Seit Jahren lebt die Japanerin Etsuko in England; ebenso wohnen ihre beiden Töchter in der Nähe, wenngleich jeder sein eigenes Leben führt. Mit ihrem alten Leben im Nagasaki der Nachkriegszeit hat Etsuko bereits abgeschlossen, kaum mehr als eine vage Erinnerung ist ihr davon geblieben, kaum mehr als ein Schleier, der hin und wieder in ihr Jetzt treibt - bis zu dem Tag, da ihre älteste, noch in Japan geborene Tochter Selbstmord begeht und damit tief vergrabene Erinnerungen wieder frei setzt.
Etsuko zieht es in ihren Erinnerungen noch einmal nach Nagasaki; in die Zeit, als sie schwanger und noch verheiratet war, in der sie die Bekanntschaft mit einer Frau namens Sachiko und deren Tochter Mariko machte ...
Der Autor Kazuo Ishiguro sagte mir vorher gar nichts, lediglich aufgrund des japanischen Titels bin ich zu dem Buch gestoßen. Dass man es bei Ishiguros Büchern nicht gerade mit schnellen und aktionsschweren Texten zu tun habe, las ich bereits, bevor ich mit dem Buch anfing, sodass ich ahnen konnte, was mich erwarten würde: »Damals in Nagasaki« ist eine sehr stille und langsame, deshalb aber nicht langweilige Geschichte, bei der die eigentlichen Ereignisse und Geschehnisse nicht direkt angesprochen werden, sondern eher zwischen den Zeilen zu finden sind. Besonders ausgeprägt fiel mir das bei den häufigen und meistens etwas längeren Dialogen auf, die sehr japanisch anmuten. So sind sie einerseits voller Höflichkeitsfloskeln, die den Gesprächsinhalt nicht selten so sehr verzerren, dass er kaum noch als solcher wahrzunehmen ist, andererseits aber auch sehr behutsam und feinfühlig.
Wer sich nicht auf sehr langsame, stille und aktionskarge Texte einlassen möchte oder hofft, ein detailliert ausgeschmücktes Bild des Nachkriegs-Nagasakis vermittelt zu bekommen, dem kann ich von der Lektüre nur abraten. Wer dagegen Lust auf einen Text hat, bei dem er sich sowohl Teile der Geschichte als auch viel Unausgesprochenes selbst zwischen den Zeilen erlesen möchte, der wird »Damals in Nagasaki« durchaus mit Genuss lesen.
Allerdings wird der Genuss ein wenig dadurch getrübt, dass das Lektorat (bei mir: 2. Auflage) unglaublich nachlässig war; weniger bei der Rechtschreibung als bei der Zeichensetzung. So fehlt recht häufig das Ende einer wörtlichen Rede - oder es tauchen Anführungszeichen oder Kommata auf, wo sie absolut nicht hingehören ...