buch im gewissen Sinne die Auffassung, dass die Gleichstellung der Geschlechter irgendwann einmal angekommen sein muss, und das wäre jetzt. Jede weitere Einflussnahme auf Rollenbilder und weibliche Lebensplanungen mündete in Bevormundung, gegen die sie sich wendet. Das gilt für sie in gleicher Weise auch für die "Strukturkonservativen", die den Frauen (und damit auch den Männern) ebenso vorschreiben möchten, wie sie zu leben haben, nur halt eben ganz anders, als es die Feministinnen gerne hätten. Auch mit solchen Vorstellungen hat sie nichts am Hut. Sie tritt stattdessen für die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht des Individuums ein. Wenn eine Frau lieber Kinder groß ziehen möchte als in einem Unternehmen Karriere zu machen, dann wäre das nicht - je nach Weltbild - mal ganz schlimm (Feminismus) oder auch ganz großartig (Strukturkonservatismus), sondern die private Entscheidung dieser einen Person.
Leider hat die Sache einen Haken - und ich war fast geneigt, deshalb einen Stern abzuziehen, fand es aber nicht angemessen angesichts ihres förderungswürdigen Mutes: Frauen haben in unserer Gesellschaft keineswegs die Möglichkeit, sich frei für einen bestimmten Lebensweg bzw. für Familie oder Karriere zu entscheiden, da bestimmte Lebenswege substanziell benachteiligend sind. Aus diesem Grund macht es auch keinen Sinn, zu sagen: "Da hat jetzt sogar eine Familienministerin während der Ausführung ihres Amtes ein Kind bekommen - wie man sieht, können sich Frauen sogar sowohl für Karriere als auch Kind entscheiden." Zum Ersten hätte sie die gleiche Möglichkeit als Außen- oder Verteidigungsministerin wohl kaum gehabt und zum Zweiten kann sie als Frau dann keine drei Kinder haben. Familien mit drei und mehr Kinder muss es aber auch geben, und zwar umso mehr, je mehr karriereorientierte Frauen kinderlos bleiben oder sich mit einem Kind begnügen. Nur bleiben die dann eben leider arm oder entstehen unmittelbar in Armut, wo der Staat die Finanzierung der Kinder übernimmt. Die Crux ist nämlich weiterhin: Die Zahl der Ernährer einer Familie sinkt mit ihrer Kinderzahl.
Frauen und Männer haben unterschiedliche Kompetenzen. Frauen können zum Beispiel Kinder in ihrem Bauch heranwachsen lassen und nach der Geburt stillen. Männer können das nicht. Die haben meist andere Fertigkeiten, in denen sie Frauen (zumindest im Mittel) überlegen sind. Das Problem ist nun aber, dass man in unserer Gesellschaft mit praktisch jeder Kompetenz Geld verdienen kann, mit dieser einen, für das Überleben unserer Gesellschaft entscheidenden Kompetenz jedoch nicht. Es gibt bei uns keinen Beruf für Familienarbeit mit eigenen Kindern. Man kann nur mit dem Erziehen der Kinder anderer Eltern Geld verdienen. Auch kann eine Frau mit ihren weiblichen Kompetenzen Geld verdienen, indem sie beispielsweise Männern einen halbstündigen Beischlaf anbietet. Oder sie wird stattdessen Model oder Pop-Sternchen, wo sie ihre guten Sachen gleichfalls reichlich zeigen kann. Ihre wesentlichste weibliche Kompetenz kann sie jedoch immer nur "privat" zur Geltung bringen, obwohl die Sache angesichts von Rentenversicherungen und sonstigen sozialstaatlichen Einrichtungen längst nicht mehr privat ist. Ich befürchte, wir haben es hier mit einer selbst vom Feminismus nie infrage gestellten Vorgabe zu tun, die bis an die Grundfesten des Christentums und damit des Patriarchats zurückreicht. Es handelt sich um ein Thema, das nicht wirklich thematisierbar ist. Vielleicht kann man irgendwann Kinder vollständig in Brutkästen heranwachsen lassen und das Problem so lösen. Möglicherweise ist so etwas weniger tabuisiert.
Mersch hat in seinem
aktuellen Buch, das ich ganz nebenbei für einen der lesenswertesten Beiträge zur Geschlechterdebatte halte (selbst zum Thema Quotenregelung), noch einmal sehr deutlich gemacht, dass Frauen und Männer in unserer Gesellschaft nicht wirklich gleichberechtigt sind, solange dieses Thema nicht gelöst wird. So wie es die Feministinnen, aber auch Kristina Schröder vorhaben, geht es jedenfalls nicht, auch nicht in 100 Jahren und mit Kinderkrippen an jeder Ecke. Es geht prinzipiell nicht auf diese Weise. Immerhin könnten die Strukturkonservativen von sich behaupten, dass ihr Rollenbild erwiesenermaßen funktioniere, wie die letzten 2000 Jahre gezeigt hätten. Allerdings ist so etwas heute weder zeitgemäß noch durchsetzbar.
5 Sterne für den Mut, diese für die Zukunft unserer Gesellschaft so entscheidende Debatte (die Gesellschaft schafft sich nämlich sonst ab) noch einmal mit einem gegenläufigen Standpunkt reaktiviert zu haben. Ob das, was Sie in ihrem Buch als eigenen Standpunkt vorträgt, jedoch wirklich dauerhaft tragfähig ist, möchte ich ein wenig bezweifeln.