Ein Familienroman und Geschichtsdrama von Siegfried von Vegesack, einem fast vergessenen Dichter:
Nur einen Steinwurf weit vom "Turm" der alten Weißensteiner Burg bei Regen - an seinem Lieblingsplatz auf dem Pfahl, wo der Blick über den Bayerischen Wald sich bis zum Arber, Rachel und Lusen hin öffnet, befindet sich am Stamm einer Kiefer über von Vegesacks Grab, wie er es wünschte, ein einfaches, heimat-typisches Totenbrett, auf dem die Lebensdaten zu lesen sind: "20. 3. 1888 in Blumbergshof in Livland, gest. 26.1.1974 in Weißenstein" ... und dieser Spruch:
"Hier wo ich einst
gehütet meine Ziegen -
will ich vereint
mit meinen Hunden liegen.
Hier auf dem 'Pfahle' saß
ich oft und gern.
O Wandrer schau dich um
und lobe Gott den Herrn."
Stichworte für Erinnerungen....?
Denkt man an Vegesacks schwierige frühe Jahre im Bayerischen Wald, wo er sich und die Seinen als Kleinstlandwirt durchbringen musste, sowie an seine schlichte, franziskanische Brüderlichkeit aller Kreatur, insbesondere seinen geliebten "Hunden" gegenüber, so erscheint dieser Grabspruch weniger skurril. Verbirgt sich in ihm nicht sogar ein Quentchen Humor - ein Nicht-so-ernst-Nehmen der eigenen Wichtigkeit?
Solch lächelnd heitere Daseinsbewältigung erwuchs aus einer Philosophie, deren kontemplativer Charakter in der Stille der Wälder ihren Widerhall fand.
"Hier spürst du", schrieb er einmal, "umwittert von Spuk, noch einen Hauch der Urzeit, den Atem natürlichen Bodens. Wenn deine Seele krank ist, dann verbirg dich, wie ein verwundetes Tier, in den Wäldern: sie werden dich heilen."
Es sind "die Wälder Adalbert Stifters", des Böhmerwalddichters, der neben Jean Paul zu Vegesacks "Turmheiligen" zählte. Unter den Zeitgenossen war ihm die Freundschaft Alfred Kubins besonders kostbar, dessen zeichnerisches und literarisches Werk er als das eines "Zauberers" und "Visionärs" erkannte.
"Kubin verdanke ich viel", sagte er einmal, und Kubin war es auch, der ihn zur Niederschrift seiner Erinnerungen an die baltische Heimat ermunterte, die schließlich zu seinem Hauptwerk "Die Baltische Tragödie" führten.
Der Dreier-Roman "Die baltische Tragödie" hätte eine große dramatische Umsetzung als Fernsehspiel verdient.
Er zeichnet den Weg nach des alten Livland, der 400 Jahre deutschen Exklave seit der Russifizierung durch das Zarenreich.
Die Freiheitsbewegung der Letten und der Esten, der Große Weltkrieg (der erste nämlich) - sie zeichnen sich ein die vorher ungestörte adelige Familien-Idylle.
Solange diese Trilogie nicht verfilmt ist, kann sich der Leser diese detailreiches Romanwerk im Kopf ablaufen lassen - ein unerhörter Genuss und Gewinn an menschlichen und historischen Details.
"Die baltische Tragödie" ist das umfangreichste Geschichtswerk zu diesem Liv-Land im Osten und das menschlich interessanteste.
Es liegt so gedruckt vor, wie Siegfried von Vegesack es 1932 und in den ersten beiden Jahren der Nazizeit schrieb; es bedurfte keinerlei Korrektur.
Von V. ist nie Nazi gewesen; er war ein kritischer, geistig selbstständiger Dichter, der auch die Bundesrepublik nach 45 dichterisch mit begleitete.
Ausgestattet ist das Buch mit einer kundigen Einleitung und einem Register vieler alter Begriffe aus dem Livländischen und dem Russischen, die uns, den historisch Nachkommenden, die keine direkte familiäre Tradition mit dem Stoff und der Landschaft verbindet, nicht unmittelbar vertraut sind.