Es waren einmal viele süße kleine Synapsen, die ihre Arbeit gut verrichteten und stets zuverlässig funktionierten. Dann kam ein gewisser James Holden vorbei, setzte sich einfach mittenrein. Und er hatte ein kleines feines Hämmerchen dabei...
Holden repräsentiert den Takt der Zeit. Den Takt des 21. Jahrhunderts. Und er klatscht oder wippt ihn nicht einfach nur mit, sondern verändert ihn, er gestaltet ihn und konzentriert die menschliche Wahrnehmung wieder auf das Wesentliche in der Musik. So einen braucht es, wenn die Kopie von Samples und die schnelle Vervielfältigung von Tracks ad absurdum getrieben werden. Er kreiert Musik, die es einem abverlangt zwischen den Beats zu hören, die Geschichte zu erforschen, die mit den Sounds skizziert wird.
Der sympathische James serviert uns die erste CD seit 3, die erste Mix-CD seit sogar 4 Jahren. Auf seiner Jagd "capturing the right moment" widersetzt sich Holden allen geltenden Gesetzen, reiht Tracks in könnerischer Weise aneinander, deren Existenz man vielleicht sonst nie vernommen hätte und schafft dabei eine Kreation der Extraklasse. Er zaubert Übergänge aus seinem Hut, die zu einem vollkommen neuen Soundgemisch verfließen. Und diese Momente sind genau diese, die eben nur dieser Holden einfangen kann.
Was ist das nun? Kunst? Intuition? Leidenschaft? Autismus? Keine Ahnung, wahrscheinlich von allen ein bisschen, aber Holden sagt selbst, dass diese CD nicht repräsentiert, was darauf gespielt wird, sondern eben was gerade NICHT darauf gespielt wird. In Bezug darauf verpasst Holden der momentan vorherrschenden Musikszene einen kräftigen Seitenhieb ohne dabei arrogant und selbstliebend zu wirken, im Gegenteil. Auf frenetische Art und Weise macht Holden eben das, was er am besten kann. Alle Kochrezepte zu Hause lassen und ganz seinem Gespür folgen. Und wenn er nicht zu viel Parmesan verschüttet, dann schmeckt das Essen sogar ihm selbst.
Man tut sich leichter an den Mix völlig unvoreingenommen heranzutreten und ihn an eine einfache und reizarme Tätigkeit zu koppeln. Meiner einer unternimmt da gerne einen Waldspaziergang und setzt seine Kopfhörer auf. Und was ich erlebte, kann mir kein Club der Welt bieten. Liebevoll aufgezogene, detailreiche, der Perfektion gleichende Strukturen von Caribou inmitten des sonnigen, saftigen Grüns der Streuobstwiesen, Erdbeben ähnelnde Explosionen, wenn die hypnotisierenden Mogwaitrommeln in die träumerischen Melodien von Luke Abbott hinein wummern. Dann ein Ameisenhaufen, dessen Betrachtung zutiefst entzückt, das rege Treiben darauf und dazu dank Ursula Bogner Punkte, kleine schwarze, sich bewegende Punkte. Dunkle Wolken ziehen heran, der Wind frischt auf, die Äste biegen sich, die Blätter huschen über die Baumwipfel, Starkregen prasselt auf meine Haut und mein T-Shirt und Lukas Nystrand beglückt mich derweil mit seinem Singstrudel. Wunderschön. Dann durchfährt der letzte Ton alle Regionen meines Körpers, Stille. Und Glück.
Für die Freunde der Reihe DJ Kicks!: Ihr seid doch alle große Freunde von experimenteller, verrückter und entrückter Musik? Dann nur zu! Für die Fraktion Ambient/Chillout wäre es ein schöner Versuch, sie sollten aber vielleicht erst Mal reinhören...