„Odditorium Or Warlords Of Mars“
Die Dandy Warhols sind und bleiben unberechenbar – und das macht sie zweifellos zu einer der spannendsten Bands im heutigen Rock’n’Roll-Universum. Nachdem die Band aus Portland, Oregon im Jahr 2000 mit ihrem dritten Album „Thirteen Tales From Urban Bohemia“ – angetrieben vom internationalen Erfolg der Single „Bohemian Like You“ – ihr überfälliges kommerzielles Coming Out feierte, folgte vor zwei Jahren mit ihrem Album „Welcome To The Monkey House“ ein ganz auf musikalische Manierismen der Achtziger konzentriertes Werk inklusive eines überraschenden Tete-a-tetes mit Duran Duran. Ganz anders wiederum verhält es sich mit dem fünften Opus: „Odditorium Or Warlords Of Mars“. Hier haben sich Courtney Taylor-Taylor (Gesang, Gitarre, Keyboards), Peter Holmström (Gitarre), Zia McCabe (Bass, Keyboards) und Brent DeBoer (Schlagzeug) offensichtlich ohne Rücksicht auf Verluste genau so ausgetobt, wie sie dies auch bei ihren exzessiven Konzerten zu tun pflegen. In ihrer eigenen Fabrikhalle in Portland, Odditorium genannt, haben sich die Dandy Warhols nicht nur ein Studio eingerichtet, sondern auch eine Bühne aufgebaut, auf der sie für ihr neues Album neben einigen formidabel auf den Punkt gerockten Songs wie „Smoke It“ und „All The Money Or The Simple Life Honey“ auch einige ausufernde Jam-Sessions einspielten, aus denen schließlich ihre bis dato wohl psychedelischsten und experimentellsten Songs entstanden.
Das Album beginnt mit dem aberwitzigen Intro „Colder Than The Coldest Winter Was Cold“: Bill Kurtis, Anchorman der US-Fernsehserie „American Justice“, preist die Dandy Warhols als Erfinder des Rock’n’Roll und schiebt Courtney Taylor-Taylor sogar das Zitat „It’s only rock’n’roll but I like this” unter. Einer erfinderischen Band unter Laborbedingungen meint man dann wahrlich zu begegnen, wenn das erste Stück beginnt: ein lässig swingender Boogie der psychedelischen Art, den Courtney mit heiserer Stimme geradezu zu durchleiden scheint, als plagten ihn Kopfschmerzen. „Love Is The New Awful“ heißt dieser in schlingernde Gitarrenlinien und Feedbackschlieren abdriftende Track, der am Ende noch von einer einsamen Trompete umweht wird. Nicht minder episch, wenn nicht monumental setzt „Easy“ mit coolen Riffs und Rhythmen zu einer weiteren psychedelischen Performance an, die Warhol’s Factory alle Ehre macht und in einem von wilden Fanfaren gesteigerten Crescendo mündet. Ihre erste richtige Rock’n’Roll-Rakete zünden die Dandy Warhols jedoch erst mit “All The Money Or The Simple Life Honey“: mit breiter Brust die Stones zitierend und doch deutlicher denn je geprägt von der eigenen Handschrift. Eine Kunst für sich. Produzentenlegende Alan Moulder (Jesus And Mary Chain, My Bloody Valentine, Nine Inch Nails) hat den Track zudem fürs Radio noch einmal um einige Dezibel verstärkt.
So wechseln die Dandy Warhols locker zwischen richtigen Krachern für jeden Rock’n’Roll-Dancefloor wie „Smoke It“ und „Down Like Disco“ einerseits und rauchgeschwängerten Klanggewittern mit einem wahren Furiosum an Instrumenten und Sounds wie „Holding Me Up“ und „A Loan Tonight“ andererseits. Auf dem etwas mehr als einstündigen Trip versuchen sich die Dandys selbst an einem von Natur aus eher biederem Genre, doch schon der Titel „The New Country“ spricht für das etwas andere Ergebnis. Mit solchen Verrücktheiten kultiviert die Band, die sich auch vor Songtiteln wie „Everyone Is Totally Insane“ nicht scheut, ihren eigenen Mythos. Den ließen sie zuletzt von dem Dokumentarfilmer Ondi Tominer ein wenig unter die Lupe nehmen: In dem auf dem Sundance Film Festival 2004 mit dem Jurypreis ausgezeichneten Film „Dig!“ steht die schwierige Beziehung zwischen den Dandy Warhols und der befreundeten, jedoch weitaus weniger bekannten kalifornischen Band Brian Jones Massacre im Mittelpunkt. Auch der Regisseur Michael Winterbottom baute in seinem jüngsten Film „9 Songs“ einen Auftritt der Dandy Warhols ein. „Odditorium Or Warlords Of Mars“ ist ein weiterer wichtiger Mosaikstein in ihrer schillernden Karriere, ein Album, auf dem eine gesunde Portion Disziplinlosigkeit den vorzüglichen Nährstoff für guten Rock’n’Roll bildet. The Real Dandy Warhols Experience. Auf die Herbsttournee in diesem Jahr kann man sich besonders freuen.
Oktober 2005
Diese Biografie wurde von den Künstlern oder deren Vertretern bereitgestellt.