"Es gibt keinen Zweifel. Alle Symptome weisen auf eine Trisomie 21 hin. Ihr Kind hat dazu einen schweren Herzfehler. Ein schwerer Herzfehler, der allein genügt, ihrem Kind eine Schwerbehinderung zu bescheinigen!" - Dieser Satz trifft Sonja Richtzenhain und ihre Familie 1981 wie ein Schlag. Die jüngste Tochter Antje ist völlig überraschend mit Down-Syndrom (Trisomie 21) geboren worden.
Wohnhaft in der ehemaligen DDR bekommen die Eltern kaum Unterstützung, jedes Recht für ihr Kind muss hart erkämpft werden. Das, was heute Eltern eines Kindes mit Behinderung an Hilfestellungen zur Verfügung steht und was mittlerweile im Bereich Integration, Förderung, Bildung usw. für Kinder mit Handicap schon als selbstverständlich gilt, steckte damals noch weitgehend in den Anfängen oder war noch gar nicht vorhanden! Hier macht das Buch einem durch den Rückblick in die 1980er Jahre nebenbei bewusst, wie gut es uns heute schon in vielen Bereichen geht, obwohl nach wie vor vieles im Argen liegt...
Familie Richtzenhain lässt sich nicht entmutigen, organisiert und plant das Leben mit Antje neu. Das Mädchen wird bald zum "Sonnenschein" der Familie, die sich dennoch wegen beruflicher Verpflichtungen dazu entschließt, Antje mehrfach in stationäre Betreuung zu geben. Die Zustände in den Heimen wirken lieblos und "steril". Das Mädchen, später die junge Frau fühlt sich dort nur selten wohl. Die Eltern holen sie zwar oft zu sich, spüren aber, dass das nicht reicht. Ihrer Tochter fehlt die Zuwendung und Liebe der eigenen Familie sehr und sie zeigt ihre Unzufriedenheit mit der unpersönlichen Wohnheimsituation durch Aggressivität und Verhaltensauffälligkeiten.
Antje ist oft krank und gerade in den ersten Lebensjahren sehr anfällig für Infekte. Der Herzfehler ist schwerwiegend, an eine Operation traut sich in der DDR niemand heran. Als es nach dem Fall der Mauer endlich freie Arztwahl gibt, keimt neue Hoffnung auf. Aber auch von erfahrenen Ärzten aus dem Westen werden die Risiken eines Eingriffs als immens hoch eingeschätzt. Ein niederschmetterndes Untersuchungsergebnis... Die Eltern treffen eine Entscheidung: Trotz der lebensverkürzenden Prognose wollen sie das Risiko nicht einzugehen, ihre Tochter durch den Versuch einer Herzfehlerkorrektur zu verlieren. Lieber wollen sie alle Zeit mit Antje genießen, die ihnen geschenkt wird. Sie möchten ihr einfach ein erfülltes Leben bieten. Antje darf zur Schule gehen, später besucht sie eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung, sie findet Freunde und ist glücklich!
Kurz nach einem Kuraufenthalt mit der Mutter klagt Antje im Frühjahr 2003 jedoch über akute Schmerzen, bekommt Fieber und nach Rücksprache mit dem Kinderkardiologen wird sie in der Klinik aufgenommen. Es geht ihr schnell scheinbar besser, aber dann kippt die Situation. In einer Notoperation wird ihr noch ein Herzschrittmacher eingesetzt, aber die junge Frau kann trotz aller Bemühungen nicht gerettet werden. Sie stirbt so schnell, dass die herbeigerufenen Eltern ihre Tochter nicht mehr lebend sehen können. Die Ursache ihres plötzlichen Todes wurde nicht geklärt.
Antjes Mutter und gleichzeitig Autorin dieses Buches zeichnet in ehrlicher Dankbarkeit über die Zeit mit ihrer ganz besonderen Tochter deren Lebensgeschichte liebevoll nach. Sie lässt die Leser/innen spüren, was Menschen mit Down-Syndrom so oft durch ihr ganzes Wesen und ihre Einstellung zum Leben ganz mühelos vermitteln:
Trotz aller Schwierigkeiten, die im Leben mit einem Kind mit Trisomie 21 auftauchen können - ein Kind mit Down-Syndrom ist eine Bereicherung, es ist Glück und das Leben mit ihm eröffnet die wertvolle Chance auf neue Blickwinkel und die Veränderung manch eingefahrener Einstellungen. Antjes Mutter fasst diese tief berührende Erfahrung mit den Worten zusammen:
"Antje zeigte mir, was wichtig ist und was nicht. Dafür danke ich ihr von Herzen!"
Ich danke Frau Richtzenhain für eine gelungene Nachzeichnung eines besonderen Lebensweges!