Man bedarf eines großen Archivs, um mögichst breitgestreut aus unterschiedlichen privaten und öffentlichen Quellen ein umfassendes Bild zu einem Thema zu erhalten. Mit diesem Band öffnet sich ein solches Archiv auf sehr ansprechende Weise. Denn hier findet man ein sehr reichhaltiges schwarz-weißes und farbiges Bildmaterial zum großen Teil aus noch nicht so bekannten Quellen und nicht so ausgiebig strapaziert, wie es zu Jahrestagen oftmals vorkommt. Neben dem umfassenden Bildmaterial werden kenntnisreiche, nicht verklärende, sondern er- und aufklärende Texte platziert, welche die unterschiedlichen Aspekte der DDR ("Deutsche Demokratische Republik") herausgreifen und auch im Detail erläutern. So bekommt man eine Art "Lebensgefühl" mit, wie es die Zeit zwischen 1949 und 1990 in den nunmehr fünf neuen deutschen Bundesländern geprägt hat. Ausschließlich Photographen/-innen und Autoren/-innen aus der DDR kommen hier zu Wort bzw. sind im Bilde und prägen eine ungeheuer vielseitige persönliche Selbstdarstellung der DDR. Man bekommt nicht nur ein Gefühl, sondern auch ein Gespür dafür, unter welchen Bedingungen unterschiedlicher Prägung die Gesellschaft mit ihren einzelnen Bürgern/-innen umgegangen ist und wie man sich arrangiert und gewehrt hat. Thematisch orientiert sich der Band an die Bereiche "Kindheit und Jugend", "Die Arbeitswelt", "Familie und Freizeit", "Kultur im Alltag" sowie "Der Staat als Wille und Vorstellung". Den einzelnen Kapiteln sind kurze, kommentierende Ausführungen vorangestellt. Desweiteren erlebt man noch einmal die private und öffentliche Seite der DDR mit. Autoren wie Katrin Aehnlich, Stefan Wolle, Friedrich Schorlemmer, Frank Baumgart und Lutz Rathenow zeichnen ausführlichere Bilder der Lebenswirklichkeit. Hierbei ist vor allem der Beitrag "Frauen in der DDR" sehr aufklärend.
Eine siebenseitige Chronik zur Geschichte der DDR mit vielen Details schließt die Textausführungen in diesem Bild- und Informationsband ab. Ein begriffliches Glossar ermöglicht es noch einmal, klarer längst vergessene Begriffe zu erinnern, die manchmal 40 Jahre lang den sprachlichen DDR-Alltag geprägt hatten. Zahlreiche weniger oder mehr prominente Menschen in/aus der DDR werden in Kurzbiographien (leider ohne kleines Portraitfoto) aufgeführt, ehe ein Register und ein Literatur- bzw. Internetlink-Verzeichnis den Band gänzlich abschließen.
Ohne (N)Ostalgie wird hier Baisarbeit geleistet, das Bild von der DDR, wie es offiziell verbreitet wurde und teilweise verklärend weitergetragen wird, zu erweitern bzw. zu korrigieren. Hierzu tragen vor allem die vielen Privataufnahmen bei, welche die "wunden Punkte" schonungslos dokumentieren. Wie heißt es manchmal? "Es war nicht alles schlecht bei uns". Dem Ausspruch muss nach der Lektüre auf jeden Fall ein Gegenpol folgen: "Es war auch nicht alles gut bei uns!" Licht- und Schattenseiten der DDR werden somit unretuchiert aufgezeigt. Dass die Autoren/-innen und der Herausgeber aus dem Gebiet der ehemaligen DDR kommen, macht das Buch um so authentischer und wird helfen, dass dieser Bild- und Text-Sammelband in allen Teilen des vereinigten Deutschlands auf große Gegenliebe stossen wird. Es wäre gut und wichtig für ein gesundes Geschichtsverständnis und einen nicht verklärenden Dialog aller Menschen. Und für junge Menschen gibt es hier eine wahre Fundgrube an ansprechendem Wissen über dieses inzwischen so ferne Land, wie es treffen dim Titel heißt. Unbedingt lesen und betrachten - ein Geschenk für alle Deutschen!