Hermann Vinkes Buch über die DDR wird von der Kinderbuchjury der Zeit und Radio Bremen zu Recht empfohlen. Allerdings muss man es gegen den Rezensenten Volker Ulrich in der "Zeit" verteidigen.
Ulrich sieht in der Aufarbeitung der SED-Diktatur einen eifernden Ton der Abrechnung, eine zunehmende Gleichsetzung der DDR mit dem 'Dritten Reich' und liest in das in der Tat sachliche Buch seine DDR-Sicht hinein. Bisher hatte ich eher wahrgenommen, dass die DDR zunehmend verklärt wird, man wäre nett zueinander gewesen, die Luft wäre gesünder und die Mieten billiger gewesen.
Die political correctness verbietet es, auf Parallelen zwischen den beiden Diktaturen hinzuweisen. Dass Potsdam etwa 1953 erneut "judenrein" war, behält man besser für sich. Die DDR war ja angeblich nie antisemitisch, höchstens antizionistisch.
Ulrich zitiert aus Vinkes Buch 'die höchste Frauenerwerbsquote der Welt' als SED-Errungenschaft. Bei Vinke steht vorher der Satz, wem das geschuldet war, nämlich dem Arbeitskräftemangel (p. 65). Die DDR-Paschas feierten die Doppelbelastung ihrer Frauen auch noch mit dem Weltfrauentag.
Ulrich lobt das in mancher Hinsicht angeblich vorbildliche DDR-Schulsystem. Vinke ist da vorsichtiger.
Das rigide DDR-Schulsystem wird von Journalisten zunehmend verklärt. Als ob es nie eine Odenwaldschule, integrierte Gesamtschulen oder die Laborschule gegeben hätte. Während der friedlichen Revolution war man sich noch einig, dass die DDR-Schule die Menschen deformiert habe, wie Christa Wolf es formulierte.
Und was die Leistungen angeht, so konnten sich die westdeutschen Lehrer während der Ausreisewelle davon überzeugen, dass die im rezeptiven Unterrichtssystem der Diktatur hervorragend benoteten Übersiedlerkinder ganz schnell in der Mitte der Notenskala ankamen.
Es macht auch sicher einen Unterschied, ob eine Diktatur ihren gesamten Repressionsapparat gegen Jeans- und Rock'n-Roll-Liebhaber einsetzt oder eine westliche Vätergeneration darauf aggressiv reagiert. Ulrich setzt das gleich, Vinke nicht.
Vinkes Buch ist ein gut geeignetes Nachschlagewerk für Jugendliche, besonders lesenswert sind die biographischen Texte.