Diese dritte Box mit DEFA-Kriminalfilmen aus verschiedenen Jahrzehnten des DDR-Kinos ist ohne Zweifel wieder sehenswert. Auch das Spektrum der sechs Filme ist wieder sehr groß. Vielleicht etwas sehr groß?
DER FILM "Hexen" nach einem Drehbuch von KuBa (Kurt Bartels) ist von der DEFA selber als Komödie bezeichnet, was zutreffend erscheint. In einem abgelegenen thüringischen Bergdorf herrscht ein Triumvirat von (korruptem) Bürgermeister, verbrecherischem Apotheker und einem Polizisten als Helfer. Schweine verschwinden und werden für tot erklärt, und ein mittelalterlicher Aberglaube nebst Hexenwahn beherrscht große Teile der Bevölkerung. Ein junger Polizist, eine moderne Lehrerin, ein alter Kämpfer und ein kleiner Junge machen sich daran, dies aufzubrechen. Der Film erzählt dies mit den Mitteln der Komödie. Er tut dies sehr unterhaltsam. Aber wirklich spannend wie in einem Krimi geht es nicht zu. Dazu kommt die mäßige Bild- und die noch mäßigere Tonqualität dieses Streifens aus dem Jahre 1954. Offensichtlich aus Kostengründen hat es Icestorm erneut unterlassen, das Material neu abzutasten. In Kombination mit dem eigentümlichen thüringischen Dialekt führt dies dazu, daß man manch Gesagtes kaum versteht. Schade!
"PENSION BOULANKA" aus dem Jahre 1964 ist ein beihnahe klassisch konstruierter whodonit, der in Ost-Berlin zu Beginn der 60er Jahre spielt. Die Handlung basiert auf dem gleichnamigen Roman von Fritz Erpenbeck. Das Ende allerdings weicht vom Buchende ab, was ich persönlich für politisch motiviert halte, weil ein von den Nazis Verfolgter nicht als Mörder (resp. als Rächer) an einem Nazi-Kollaboratuer dastehen sollte. Dies führt möglicherweise zu einigen kleinen logischen Brüchen in der Auflösung, was dem Krimigenuß allerdings keinen wirklichen Minuspunkt beschert.
Eine durchaus hochkarätig besetzte Schauspielerschaar (Herbert Köfer, Peter Herden, Herwart Grosse, Christine Lazar, Otto Mellies u.a.) spielen glaubwürdig die sehr verschiedenen Charaktere, die sich unter dem dach der kleinen Pension in einer Berliner Seitenstrasse eingefunden haben. Einer von ihnen ist der Mörder des Jan Gruyter.
"ENTLASSEN AUF BEWÄHRUNG" von 1965 ist wieder so ein typischer DEFA-Krimi, der eigentlich kein Krimi sein will. Der junge Conny baut mit seinem Motorroller unter Alkoholeinfluß einen Unfall und flieht. Ein Mensch stirbt. Conny wird gefaßt und verbüßt seine Strafe im Gefängnis. Wegen guter Führung wird der Rest der Haftstrafe in Bewährung umgewandelt und Conny, der im Knast eine Ausbildung zum Druckereifacharbeiter abgeschlossen hat, bekommt einen Arbeitsplatz zugeteilt. Die Brigadierin hat Vorbehalte gegen "so einen", aber Conny erarbeitet sich auch Anerkennung im Kollektiv und schafft es sogar, seine alte Liebe (Angelica Domröse) wieder für sich zu gewinnen. Aber dann fehlt einem in der Brigade eines Tages viel Geld, und alle Augen richten sich auf Conny ... Und ein alter Knastkumpel versucht, den jungen Mann in seine Geschäfte hinein zu ziehen. Neben der Domröse spielen u.a. Heinz Klevenow, Helga Göring, Volkmar Kleinert und Gudrun Ritter in diesem sozialkritischen Streifen. Als Sittenbild informativ, als Krimi eher weniger.
"HEROIN" aus dem Jahr 1968 ist in meinen Augen ein ungewöhnlicher DEFA-Krimi. Bis auf wenige Szenen am Anfang spielt der Film im süd-osteuropäischen Ausland und hat etwas von den zahlreichen Abenteuer-Krimis, die in der Nachfolge des James-Bond-Erfolges zu dutzenden im Westen gedreht wurden.
Auf der Zugstrecke Belgrad-Paris werden kurz vor Ost-Berlin die Leichen eines Schlafwagenschaffners sowie eines französischen Geschäftsmannes entdeckt. In Tomatendosen verstecktes Heroin führt den Zoll zu einem international angelegten Rauschfiftschmuggelring. Getarnt als Schlafwagenschaffner wird Zollkommissar Zinn (Günter Simon, bekannt als Thälmann-Darsteller) in die Bande eingeschleust. Die Spur führt über Budapest bis nach Belgrad und weiter an die Adriaküste, wo sich ein Unterwasserkampf um Leben und Tod abspielt. Die Bösen sind rasch als die Bösen ausgemacht, sie agieren brutal wie es Gangster eben tun und zum Schluß klappt die Zusammenarbeit der Sicherheitsorgane natürlich. Nette Unterhaltung in exotischem Ambiente.
DER ERSTE FARBFILM dieser Box ist "Vernehmung der Zeugen" aus dem Jahr 1987. Mit diesem Film ging man bei der DEFA neue Wege, die Handlung wird in Form von Zeugenbefragungen und Rückblenden pseudo-dokumentarisch erzählt: der Zuschauer sitzt oft als Befrager / Ermittler direkt vo den Zeugen und erlebt mitunter (selbst)entlarvende Phrasen und Ausreden der Beteiligten (Eltern, Freundin, Oma, Freunde, Mitschüler, Lehrer etc.) des Täters bzw. Opfers. Man weiß von Anfang an, wer der Tote ist und wer zustach. Die Fragen, denen der Film nachgeht sind Fragen wie: wie konnte es dazu kommen? Opfer und Täter waren beide Schüler, scheinbar befreundet, doch dann zu Rivalen geworden. Schauten zu viele zu lange zu? Der Film wollte unbequeme Fragen stellen und damit kritisch sein. Durch teils hölzerne Darsteller oder Dialoge gelingt dies nur eingeschränkt. Als Zeitdokument aber sehr interessant!
"DER BRUCH" von 1989 ist vermutlich eine der besten DEFA-Komödien und natürlich auch ein nostalgischer Kriminalfilm. "Altmodisch" trifft diesen Film wohl im positiven Sinn sehr genau. Ein realer Fall aus den frühen 50er Jahren verlegt Drehbuchautor W. Kohlhaase ins Jahr 1946. Einen riesigen Lohnraub wollen die Freunde Walter Graf und Erwin Lubowitz durchführen. Dazu benötigen sie die Hilfe des alten Profis Bruno Markwart (gespielt von Rolf Hoppe). Nach einigem Hin und Her und diversen, auch amourösen, Verwicklungen gelingt zwar der "Bruch", die Polizei ist den Gaunern jedoch rasch auf den Fersen und durch allerlei Animositäten der Beteiligten werden die Ganoven dingfest gemacht. Das Plus dieses Films ist sicher nicht allein die Handlung, die im Kino bereits öfter erzählt wurde. Es sind einmal die tollen Dialoge, zum anderen die hervorragende detailgetreue Ausstattung (mit einer solchen Akribie konnte die DEFA arbeiten, weil der Zeitdruck noch nicht so enorm war bzw. das Projekt ja staatlich abgesichert war), und natürlich die Top-Besetzung. Dabei sind es nicht nur die West-Stars wie Götz George oder Otto Sander, auch der erwähnte Rolf Hoppe, Ulrieke Krummbiegel, Jürgen Walter, Hildegard Alex oder Franziska Troegner sind hier zu nennen!
Sechs sehr unterschiedliche Filme, die dem Zuschauer die Bandbreite des DDR-Krimis aufzeigen bzw. auch darüber hinaus gehen.
Mau ist neben der Bild- und Tonqualität der älteren Filme wieder auch die Ausstattung. Nichts, aber auch gar nichts an nenneswerten Zugaben ist auf den drei DVDs zu finden. Liebe Ice-Stürmer: bitte leistet hier endlich die Arbeit, die andere Publisher auch abliefern: kramt in den Archiven oder befragt Zeitzeugen (solange es diese noch gibt). Bis dahin gibt es wieder mal einen Stern Abzug!!