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Mit 70 ist man dann schon etwas Altersweise. Und lässt auch mal den einen oder anderen Blick hinter die Fassaden zu, wo sich ein durchaus sensibler Zeitgenosse verbirgt, der sich auch erlaubt, zu den Brüchen und Falten zu stehen, die ein intensives Leben nun mal hinterlässt. „Rolf Zacher - der Wanderer zwischen Welten. Recht und Unrecht, Sucht und meditativer Weg in die Innere Mitte, schriller Musiker und Schauspieler fürs fein gemachte Grobe“ beschreibt ihn ein Zeitungsporträt durchaus zutreffend.
Und da Musik immer ein Teil seines Lebens war, ist es durchaus folgerichtig, dass er sich, wenn auch spät, zunächst mit seinem Hörbuch & Musik Projekt „Rolf trifft Zacher“, dann 2008 mit seinem Debut-Album auf den Markt wagt: „Latest Hits“ als eine erste Kollaboration zwischen Zacher und dem Kölner Produzenten Martin Bechler, der ihm einige Songs maßgeschneidert zuspielte. Ergänzt durch drei Eigenkompositionen arbeitet sich Zacher hier mit seiner unvergleichlichen Reibeisenstimme mal rau, mal sensibel an den schwierigen Themen des Lebens ab – und man glaubt ihm sofort, dass es ihm damit sehr ernst ist. Singen wollte er ja schon immer – aber es wurde ihm ja bis dahin „nichts Interessantes angeboten“. So schreibt selbst der Rolling Stone zu diesem Album: „Zacher trägt die Lieder von Betrug, Beneblung und Begierde so überzeugend vor, wie das nur möglich ist“. Das sollte doch eigentlich der Ritterschlag sein, den er sich immer ein wenig erhofft hat, selbst wenn ihn das Leben auf dem roten Teppich ja eigentlich gar nicht interessiert.
Der Titel seines zweiten Albums „Danebenleben“ ist wie eine Unterzeile zu seiner noch nicht fortgeführten Biographie. 14 Songs, die Produzent und Autor Martin Bechler, schon bei „Latest Hits“ als sein kongenialer Spielpartner entlarvt, ungeschliffen und roh durch die Kanäle hat rauschen lassen. Geschichten von der Straße, von Frontalattacken und Flucht mit wehenden Fahnen, von der Liebe, der Wut und dem kompromisslosen Streben zur Endstation Freiheit. Mittendrin ein melancholisches Queen-Cover („Love of My Life“), der Album-Titel Song („Danebenleben“) oder der grenzdebile Song “Rockerbraut”.
Und wenn man dann die Empörung darüber verwunden hat, dass er sich auch noch an einer Händel-Arie vergreift, erkennt man die enorme melancholische Tiefe, die er diesem Stück verleiht, trotz einer Stimme, die das Genre „Reibeisenstimme“ auf der offenen Tom-Waits Skala um zwei Grad nach oben verschoben hat. Da mag man plötzlich auf die feinen Zwischentöne achten, die aus den Balladen wie „Scheissegal“, „In jeder gottverdammten Stunde“ oder auch „Die fetten Jahre“ klingen. Man hat eine gemeine Freude daran, wie Zacher sich streckenweise durch dieses Album randaliert und muss an einen aufgebohrten Chevrolet denken, der durchs Maisfeld jagt. Und sich damit doch seinen ganz eigenen Freiraum aufbaut, den eins unzerstörbar zusammenhält – diese unvergleichliche Stimme, mit der er auch schon Robert de Niro in „Hexenkessel“ synchronisierte oder Nicolas Cage in „Wild at Heart“.
Der letzte Song des Albums „Das Geräusch“ endet ganz unvergleichlich und einzigartig. Das will gehört werden...und ein Zitat von Rod Steiger, das schon auf dem Cover seiner Biographie zu lesen ist: „Für so einen wie Zacher würden sie in Amerika überall einen roten Teppich ausrollen“ lässt einen mit dem schadenfrohen Gefühl zurück, dass Rolf, Gott-Sei-Dank, einer von uns geblieben ist.
„Guten Morgen Deutschland, bitte alle friedlich sein“ und voll daneben leben.
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