Wenn ich die Einleitung richtig begriffen habe, verstehen die Autoren unter "digital" die Reduzierung von Informationen auf Datencodes. Aber eine solche Definition ist natürlich auch deshalb nicht befriedigend, weil damit automatisch die Meinung entstehen könnte, analoge Informationsvermittlung würde nicht auf Datencodes basieren. Aber es könnte den ganzen Streit um gute und böse Medien entkrampfen, wenn man sich unter den Beteiligten wenigsten einig wäre, worüber sie sich die Köpfe einschlagen. Die gleiche Unterlassungssünde begeht nämlich auch der Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, der mit seinem Bestseller "Payback" die Computer dämonisiert und die computerisierten Menschen vor dem Untergang retten will. Offenbar geht es bei der ganzen Auseinandersetzung vor allem um einen Kampf für oder gegen die Computer und das Internet.
Der Medienjournalist Kai-Hinrich Renner und sein Bruder Tim Renner nannten ihr gemeinsam verfasstes Buch nach einem Album, das Tocotronic 1995 herausbrachten. Also lassen wir den unglücklichen Titel und widmen uns dem Inhalt. Im ersten Teil wird die Digitalisierung als Fortsetzung der Popkultur mit anderen Mitteln gesehen. Und dieser Evolution versuchten die Autoren aufgrund eigener Lebensgeschichten auf die Spur zu kommen. Dieses Konzept macht die Lektüre unterhaltsam und führt den Leser in seine eigene Kindheit oder Jugend zurück. Objekt wie der Braun'sche Schneewittchensarg, Spulentonbandgeräte, Kassettenrecorder und Super-8-Kameras kommen ebenso zu einem Revival wie bekannte Fernsehserien, synoptische Weltgeschichten oder Pflichtlektüren aus dem Schulunterricht. Und trauert man solchen Dingen oder Medienträger vielleicht noch nach, ist man bei der Erwähnung damaliger Zeitschriften froh, dass diese langweiligen Infopakete auf dem Schuttablageplatz der Zeit landeten.
Ab dem sechsten Kapitel greift die Moral stärker ins Geschehen ein. Denn auf dem Programm stehen Urheberrechtsverletzungen und der Wertekanon des Bildungsbürgertums. Bei jedem Kapitel steht übrigens das Kürzel des Renners, der für den Inhalt verantwortlich zeichnet. Daher ist die Verwendung der Ich-Form auch legitim. Dramaturgisch sind die einzelnen Kapitel geschickt aufgebaut. Denn kaum trauert der Leser einem analogen Medium nach, werden die Vorteile der digitalen Alternative ins Feld geführt.
Da die beiden Autoren die These vertreten, die neuen Medien und ihre Möglichkeiten würden die Demokratisierung der Gesellschaft fördern, kommen natürlich auch immer politische Themen zur Sprache. So wird begrüßt, dass der Kampf um die Programmhoheit nicht mehr mit den alten Waffen gewonnen werden kann. Bei den Ausführungen über Kopie und Original habe ich mich allerdings gefragt, wie die beiden Autoren reagieren würden, wenn man ihre Werke ohne Zustimmung verwertet, vervielfältigt, übersetzt, einspeichert und kopiert. Wer den Untergang der Medienriesen begrüßt, darf sich nicht über hohe Preise für Konzerttickets und das wilde Merchandising beklagen.
Nach der Evolution folgt im zweiten Teil die Revolution, die mit dem Untertitel "Wenn die Masse Medien macht, machen Massenmedien keinen Sinn" eingeläutet wird. Auch wenn oder gerade weil ich den Autoren in den meisten Punkten zustimme, störten mich unnötige Seitenhiebe gegen Andersgläubige. Denn damit begeben sich Renner und Renner oft auf das gleiche Niveau wie Schirrmacher, der so etwas wie ihr ständiges Feindbild ist. Erneut geht es auch bei der Revolution um Kontrollverlust, die neuen Rollen der Konsumenten und andere Wettbewerbsformen. Aber die Aufforderung an alte Platzhirsche, einfach das bessere Angebot zu machen, greift zu kurz, um die illegale Konkurrenz zu legitimieren. Und wer behauptet, Innovationen im Fernsehen würden nur von den Privaten ausgehen, schaut offenbar nicht genau hin. Ob das iPad die Hoffnungen der Medienmacher erfüllen wird, wird zeigen. Doch von einem Ende des Herrschaftswissen zu sprechen, wenn man das Gebaren von Google und den expansiven Drang von Mark Zuckerberg kennt, scheint mir doch etwas naiv. Als nicht betroffener interessierte mich die Diskussion um Gebührenverteilung und Gamewelten wenig. Mehr Aufmerksamkeit schenkte ich dafür dem dritten Kapitel "Konklusionen", in dem jedoch vieles wiederholt wird und große Überraschungen daher ausbleiben.
Mein Fazit: Müsste ich den Schlagabtausch zwischen dem Kulturpessimisten Frank Schirrmacher und dem digitalgläubigem Bruderpaar Renner bewerten, so würde ich für einen klaren Punktesieg der Renners plädieren. Und das gelang ihnen nicht nur, weil sie jünger und zu zweit sind, sondern weil sie mit ihrem Stil die bessere Figur machen und ihr Repertoire an Argumenten größer und überzeugender ist. Für eine Fünfsternebewertung hat es trotzdem nicht gereicht.