Reinhard Baumgart, Literaturkritiker vom Range eines Marcel Reich-Ranicki und wohl nur deswegen bei weitem nicht so populär und bekannt geworden wie dieser, weil er zu selbstgefälligen Selbstinszenierungen weit weniger neigte, liefert mit seinen "Bekenntnissen" eine Art Vermächtnis ab. Auch dieses letzte Buch seines abrupt zu Ende gegangenen Lebens ist keine Selbstinszenierung, auch wenn Eitelkeiten - welcher Autor wäre ganz frei davon? - zuweilen durchscheinen.
Baumgart stellt anschaulich, wenn auch in mitunter mühsam sich zu einem gefälligen Ganzen fügenden Sätzen 70 Jahre deutsche Zeit- und Literaturgeschichte mit z.T. sehr privaten Einblicken in das Leben zeitgenössischer (Martin Walser) und historischer (Thomas Mann) Größen des Literatur-Betriebs dar. Baumgarts wechselvolles Leben gestattet dem Leser Einblicke in die Verlagsbranche, den Feuilleton, die Schriftstellerei, das Theater, die Universität und schließlich nicht zuletzt auch die Filmemacherei ("Sommer in Lesmona"). Zwei Höhepunkte ragen heraus: Baumgarts Erleben des Krieges von der braun und brauner werdenden Kindheit im schlesischen Lissa über die Dresdner Bombennächte bis hin zur abenteuerlichen Flucht nach Westen einerseits und zweitens das, was Baumgart (z.T. an pikanten Details) über die legendäre Gruppe 47 zu berichten weiß. Führt man sich vor Augen, mit was für (aus heutiger Sicht) fast schon lächerlichen linken Illusionisten man es da zu tun hatte und dass die Stimmen einiger von diesen Weltverbesserern mit Mao-Bibel (dafür aber oft ohne Rezept für ihre eigenen Lebensprobleme) noch heute großes Gewicht im gesellschaftlich-politischen Diskurs haben und die öffentliche Meinung (etwa im Hinblick auf Irak-Krieg und Amerika-Bild) nicht unerheblich beeinflussen, bekommt dieses Buch im Jahre 2005 zusätzliche Aktualität: Es hilft die Sackgasse zu erklären, in die Deutschland mit einer Regierung geraten ist, die sich ja maßgeblich aus 68ern zusammensetzt bzw. aus solchen, die dem Orakel dieser Generation vielleicht zuweilen ein bisschen zu blind vertraut haben.