Wenn ja, warum nicht Dancing? Ich besitze die CD jetzt seit fast einem Jahr und habe mit der Besprechung lange gewartet, weil ich ständig neue, grandiose Momente entdeckte. Auch wenn ich die CD nach mindestens hundertfachem Hören immer noch nicht wirklich kenne, will ich meine - vorläufige - Meinung nicht länger zurückhalten. Obwohl es schon die 7. Mike Keneally Studio-CD ist, ist es eine kleine Premiere, denn erstmals sind Beer For Dolphins bei jedem Song in unveränderter Besetzung dabei und das Resultat ist überwältigend. Alle Einflüsse, für die wir Keneally schon immer liebten sind noch da, aber Zappa, die ganzen Prog-Rocker und auch Steely Dan treten auf Dancing mehr noch als auf "Sluggo!" in den Hintergrund und machen Platz für einen Songwriter, der endgültig seine eigene, unverwechselbare Sprache gefunden hat. Natürlich hören wir auch Keneally den autodidaktischen Gitarrenvirtuosen, aber auf "Dancing" ist er weit entfernt von kraftmeierischen Kabinettstückchen, wie er sie bei Auftritten mit Steve Vai zeigt. Nein, hier hören wir eine 8-köpfige Rockband im besten Sinne, perfekt aber nicht überproduziert. Der Sound ist transparent und räumlich und jeder neu hinzukommende Baustein meiner Hifi-Anlage wird sich daran in Zukunft messen lassen. Wenn Chris Opperman (der eigentlich Komponist und Pianist ist) sein Trompetenriff im Hit "Live In Japan" spielt, sind wir irgendwo zwischen Booker T.,Motown und Stax um uns danach bei Ankle Bracelet mglw. ernste Halswirbelschäden zuzuziehen. Nie hat derart ernstzunehmende, erwachsene Musik mehr zu wilder, postpubertärer Luftgitarrenakrobatik verleitet ohne gängige Heavy-Klischees zu bedienen als dieser Song! Aber es bleibt nicht dabei, denn auch der Rest der fast 80-minütigen CD ist ein stetig anschwellender, mäandernder Strom der schließlich episch in „Kedgeree" mündet, einem Fest bei dem sich Jason H. Smith endgültig in Keith Moon verwandelt. Dancing glänzt durch beeindruckende rhythmische und melodische Vielfalt in der sich alle - zum Großteil klassisch geschulten - Musiker kollektiv einbringen, gerade auch die "Neuzugänge". Die Perkussionistin und Vibraphonistin Tricia Williams, sonst eher klassisch unterwegs und Dauergast bei Chris Opperman's Random Factor, ist eine echte Bereicherung und Saxophonist und Flötist Evan Francis sprengt mit seinen Eric Dolphy inspirierten Soli die Grenzen des Genres. Fazit: Wer einfach gute Rockmusik sucht, wird hier sehr guten Rock finden und nach und nach wird die Komplexität und Virtuosität dieses einzigartigen Albums offenbar. Tip: Keneally's Homepage besuchen (Adresse darf man hier nicht nennen - ist aber einfach zu finden) technisch nicht ganz auf dem neusten Stand, dafür gibt es aber richtig viel an Hintergrundinfos, u.a. seine Tourtagebücher der letzten Frank Zappa Tour