"Alles wird gut für den, der warten kann" - so formulierte es einst Leo Tolstoi. Mal wieder bewahrheit sich die kühne These bei der Lektüre des neuen Kriminalromans von Christian Schünemann. Wenn der Leser - ich meinem Fall die Leserin - sehnsüchtig auf das neue Buch eines der Lieblingsautoren wartet, mischt sich in dieses Warten oft Bangigkeit. Wird das Leseglück sich auch dieses Mal wieder einstellen? Oder lässt der Autor nach, wie einige seiner Kollegen, die "in Serie" schreiben und nahezu jedes Jahr mit einem neuen Roman herauskommen? Christian Schünemann hat n i c h t nachgelassen. Im Gegenteil: er hat sich gesteigert. Mit "Daily soap" hat er, wie ich finde, das bisher beste Buch seiner Frisör-Reihe vorgelegt - was sicher nicht leicht war, da auch die Vorgänger schon Spitzenklasse sind. Der neue Roman handelt in der Welt der Seifenopern - jener knallbunt-trashigen Filme, die Millionen Menschen sich täglich anschauen, um der Ödnis der eigenen Existenz für ein halbes Stündchen zu entrinnen. Diese Soaps sind stets dramatisch - trotz ihrer Simplizität basieren sie auf den Elementen der griechischen Tragödie. Das echte Drama entwickelt sich jedoch hinter den Kulissen. Alternde Schauspieler, die hier noch einmal eine (letzte) Bühne zu finden hoffen; junge Mimen, die hochfliegende Träume hegen und gleichzeitig ahnen, dass ihr Auftritt in einer Soap bereits das Ende vom Anfang sein könnte. Producer, Autoren und Regisseure, deren Existenz daran hängt, ob es gelingt, erschlaffte Zuschauerquoten erneut in die Höhe zu treiben. So sind Angst und Schrecken, Eifersucht und Missgunst, Intrigen und Lügen der Stoff, aus dem Schünemann seinen neuen Krimi entwickelt hat. Er schildert diese Welt in der bravourös-eleganten Hochsprache, die seine Leser von ihm gewohnt sind, mit ebenso feiner wie spitzer Feder. Obwohl einige Protagonisten des Buches arge Unsympathen sind, gelingt es dem Autor, mit Empathie und Wärme über sie zu schreiben. Das ist einer der Gründe, warum Schünemanns Bücher glücklich machen: nie denunziert er seine Figuren, nie beschädigt er sie. Selbst das ärmste Schwein bleibt bei ihm noch Mensch - ein Mensch, mit dem man beim Lesen mitfühlt, dessen Ängste und Unzulänglichkeiten man teilt. Dass Schünemann das kann, gibt seinen Büchern eine besondere Qualität. Was wird aus der alternden Diva, die in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts ihre große Zeit hatte und nun einer Seifenoper noch einmal Glanz und Popularität verschaffen soll? Kann sie die Hoffnungen erfüllen, die in sie gesetzt werden - oder wird sie scheitern, vor den Augen der ganzen Nation? Zur Story selbst sei hier nicht viel mehr verraten. Wer "Rote Rosen", "Sturm der Liebe" oder "GZSZ" (heimlich oder offen) liebt, wird beim Lesen jedenfalls auf seine Kosten kommen. Wem diese Welt eher fremd ist, der lernt sie in diesem Buch auf eine Art kennen, die höchst unterhaltsam ist, aber auch Tiefgang hat. Ein wunderbares Buch mit nur einem Nachteil: nach der Lektüre des letzten Satzes beginnt wieder das Warten. Das Warten auf Christian Schünemanns nächsten Roman, der hoffentlich schon "in der Mache" ist.