Die vielen positiven Reviews zu "Lost Chronicles of Zerzura" haben meine Erwartungen hoch geschraubt. Dem wurde es für mich nicht ganz gerecht, wenngleich es gute Momente hat! Hier mein Eindruck (und wer meinen langen Text nicht lesen mag, kann auch gleich zum FAZIT springen).
STORY: "Lost Chronicles of Zerzura" von Cranberry Productions (z.B. Black Mirror 2 & 3) lebt v.a. von der Handlung. Wir starten im Barcelona des Spätmittelalters, zur Zeit der Inquisition und begleiten den jungen Erfinder Feodor bei seinem Abenteuer. Bald wird daraus die Suche nach der sagenhaften mythischen Stadt Zerzura - eine Suche, von deren Erfolg ein Leben abhängt. Uns erwartet hier ein epischer Mix aus Abenteuer, Mythen, Religion und Love-Story. Auch der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion in dieser Zeit wird angeschnitten. Das Cranberry fähig ist, historische Szenarios gekonnt in einem Spiel zu realisieren, wurde bereits mit dem (ansonsten wie ich meine schwachen) "Mata Hari" bewiesen. Seither wurde zudem viel dazugelernt. Bei Zerzura gelangen wir an viele Schauplätze die ein Gefühl der damaligen Zeit vermitteln. Unsere Hauptfigur ist dabei selten nur auf sich alleine gestellt, wobei das Spiel von den Gefährten jedoch kaum Gebrauch macht. Der Protagonist ist zudem verträglicher als z.B. noch bei der BM Trilogie, aber ihm fehlen jegliche Abgründe (abgesehen von Höhenangst). Feodor ist lieb und nett, bleibt aber bis hin zum Ende etwas farblos. Manchmal ist die Handlung für meinen Geschmack im übrigen etwas naiv geraten und das Ende wirkt für mich aufgesetzt, unterhaltsam blieb das Spiel dennoch.
VISUALISIERUNG: Die Grafik-Engine dürfte auf jener von BM III basieren - es erinnert optisch sehr daran. Die Hintergründe sind eindrucksvoll, die Spielfigure hingegen schlampig, was gerade dann auffällt, wenn sie grösser im Bild zu sehen sind. Letzteres passiert aber kaum. Fast immer belässt es das Spiel bei sehr totalen Perspektiven, wodurch die meisten Objekte nur sehr klein im Bild zu sehen sind. Hinzu kommen nette Zwischensequenzen, die in schlicht bewegten Bildern die Erzählung weiterspinnen und eine optische Auflockerung bieten. Diese Sequenzen erinnern an Skizzen eines Erfinders. Allerdings tut sich im Rahmen dieser Sequenzen teilweise so viel, dass ich es schon richtig schade fand, dass gerade diese Momente nicht gespielt werden können (20 Stunden Spielzeit hätte das Game dann locker geknackt). Die Hintergründe wirken v.a. während der ersten Spielhälfte angenehm belebt. Vögelschwärme fliegen im Hintergrund, Passanten schielen kurz ins Geschäft, während wir uns dort mit jemandem unterhalten. Auch für uns relevante Personen bleiben oft nicht statisch an einem Fleck. Im weiteren Spielverlauf lässt das ein bisschen nach.
MUSIK UND SPRACHAUSGABE: Die Sprachausgabe ist souverän gelungen, der Einsatz von Musik ähnlich dezent wie schon bei BM (oder den Klassikern "Baphomet's Fluch I & II"). Viel musikalische Variation gibt es zwar nicht - das ist auch nicht unbedingt nötig, denn Musik und Soundkulisse ergänzen einander ziemlich gut. Während die atmosphärischen FX ihren Job einwandfrei erledigen, untermalen die kurzen Guitarrenklänge immer wieder stimmungsvoll die Lösung mancher Rätsel. Es gibt so gesehen keinen musikalischen Dauerklangteppich - höchstens während der kurzen Zwischensequenzen.
STEUERUNG: Bei diesem klassischen Point-and-Click Adventure, haben wir es ähnlich wie z.B. Genre-Vertreter "Haunted" oder "Die Vieh Chroniken" mit einer Art Ein-Klick-Steuerung zu tun. Die Entscheidung zwischen Aktionsmöglichkeiten wie z.B. "Ansehen" und "Nehmen" fällt flach. Grundsätzlich ist so eine Steuerung OK, aber für mich stellt es eine unnötig starke Vereinfachung dar.
RÄTSEL: Das Rätseldesign ist nicht schlecht, doch es wird Profi's kaum fordern. Fast alle Rätsel wären durch reines Ausschlussprinzip locker und leicht lösbar. Über die Umsetzung der Rätsel lässt sich sehr oft streiten. Da ändert es wenig, dass einige Rätsel ansich ziemlich clever wären. Vielversprechend fand ich z.B. zu Beginn den Einsatz von Erfindungen im Rahmen des Rätseldesigns - leider kommt dieser Ansatz im weiteren Handlungsverlauf aber viel zu kurz (wenigstens was komplexere Erfindungen angeht - kleine Erfindungen machen wir mit Feodor zwar des öfteren, doch die unterscheiden sich spielerisch kaum von anderen Adventures). Im ersten Abschnitt passiert eine besagte komplexere Erfindung nämlich nach folgendem recht interessanten Prinzip: wir sammeln Erkenntnisse, um anhand dessen ein Konzept zu entwickeln, dass wir dann umsetzen. Schade, dass daraus nicht mehr gemacht wurde. Das Rätseldesign erinnert in einigen Momenten sehr an BM II & III (ist aber schwächer geraten). Typische Botengänge sind mit an Board, sie bleiben aber im erträglichen Rahmen, wie auch die Minigames OK sind (letztere sind optional überspringbar!). Manche Hot-Spots können gerade auf kleineren Bildschirmen selbst unter Einsatz der Hotspots-Funktion leicht übersehen werden. Ähnlich dem (nicht nur thematisch vergleichbaren) Adventure-Konkurrenten "Lost Horizon", bedient sich das Game fast ausschliesslich totaler Einstellungen (die meisten Locations haben auf einem Bildschirm platz). Aus diesem Grund kann man v.a. bei kleinen Objekten nicht immer gut abschätzen, wie diese nun beschaffen sind. Mehr nahe Einstellungen hätte ich sinnvoll gefunden!
STERBEN: Sterben ist möglich. Wer Cranberry Productions und Future Games kennt, den wird das nicht überraschen. Nicht ganz mein Fall, aber da ohnehin immer vor jeder dieser Sequenzen automatisch zwischengespeichert wird und der Ausweg aus der Misere stets simpel ist, konnte ich es gut verschmerzen.
SPIELDAUER: Geschätzt 14 Stunden. Dabei halten wir uns selten lange an einem Ort auf (lediglich zu Beginn in Barcelona länger, danach geht es Schlag auf Schlag). Genre-intern derzeit leicht überdurchschnittlich.
VERPACKUNG & INHALT: Beschränkt sich nur auf das Nötigste.
SYSTEMVORAUSSETZUNGEN: Selbst auf höchster Grafikstufe angenehm genügsam! Mit einer CPU ab ca. 1.4Ghz, sowie einer durchschnittlichen Grafikkarte und 2GB Ram sollte das Spiel in der Regel spielbar sein (bei XP reichen wohl auch 512Mb Ram).
KOPIERSCHUTZ: Manche KäuferInnen haben grobe Schwierigkeiten mit dem Kopierschutz gemeldet. Offenbar hat es mit gewissen neueren Laufwerken zu tun (der Kopierschutz erkennt die DVD nicht als Orginal an). ProtectDisc hat hier offenbar Update Bedarf. Anfang März ist endlich ein offizieller Patch erschienen, der diesbezüglich Abhilfe schaffen soll. Trotzdem derartige Kopierschutz-Maßnahmen finde ich aber nicht zielführend. Erstens werden sie sowieso immer gleich geknackt und sind sie dann primär für die eigentlichen KäuferInnen eine mögliche Hürde. Zweitens können sie - wie das Beispiel Zerzura zeigt - ungewollte Nebenwirkungen haben. Nicht immer unmittelbar, denn ähnliche Probleme wurden kürzlich im dtp Forum auch im Hinblick auf das ältere "Black Mirror 3" gemeldet. Dort wird wohl dieselbe Version des Kopierschutzes verwendet, was zu inzwischen zu denselben Komplikationen führen kann - allerdings, auf PC's wo BMIII klappt, sollte so gesehen auch Zerzura 1A funktionieren. Ich finde, dtp entertainment sollte sich ein Beispiel an "Deponia" nehmen. Hier wurde auf einen Kopierschutz ganz verzichtet und das mit Erfolg.
FAZIT: Das Adventure "Lost Chronicles of Zerzura" entführt uns in eine längst vergangene Epoche. Die Geschichte finde ich recht gut gelungen, sie kann das Niveau gegen Ende allerdings nicht halten. Die erfinderische Hauptfigur Feodor ist nett, bleibt aber an der Oberfläche. Die Rätsel zeigen ansprechende Ansatze, schöpfen das Potential jedoch nicht ganz aus. Das Spiel hat aber durchaus starke Momente und verdient aus meiner Sicht eine Chance. Wer die Demo bzw. die BM Trilogie mochte (oder z.B. "Nibiru"), der könnte hier eventuell einigen Spaß finden. Meine persönliche Wertung bewegt sich zwischen drei und vier Punkten.