Das Genre Rollenspiel steht bei mir an erster Stelle und so habe ich mich wie auch viele andere auf die Veröffentlichung von Drakensang gefreut. Endlich mal wieder ein klassisches Rollenspiel, dass den Screenshots und Trailern nach den Eindruck machte, als könne es in die Fußstapfen von Baldurs Gate oder KOTOR treten.
Das Intro begeistert trotz schlechter Auflösung und wurde nicht zuletzt dank es Sprechers sehr stimmig inszeniert und weiß durchaus für Gänsehaut zu sorgen.
Doch dann kam schon eine herbe Enttäuschung. Während man bei Genre-Vertretern wie KOTOR, NWN etc. seinen Charakter aus einem mehr oder minder größerem Repertoire aus einzelnen Modellen (verschiedene Frisuren, Köpfe etc.) frei gestalten und auch Haarfarbe und Stimme wählen darf, hat man hier lediglich die Wahl zwischen den Archetypen und dem Geschlecht. Die Rasse wurde direkt mit den Archetypen verknüpft. Aber gut dachte ich mir, 'The Witcher' gibt mit Gerald von Riva gerade mal einen einzigen Charakter vor, der dank des Spielverlaufes und der Entscheidungsfreiheit sehr sympathisch ist.
Das Spiel gestartet, macht Drakensang zu Beginn im kleinen Dorf Avestreu einen sehr atmosphärischen Eindruck, man fühlt sich als Rollenspieler gleich zu Beginn heimisch und erkundet die Umgebung. Die Grafik ist zwar nicht die Wucht und muss sich hinter 'The Witcher' beispielsweise verstecken, punktet aber mit seinem ganz eigenen Stil und Charme. Die Grafik reicht völlig und ist dank ausbleibenden Rucklern und großen Grafikfehlern schön anzusehen.
Überhaupt war der Einstieg mit Avestreu sehr gut in Szene gesetzt und schon bald kam ich nach Ferdok und von dort an wurde Drakensang mehr und mehr zu einer Medaille. Denn viele Punkte des Spiels haben ihre tolle, aber auch ihre Kehrseite und das ziemlich konsequent bei fast allen Punkten. Und eben diese möchte ich nun aufzählen.
- Die Dialoge sind sehr schön und ausführlich geschrieben, leider sind die Dialoge überwiegend sehr eingleisig und lesen sich mehr wie ein Buch ohne Auswahlmöglichkeiten. Es kommt nicht selten vor, dass man sich wirklich über fehlende Antwortmöglichkeiten ärgert und das ganze sogar ziemlich billig wirkt.
Ausführliches Beispiel (ACHTUNG, der folgende Absatz spoilert eine vollständige Subquest, wenn Sie sich den Spaß an dieser Quest nicht nehmen wollen, überspringen Sie den Absatz bitte!)
Beispiel: Für einen Wirten soll man einer Diebin in ein anderes Dorf folgen, um seine Wertgegenstände wieder zu erlangen. Dort aufgestöbert erzählt sie von einem Fluch, den sie nur in einer Gruft wieder brechen kann, vorher aber paar Untote aus dem Weg geräumt werden müssen, da sie sich sonst nicht hintraut. Für unsere Hilfe bekommen wir die Wertgegenstände des Wirten zurück. Nachdem das erledigt und der Fluch gebrochen ist, soll man zurück zum Gasthaus, wo sie übernachtet hat. Angekommen erzählt der dortige Wirt, dass die Diebin ausgerissen ist und ihm seine Kohle geklaut hat. Sie lief zu einer Mühle. Nichts wie hinterher. Dort angekommen erzählt sie uns, dass sie die Wertgegenstände des ersten Wirten verloren hat, als Entschädigung den zweiten beraubte und es uns geben möchte. Natürlich kann man das Diebesgut nur annehmen, keine andere Möglichkeit. Zusätzlich fragt die Diebin, wie man heißt und wo man wohnt, da sie uns gerne mal besuchen möchte. Und was kann man als einziges auswählen? Ich meine, diese Diebin ist ja sehr vertrauenserweckend... natürlich den richtigen Namen, die Adresse und sogar die Aufforderung, dass sie ja schon einmal zur unserer Bleibe gehen kann, unser Bediensteter wird sie freundlichst empfangen... AUTSCH!!!! Wie gerne würde ich so einer Dahergelaufenen vorlügen, dass ich fünf Büsche weiter in einer Höhle hause.... SCHLECHT!!!! Und solche Situationen wiederholen sich ständig. Wenn man natürlich nicht den Wunsch hat selbst etwas zu bestimmen und man mit der Story so zufrieden ist, gut.
Und das ist auch der wichtigste Punkt überhaupt. Man hat meist absolut keine Freiheiten in Dialogen und klickt sich durch diese eingleisigen Dialoge durch. Das ist ein Punkt, der das Rollenspiel überhaupt erst möglich macht. So verhält sich das Spiel mehr oder weniger wie ein interaktives Buch und von daher möchte ich einfach mal zu sagen wagen, dass dieses Spiel kritisch betrachtet KEIN Rollenspiel ist. Zu vieles wird dem Spieler an Entscheidungen und Möglichkeiten abgenommen. Nur weil es ein Mittelalter-Setting mit vielen Ausrüstungsgegenständen und Kämpfen, Talenten und Fertigkeiten ist, bedeutet es nicht, dass es deswegen auch sofort ein Rollenspiel ist.
- Die Städte sehen sehr hübsch aus. Die Entwickler haben sich bei der Gestaltung wirklich Mühe gegeben, gleichzeitig aber an der Möglichkeit gespart, Häuser auch betreten zu können. Gut, wieso sollte man in jedes Haus wollen, es gäbe dafür nicht wirklich eine Motivation (ausgenommen, man spielt einen Dieb). Die Anzahl der betretbaren Häuser ist aber derart gering, dass man nur etwa eine Hand voll in ganzen Abschnitten der Stadt betreten kann. Dies sind meist Tavernen, die sogar vollkommen gleich aufgebaut sind und in ihnen eine Atmosphäre wie in einer Kneipe Montags um 09:00 Uhr morgens herrscht. Nicht selten stehen wichtige NPCs vor ihren Häusern, damit man sie ansprechen kann. Das zerrt ziemlich an der Atmosphäre.
- Es wurden viele gute Sprecher gewählt. Leider wurden nur die ersten Kommentare der Charaktere vertont. Der Rest muss gelesen werden. Abgesehen von Quest-Charakteren oder Video-Sequenzen.
- Die Subquests sind größtenteils interessant und auch hier und da lustig, leider durch die Dialoge total eingleisig. Selten hat man die Wahl und entscheidet man sich hier und da anders als vorgegeben, kann man zwar mit netten Gegenständen belohnt werden, die Quest wird allerdings als misslungen im Quest-Buch eingetragen. WIESO?! Viel schöner wäre ein Eintrag vom Hauptcharakter, dass man sich so und so entschieden hat. Damit würde man sich auch mal ENDLICH mit dem stummen Hauptcharakter identifizieren. (SPOILER! z.B. beim Auftrag von einer Hexe, einem Koch Kräuter zu übergeben, da für Übelkeit sorgt)
Einige Punkte sind gänzlich schlecht:
- Es gibt keinen Tag- und Nachtwechsel. Entweder es scheint pro Gebiet ständig die Sonne, oder es ist dunkel. Kleinere Ausnahmen gibt es jedoch, wie in einem 'Gebirge', wo trotz bewölktem Himmel auf einer Anhöhe die Gegend wie in Sonnenlicht getaucht aussieht. Wie gesagt, trotz dicken Wolken am Himmel...
- Keine Möglichkeit in Tavernen zu rasten um Lebens- und Magiepunkte zu regenerieren. Ein wichtiger Bestandteil in Rollenspielen. Zumindest meiner Meinung nach. Stattdessen verfügen alle Charaktere automatisch über die Fähigkeit 'Regeneration', mit der sie sehr schnell wieder fit sind.
- Kaum Komfort. Hat man zum Beispiel einen Bogenschützen in der Gruppe und hat dieser alle Pfeile aus seinem Pfeil-Slot verschossen, ist er nicht in der Lage, selbst einen Stapel Pfeile aus seinem Inventar ins Pfeil-Slot zu packen, um weiter mit dem Bogen schießen zu können.
- Die Kamera ist schlecht umgesetzt, eine Steuerung nur mit der Maus ist eine Qual. Um dem entgegenzuwirken, ist es sinnvoll, mit den Tastatur-Tasten 'WASD' zu laufen und mit gedrückter rechter Maustaste die Kamera zu drehen. Dann geht es ganz gut von der Hand.
- zu geringe Auswahl an Party-Mitgliedern. Im Laufe des Spiels findet man mehrere, auch sehr sympathische NPCs, die sich anschließen möchten. Bei maximal drei zusätzlichen Mitgliedern hat man oft die Qual der Wahl. Der Rest bleibt zu Haus und wartet, bis ich sie abhole, einen anderen dafür zurück lasse. Dies ist zwar leider in allen Rollenspielen so, doch hat man bei Baldurs Gate oder Icewind Dale immerhin eine Gruppe aus insgesamt 6 Charakteren
- Eine Identifizierung mit dem Hauptcharakter ist sehr schwer. Er ist stumm, er ist ohne Geschichte, er ist kurz gesagt langweilig! Wie gerne würde ich meinen Hauptcharakter mit einem der NPCs ersetzen. Und das ist traurig aber wahr... Die Charakterauswahl wird im Spielverlauf in Dialogen völlig ignoriert. Ebenso entfällt die Wahl, seinen Charakter gut oder böse auszuspielen. Während man bei vielen Genrevertretern auf Hilferufe von NPCs meist mit mehreren Antwortmöglichkeiten reagieren kann (1. Ja ich helfe, 2. Ich helfe Dir, aber was gibst Du mir dafür? 3. Ich überlege es mir 4. Ich helfe Dir nicht 5. Dein Problem ist mir egal, gib mir all Deine Kohle her). Bei Drakensang ist es quasi immer die Möglichkeit, seine Hilfe gegen eine Belohnung anzubieten. Gerade es Elfe völlig unpassend, da einer Elfe materielle Güter wenig kümmern.
Andere sind wiederum wirklich gut:
- Die Musik ist super
- Die Kleidungen sehen toll aus. Allein die Auswahl an Hüten ist erstaunlich
- Das Questbuch ist super
Insgesamt ist das Spiel ok, für Rollenspielfans mit Abstrichen dennoch geeignet. Drakensang wirkt leider eher so, als hätten DSA-Fans eine bestehende Grafikengine samt fertigem Regelwerk genommen und eine Mod (eigenes Abenteuer) gemacht und stießen schnell an zeitliche und finanzielle Grenzen und setzten das möglichste um.
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