Der vierte Band der Erzählungen Tschechows (1860-1904), aus Anlass des hundersten Todestags bei Artemis & Winkler herausgegeben vereinigt einige der bedeutendsten Prosawerke dieses grossen Humanisten der Weltliteratur. Man denke nur an „Rothschilds Geige", „Herzchen", „Der Mensch im Futteral" oder „Der Bischof".
Die Spanne der literarische Entwicklung, die zwischen den ersten kurzen, spritzigen Humoresken, unter dem Pseudonym Antoscha Tschechonte in Unterhaltungsblättern veröffentlicht, und diesen umfangreicheren, tieferen Werken liegt, ist unendlich weit. Keine Pointe mehr, auf die zügig hingearbeitet wird, sondern ein feines Ausklingen ohne Schlusspunkt - eigentlich genau dann, wenn die Geschichte in eine entscheidende Phase zu treten scheint.
Greifen wir „Die Dame mit dem Hündchen" heraus, die Geschichte, die dem vorliegenden Band ihren Titel gibt. Sie ist 1899 entstanden und zählt heute zu den Höhepunkten Tschechowscher Prosa. Dmitrij Dmitritsch Gurow und Anna Sergejewna von Diederitz lernen sich in einem langweiligen Kurort, Jalta auf der Krim, kennen. Da beide verheiratet sind, trennt sie zunächst ihr Stand. Da nicht Liebe die primäre Grundlage ihrer Ehen ist, stürzt diese Scheidewand bald jäh ein. Während Gurow den Ausbruch (offenbar nicht sein erster) fast routinemässig betreibt, ist es bei Anna ein Widerstreit aufwallender Gefühle. Beide kehren in ihr angestammtes Leben zurück, aber Gurow setzt Anna nach und trifft sich mit ihr im geheimen. Als sich der Leser zu fragen beginnt, wie dies wohl enden wird - mit Selbstmord wie Tolstojs Anna Karenina? als Happy-end? - bricht die Erzählung ab. „Und es schien, es brauche nur noch ein weniges, und die Lösung wäre gefunden, und dann beginne ein neues, herrliches Leben, und beiden war klar, dass es bis zum Ende noch weit, sehr weit war und dann der komplizierteste und schwierigste Teil gerade erst begann:"
Der Leser ist nun frei, selbst eine ihm zusagende Lösung zu finden. Schon Nabokov empfahl, die Werke Tschechows „so oft wie möglich in die Hand zu nehmen und durch sie hindurchzuträumen."
Das bewährte Uebersetzerteam Vera Bischitzky, Kay Borowsky, Barbara Conrad, Ulrike Lange, Barbara Schaefer und Marianne Wiebe bleibt auch im letzten Band auf der Höhe seiner Aufgabe: zarte Stimmungsbilder, erschütternde Selbsterkenntnisse, angedeutete Symbolik und kraftvolle Dialoge erscheinen lebendig, berührend und flüssig übersetzt.