Ich bin Mutter zweier kleiner Töchter, und trotzdem habe ich lange kein Buch so schnell und so freudig in den Einkaufskorb gelegt wie das Dangerous Book for Boys. Erklärlich, wenn man noch nie ein aufrichtiger Fan der Rosa-Barbie-Fraktion war. Aber das Schönste an diesem Buch ist, dass es gar nicht pädagogisch daherkommt.
Dieses einzig wahre Handbuch für Väter und ihre Söhne enthält Bastel- und Bauanleitungen für Papierhüte, Pfeil und Bogen, Werkbank, Lochprojektor, marmoriertes Papier und vieles mehr. Man lernt, welche Wildpflanzen essbar sind, was die Längen- und Breitengrade bedeuten, warum man Damen selbstverständlich die Tür aufhält und wie man jongliert. Es gibt Exkurse über Grammatik, berühmte Erfinder, Sternbilder und Wolkenformen. Die Liste unverzichtbarer nützlicher Dinge lautet: Schweizer Armeemesser, Kompass, Stofftaschentuch, Streichhölzer, Murmel, Nadel und Faden, Bleistift und Papier, Taschenlampe, Lupe, Pflaster und Angelhaken.
Ergo: Dieses Buch ist nichts für übervorsichtige Spielverderber. Es sollte auch keinesfalls als naturwissenschaftliche Nachhilfelektüre ausgetrocknet und missbraucht werden. Freilich ist es gerade durch das Fehlen moderner Weichspülpädagogik ein wichtiges pädagogisches Buch. Denn zu viele Erzieher halten Jungen für potentiell verhaltensgestörte Aggressionsbündel und würden alles tun außer ihnen ein Taschenmesser in die Hand zu geben (es sei denn im erlebnispädagogischen Erziehungscamp...).
Dieses Buch illustriert: Das technische, geschichtliche, kulturelle Wissen macht den Unterschied aus zwischen dummem Haudrauf und überlegtem Abenteurer. Wenn man das handfeste Wissen und die praktischen Fertigkeiten für viele abenteuerliche Tätigkeiten besitzt, wenn man sie als Möglichkeit erlebt, Wildheit und Jungenhaftigkeit auszuleben, entsteht jener Sinn, der sinn-lose Aggressivität und andere Ausdrucksformen von Orientierungslosigkeit verhindern kann. Das macht den Unterschied aus zwischen dem Jungen, der sinnlos mit dem Stock auf Büsche eindrischt und dem Jungen, der daraus ein fahrtüchtiges Boot bat.
Wie die Igguldens schreiben: Dieses Buch zeigt, wie man sich die Sonntagnachmittage und langen Sommertage zurückerobert: Wenn man weiß, was man mit ihnen alles anfangen kann, werden sie spannend und abenteuerlich. Das Dangerous Book greift eine Tradition des Jungenseins auf, wie sie viele von uns nur noch aus Büchern kennen. Wir hätten als Kinder für ein so tolles Buch alles gegeben, weil es Kenntnisse vermittelt, die jeder Junge unbedingt haben muss. Denn was könnte wichtiger sein, als zu wissen, wie man Pfeil und Bogen bastelt oder die Wolkenformen bestimmt? ... Nach dem Lesen ... fällt es schwer, zu hinken und zu jammern, nur weil man sich gerade den großen Zeh ein bisschen angestoßen hat. Solche Geschichten sind ... auch ein Teil unserer Kultur, der nicht untergehen sollte.
Wer diesem Buch ohne Vorurteile begegnet und beim Blättern aus Vorfreude und eigener Erinnerung ganz elektrisiert wird, der darf sich viele Ratgeber über die Vaterrolle sparen. Denn wer bereits so jemand ist, wer sich die eigene Jungenhaftigkeit nicht aufpropfen muss, dessen Kind kann sich glücklich schätzen. Sind wir altmodisch? Vielleicht. Doch Jungen interessieren sich auch in einer Welt, die sich sehr verändert hat, noch immer für ganz viele Dinge, die schon ihre Väter faszinierten. ... Ein Buch also für Jungen, die ihren Weg gehen werden, und vielleicht sogar ein Buch für kommende Generationen.
Eines allerdings muss man der deutschen Übersetzung ankreiden: Am Ende hat sich eben doch ein wenig ideologiefreie Heuchelei eingeschlichen. So wurden die Zehn Gebote durch ein allzu unkritisches Kapitel über die Französische Revolution und die Menschenrechte ersetzt, Abschnitte über die Schlachten der Antike, über die Geschichte der Artillerie oder die Hasenjagd wurden gestrichen. Als würden sich Jungen (zumindest insgeheim und dann ohne Lenkung) nicht für diese Dinge interessieren. Entsprechendes Urteilsvermögen traut man den Lesern nicht zu und zensiert stattdessen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Vertretern jener Political Correctness, die dieses Buch im Grunde erst notwendig gemacht hat.