Henry James kurze Erzählung "Daisy Miller" erschien im englischen Original im Jahr 1879. Im selben Jahr als Henrik Ibsens "Nora" die Theaterbühnen Europas mit ihrem selbstbewussten Abgang erschütterte. Zu einer Zeit als man in der Neuen Welt Amerikas auf der "Jagd nach dem Glück" schon fortschrittliche Regeln hatte, während in Europa noch die strengen moralischen Gesetze des viktorianischen Zeitalters galten. Diese Epoche des 19. Jahrhunderts, deren Name auf die damalige englische Königin Viktoria zurückgeht, zeichnete sich durch eine strenge Etikette und prüde Sittlichkeitsvorstellungen aus. Gerade was das schickliche Verhalten junger unverheirateter Damen anging. Wie passt Daisy Miller in dieses Schema und vor allem was will Henry James mit seiner Heldin zeigen?
Der Amerikaner Frederick Winterbourne lebt seit seiner frühesten Kindheit in der Schweiz. Er besucht regelmäßig seine Tante in ihrem Schweizer Ferienort, wenn diese sich dort zur Sommerfrische aufhält. Bei dieser Gelegenheit lernt er die junge Amerikanerin Daisy Miller kennen, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder quer durch Europa unterwegs ist. Winterbourne fühlt sich auf den ersten Blick zu dieser schönen und ungewöhnlichen Frau hingezogen. So ganz anders als europäische Frauen, ist diese unbefangene Amerikanerin, die sich alles andere als Damenhaft verhält. Im darauffolgenden Jahr reist Winterbourne ihr nach Rom hinterher. Unter dem Vorwand seine Tante zu besuchen, sucht er erneut die Begegnung mit Daisy, für die er sich nach wie vor sehr interessiert. Zu seiner Bestürzung muss er feststellen, dass diese, durch einige leichtsinnig eingegangene Männerfreundschaften, einen gefährlichen Weg eingeschlagen hat.
Henry James hat ein scharfes Auge für die Befindlichkeiten der oberen Gesellschafts-schichten. Detailliert beschreibt er zunächst den Rahmen indem sich die Geschichte abspielt. Die unbeschwerte, luxuriöse Umgebung für reiche Müßiggänger. Ein prunkvolles Hotel in einem kleinen Ort in der Schweiz, ein ebensolches in Rom. Bälle und Empfänge in reichen, von vornehmen Familien bewohnten Häusern. Wer zu den oberen Zehntausend gehören will, muss sich nach deren Regeln richten. Daisy Miller will dies nicht. Gesellschaftliche Ächtung ist die Strafe für ein solches Verhalten. Gerade dieser Umstand ist für Frederick reizvoll aber auch abschreckend. Er hat nicht vor die Ketten der Etikette zu sprengen. Der unbekümmerte Esprit Daisys fasziniert ihn und stößt ihn gleichermaßen ab. Steif und förmlich tritt er Daisy gegenüber, wann immer sie ihm locker und ungezwungen begegnet. Dennoch ist eine knisternde Spannung zwischen den beiden spürbar. Zu spät erkennen die beiden was sie für den jeweils anderen aufzugeben bereit gewesen wären.
Diese Entwicklung beschreibt Henry James sehr anschaulich und, rein lesetechnisch, leicht verdaulich. Kein Vergleich zu dem düsteren Schwermut des "Bildnis einer Dame". Seine Sprache ist ironisch und trifft immer den Kern der Sache. Wer sich also für das Leben einer selbstbewussten und reichen aber nicht angepassten Frau im ausgehenden 19. Jahrhundert interessiert ist mit dieser Erzählung bestens bedient. Wer sich für die sprachlichen Eigenheiten der englischen Literatur dieses Zeitabschnittes begeistern kann, wird mit dieser Erzählung ebenfalls reichlich belohnt. Wer einfach nur eine kurze, aber anspruchsvolle Lektüre für einen entspannten Nachmittag sucht, kann unbesorgt zu diesem Buch greifen. Schöner kann man "Geschichte" nicht lesen.