Puh. Geschafft - endlich! Wer hätte gedacht, dass "A Song of Ice and Fire" dermaßen langatmig sein könnte?! Wie die meisten Leser der Reihe, die bei diesem fünften Band angekommen sind, habe ich die ersten drei Bücher mit großer Begeisterung regelrecht verschlungen. "A Feast for Crows" fiel dagegen schon deutlich ab: ich persönlich habe insbesondere Tyrion vermisst, und die neu eingeführten Charaktere und Schauplätze (Dorne, Iron Islands) fand ich größtenteils uninteressant. Immerhin, Jaimes und Briennes Geschichten haben mir ganz gut gefallen, und auch Cerseis Kapitel (vor denen mir etwas gegraut hatte) waren besser als erwartet. Und nun also das lang angekündigte und heiß ersehnte "A Dance with Dragons"... oh Himmel, 'zäh' ist ja gar kein Ausdruck! Fast 6 Wochen habe ich an dem Wälzer herumgekaut und bin mehr als froh, das Elend endlich hinter mich gebracht zu haben.
Wo anfangen... wie schon mehrfach erwähnt wurde, passiert auf etwa 1.000 Seiten insgesamt recht wenig. Fast alle Handlungsstränge treten mehr oder weniger auf der Stelle. Es wird viel und gern darüber diskutiert, was man tun könnte/sollte/müsste - tut es dann aber nicht. Etliche Charaktere machen sich von A nach B auf - kommen dort aber nicht an. Und wenn doch, machen sie am Ziel nicht das, wozu sie eigentlich aufgebrochen sind. Während Spannung Seltenheitswert hat, gibt es unwichtige Nebensächlichkeiten in Hülle und Fülle. Wann immer sich jemand zum Essen hinsetzt (was alle paar Seiten der Fall ist), wird das komplette Menue inklusive Zubereitungsarten zitiert. (Merke: alles wird mit Honig gewürzt und in Meereen isst man gerne Hund... oops, hätte ich diese überaus wichtige Info als *Spoiler* markieren müssen?!) Wenn 3, 10 oder auch 50 Männer irgendwo herumstehen/laufen/einen Raum betreten, wird von jedem der komplette Name inklusive Titeln und Familiengeschichte erzählt. Banner, Landschaften, Kleidung, Historisches ohne jede Relevanz für die eigentliche Geschichte - alles wird bis ins kleinste Detail und bis zum Erbrechen beschrieben. Im Laufe des Buches habe ich viele Absätze und zwischendurch auch ganze Seiten nur überflogen, weil sie ausschließlich aus derartigem Fülltext bestanden.
Tyrion, Jon und Daenerys sind zwar jetzt wieder mit von der Partie... aber leider auch neue oder erst vor kurzem eingeführte Charaktere und Schauplätze, die kaum jemanden interessieren dürften. Kapitel um Kapitel um Kapitel wird auf Figuren und Handlungsstränge verschwendet, die so unspannend sind wie der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt. Nur sehr wenige Leser wird es z.B. kümmern, was Victarion denkt, sagt oder tut. Ich verstehe nicht, was GRRM mit der Einführung immer neuer Charaktere bezweckt. Als hätte er nicht schon genug Schwierigkeiten, die Handlungsstränge der bereits vorhandenen Figuren einem Ende zuzuführen. Mag sein, dass Martin mit all diesen Figuren noch viel vor hat und sie irgendwann mal (so in Band 25) eine tragende Rolle spielen sollen... aber selbst wenn es so sein sollte: sie sind schlicht und ergreifend langweilig.
Wohl um von dem Mangel an Handlung und dem Überfluss an Belanglosigkeiten abzulenken, hat der Autor den Anteil an typischen Fantasy-Elementen im Vergleich zu den ersten Bänden drastisch erhöht. Keine gute Idee, denn der ganze Hokuspokus (Untote/Unsterbliche/Menschen, die sich in Tiere verwandeln/Menschen, die in andere Menschen verwandelt werden/Zauberwaffen und und und) wirkt aufgesetzt und ist meist unbeholfen beschrieben. Die ersten Bände von ASoIaF waren so gut, weil sie eine so realistische, mittelalterliche Welt beschrieben haben. Klassische Fantasy können andere einfach besser.
Fairerweise muss ich nach all den negativen Punkten erwähnen, dass es an der Sprache, in der das Buch geschrieben ist, nichts zu kritisieren gibt. Keine Frage, Mr Martin kann schreiben. Und zwischendurch - vereinzelt und viel zu selten, aber immerhin - stolpert man über Passagen, die wirklich gut sind und die einen daran erinnern, warum man von der Reihe anfangs so begeistert und fasziniert war. Theons Geschichte z.B. fand ich spannend, und Tyrions Charakter halte ich immer noch für sehr gelungen (auch wenn seine Auftritte in diesem Band zu seinen schwächsten zählen). Leider wird jeder kleine Lichtblick unweigerlich gefolgt von vielen Kapiteln gähnender Langeweile. Es ist mir ein Rätsel, wie es erst AFFC und jetzt ADWD an einem Lektor vorbeigeschafft haben. Beide hätte man ohne Verlust für die Handlung um mehr als die Hälfte kürzen können und meiner Meinung nach auch müssen.
Ja, ich werde "The Winds of Winter" trotzdem mit Sicherheit lesen. Dass das in Kürze erscheinen wird, ist angesichts der Publikationshistorie von GRRM mehr als unwahrscheinlich. Insofern muss man fast dankbar sein, dass ADWD derart öde geraten ist - ich zumindest bin froh, dass ich mich auf absehbare Zeit wieder Autoren widmen kann, die in der Lage sind, ihre Geschichten in 1-3 Büchern zu Ende zu erzählen.