Thren Felhorn ist der gefürchtetste Dieb und Mörder von Dezrel. Seit Jahren hält er die Reichen und Mächtigen des Trifect in Atem, die seine Kontrolle über die Gaunergilden der Stadt Valdaren zu brechen versuchen. Nun droht ein offener Krieg auszubrechen, wobei beiden Seiten jedes Mittel recht ist. Mitten in diesen Konflikt wird Felhorns Sohn Aaron hineingezogen, der seit frühester Kindheit als sein Nachfolger gedrillt wird. Felhorn will aus ihm den perfekten, eiskalten Killer machen und unterdrückt erbarmungslos jede Regung von Freundschaft, Mitleid, Vertrauen oder Glauben.
Bei Aaron scheint diese Saat aufzugehen; bereits mit 8 Jahren begeht er scheinbar ungerührt einen besonders verwerflichen Mord. Als er die Tochter eines Priesters töten soll, gewinnen seine Bedenken die Oberhand und setzen eine ganze Kette von Ereignissen in Gang, die auch für die Machtkämpfe in der Stadt von entscheidender Bedeutung werden sollen.
Bereits von der Auftaktszene an legt die Handlung ein hohes Tempo vor, und wenn man in die Geschichte einsteigt, wird einem schnell klar, daß es hier nicht um zartere Gefühle geht. Wie Aaron, selbst noch ein Kind, seinem Vater hörig schon früh zu morden beginnt, setzt den düsteren Grundtenor der Handlung, die im weiteren Verlauf mit immer erschreckenderen Grausamkeiten aufwartet, die von den handelnden Charakteren ohne großes Aufhebens hingenommen werden.
Einen wesentlichen Teil des Plots macht der Konflikt zwischen dem alles beherrschenden Vater und seinem wortlos folgenden Sohn aus. Wie dieser um jeden Preis auf Linie gebracht werden und lieber gebrochen sterben als einen eigenen Willen entwickeln soll, ist realistisch in Szene gesetzt. Wie Aaron damit umgeht und welchen Preis er und andere, die für ihn einstehen, dafür zahlen müssen, ist eine der Stärken des Plots, der viele weitere Schichten von Machtkämpfen innerhalb der Gilden, unter den Mächtigen und am Königshof aufbietet.
Ein weiterer Machtfaktor in Dezrel sind zwei Glaubensrichtungen, die oft mehr mit weltlichen Dingen und Machtzuwachs beschäftigt scheinen als mit Glauben und Barmherzigkeit, und dafür gern selbst eine Waffe in die Hand nehmen oder andere dafür anheuern. Hier stechen besonders die Gesichtslosen heraus - die Ausgestoßenen und unterste Kaste der Anhänger des Gottes Karak; Frauen, die völlig verhüllt, unter Zuhilfenahme von Magie und Schatten, die sie wie ein Umhang umhüllen, lautlos den Tod über ihre Gegner bringen.
Dalglish glänzt mit der Darstellung zahlreicher Kampfszenen, die gemeinsam mit komplexen Intrigen das Tempo der Handlung hochhalten. Der Einsatz von Magie hält sich eher im Hintergrund, sie stellt lediglich eine weitere Waffe dar, die die Kämpfenden einsetzen. Innerhalb der eher klassischen Fantasy-Kulisse von Königen und Gilden macht sich positiv bemerkbar, daß hier auch Frauen eine wichtige Rolle bei den Kämpfen und Machtspielen innehaben. Romantische Elemente werden angedeutet, spielen aber keine wesentliche Rolle für die Handlung, die mehr von menschlichen Abgründen jeder erdenklichen Art handelt und wenige gute Seiten der Handelnden zeigt.
Teil 1 der Trilogie endet mit einem furiosen Showdown zwischen den Gilden und den Mächtigen, der ein neues Kräfteverhältnis herbeiführt und das Ende einiger bisheriger Hauptfiguren bringt, mit dem der Leser nicht unbedingt gerechnet hätte. Die Fortsetzung, A DANCE OF BLADES, ist bereits erhältlich.
Auf das Buch wurde ich in den englischsprachigen Bestsellerlisten aufmerksam; von dem Autor hatte ich bisher noch nichts gelesen oder gehört. Ich hatte allerdings die Befürchtung, einen Aufwasch von Weeks' Assassins-Trilogie in die Hände zu bekommen. Mit den Assassinen scheint es in der Fantasy jedoch zu sein wie mit den Drachen - immer wenn man denkt, es gibt zu dem Thema nichts Interessantes mehr zu erzählen, kommt ein Autor, dem es gelingt, den Leser eines Besseren zu belehren. Dalglishs Stil erinnert nur teilweise an Weeks; ich bin mir noch nicht schlüssig, an wen er mich am meisten erinnert. Wer jedenfalls gern Martin, Morgan, Weeks oder Lynch liest, sollte Dalglish eine Chance geben. Ich habe es jedenfalls nicht bereut.
Übrigens habe ich dieses Buch als eBook auf dem Kindle gelesen und konnte so die anfangs wochenlange Lieferfrist umgehen und den günstigen Preis nutzen. Einziger Nachteil an der Kindle-Ausgabe ist, daß man das wunderbar gestaltete Cover, das eine der Gesichtslosen darstellt, nicht in die Hände bekommt.