"Amok ist eine Form der Wiederkehr des durch den Prozess der Zivilisation Verdrängten und Exkommunizierten, der Einbruch der Gewalt in eine aggressionsgehemmte Kultur", schreibt Götz Eisenberg, Sozialwissenschaftler und Gefängnispsychologe. Amok sei letztlich ein Symptom der fortgeschrittenen Entfremdung.
Dieses Buch ist wahrscheinlich die aktuellste, aber für mich auch die fundierteste Sachanalyse zum Thema, die ich in der vergangenen Zeit gelesen habe. Angereichert mit sorgfältig recherchierten Fakten macht der Autor vor den Grenzen unseres Alltags nicht Halt, setzt uns in Bezug zu den Tätern, stellt unser tagtägliches Verhalten auf den Prüfstand.
Eisenberg bringt mich mit dem Thema des "Alltagsamok" in Berührung. Er nutze den Begriff des Amok nicht allein im Zusammenhang der perversen Bluttaten eine Robert S., Sebastian B. oder Tim K., für ihn ist Amok mehr als die Tat. Für ihn ist es die Spitze eines Eisbergs, eines Systems, in dem der Begriff der Leistung mehr und mehr den Wertebegriff ablöst. Eine Gesellschaft aber, deren Strukturen sich auflösen, ist verloren ohne Werte. Statusdenken kann letztlich eine positive Selbstidentität nicht ersetzen.
"Dicht unter der Oberfläche des Alltags und angepasster Verhaltensweisen schlummern heftigste Aggressionen und brechen bei erster Gelegenheit auf. Was sie einst hemmte, erodiert oder wird gar nicht mehr erworben", heißt es da weiter. "In Krisenzeiten wie den unseren reichert sich der Konformismus vieler Leute mit Bösartigkeit und Feindseligkeit an. Den zwischenmenschlichen Beziehungen ist etwas zutiefst Feinseliges beigemischt, und wer sehen will, der erkennt den Kern von Gewaltförmigkeit im sozialen Frieden der bürgerlichen Gesellschaft."
Aber wer will das schon, wirklich hinsehen? Der narzisstische Mensch sieht den Fehler stets nur bei seinem Gegenüber. Er möchte sich nicht mit Strukturen auseinander setzen, die ihn und sein labiles Selbstbild bedrohen. Umso weniger wird er es sein, der sich selber in die Denkweise eines anderen, schon gar nicht eines Amokläufers hinein versetzt. Er verurteilt, ohne wirklich zu wissen. Er straft sein Umfeld mit Überheblichkeit, aber ändern wird er sein Verhalten nicht.
"Der gewaltsame und menschenfeindliche Charakter einer basal auf Kälte, Konkurrenz und Gleichgültigkeit gestimmten Gesellschaft und ihre Tendenz zur Selbstzerstörung werden vom Amokläufer gleichsam aus der Abstraktion gerissen und zur Kennlichkeit gebracht", schreibt Eisenberg. Der Amokläufer zwingt uns förmlich hinzusehen, dennoch verschließen wir die Augen.
Neben Tatsachenberichten, Gesellschaftsanalysen und Fakten, Fakten, Fakten beschreibt der Autor immer wieder alltägliche Situationen, die ihm während seiner Arbeit an dem Buch "widerfahren" sind, Beobachtungen von nebenan. Anfeindungen, die aus dem Nichts geschehen, sich urplötzlich bahnbrechnde aggressive Akte gegenüber Fremden und Vertrauten, durch nichts zu rechtfertigende Attacken. Szenen, wie sie täglich mehrfach in unserem Umfeld passieren und die wir kaum mehr wahrnehmen. Zu sehr haben wir uns bereits daran gewöhnt.
"Werte bedürfen der Beglaubigung durch Lebensformen, sie müssen von Menschen, an die eine emotionale Bindung besteht, vorgelebt werden, nur dann rutschen sie nach innen und setzen sie sich dort im Sinne von handlungsleitenden Maximen fest", so Eisenberg. Ebenso verhält es sich aber leider auch mit zerstörerischen Werten. Ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht, mein Handeln setzt sich in meinem Umfeld fort.
Letztlich kann sich also niemand seiner Verantwortung für diese Taten entziehen. Es trifft uns vielleicht im Einzelnen keine Schuld daran, dass ein junger Mensch schwer bewaffnet den Schulhof seiner ehemaligen Schule betritt und auf Menschen schießt, aber wir tragen die Mitverantwortung für das Umfeld, in dem wir leben. "Die Grenze verläuft nicht zwischen den 'guten' und den 'bösen' Menschen, sondern mitten durch jeden von uns", schließt denn auch Götz Eisenberg seine Analyse. "[U]nd es hängt von den Umständen ab, welche Seite der Ambivalenz schließlich lebensbestimmend wird."
Wer immer sich mit dem Thema Amok auseinander setzt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen!