Schließlich ist er doch gestorben, der große alte Pole, im Alter von 93 Jahren. Warum schreibe ich "doch"? ... Nun, weil er mich einige Wochen lang durch jenen seinen Sterbesommer 2004 begleitete, mit seinem Gedichtband "DAS und andere Gedichte", in dem er bei etlichen Versen mit genau dem Thema kokettiert: dem Alter und dem bevorstehenden, bei weitem jedoch nicht herbeigesehnten Tod.
Czeslaw Milosz, Nobelpreisträger für Literatur im Jahre 1980, diesem für Polen und seine Demokratiebewegung so wichtigen Jahr (Gründungsjahr von Solidarnosc). Er starb im August 2004 in Krakau.
Bei "DAS und andere Gedichte" handelt es sich um eine Lyrikauswahl aus sechs Jahrzehnten Czeslaw Milosz's. Und dort steht "Das" gleich als das erste Gedicht, quasi als Eröffnung - möglicherweise als Geständnis: "Könnte ich doch endlich sagen, was in mir sitzt! / Herausschreien: Ich habe euch belogen, Leute, / Als ich euch immer wieder sagte, DAS sei nicht in mir, / Wo es doch ständig da ist, Tag und Nacht." - Milosz denunziert sich selbst, sein Schreiben, sein Dichten: "Das Schreiben war für mich Schutzstrategie, / Damit verwische ich die Spuren." - Erkenne ich, der Rhein-Neckar-Poet, mich darin wieder? Mehr Schein als Sein? - Milosz: "Auch wenn ich ekstatisch das Dasein pries, / So war es nichts als eine Übung höheren Stils."
In einer Hymne "An den Haselstrauch", - "Hast mich, wie immer, bezaubert mit den Perlen deiner Nüsse" - das zweite Gedicht im Buch, lässt er denn auch gleich sein Lieblingsthema, den von mir schon erwähnten Flirt mit seinem Alter und den begleitenden Gebrechen, durchblicken: "Wie schade, dass ich längst nicht mehr der Bub von damals bin. / Ich würde mir wohl heute einen Stecken schneiden, Du siehst es ja, ich gehe am Stock."
Das Gedicht "Voyeur", ein Selbstportrait des Poeten, beginnt mit den Worten: "Ich habe als Voyeur die Welt durchwandert", um später festzustellen: "was die Frauen dort verbergen: / den dunklen Eingang zum Garten der Erkenntnis, / Unter schäumenden Petticoats, Rüschen und Röcken." Nicht wie andere selbsternannte Poeten braucht er Flora- oder Göttinnengedichte, um auf den Punkt der Sache zu kommen. Das gefällt mir. - Es gehört wohl schon ein fortgeschrittenes Alter, die damit in Zusammenhang stehenden Erfahrungen und eine entsprechende Einstellung dazu, um in ein Lamento wie "Es schnürt mir die Kehle zu, dass sich solch Schönheit in Leichnam verwandelt" zu verfallen. Doch dann wiederum - so richtig poetisch - das Geständnis: "Ich hatte bestimmt nicht die Absicht, sie alle zu lieben. / Es begehrten sie nur meine gierigen Augen, meine überaus gierigen Augen." Will man Milosz glauben, so sind größtes Ziel und Streben aller Künste und Wissenschaften ein Zusammentreffen zu einem kosmischen Schauspiel, "um das Lied der Lieder zu komponieren, / Vom pelzigen Tierchen, das sich nicht zähmen lässt."
Sich immer wieder in die Realitäten zurückversetzend, appelliert Milosz an Milosz: "Du alter Lustmolch, du solltest schon langsam ans Sterben denken", in dem Gedicht mit dem unsäglichen Titel "Ehrliche Beschreibung meiner Person, bei einem Glas Whisky auf dem Flughafen von, sagen wir mal, Minneapolis".
In "Exemplare" - "Exemplare wissen nicht, dass sie Exemplare sind" -, las ich den schönsten Satz des ganzen Buches, als Milosz die Frage stellt, "Wie kann man einen Schmetterling davon überzeugen, dass er ein Exemplar ist?" Die Frage ist um so aktueller, als dass ich in jenem Sommer 2004 die Feststellung traf - und damit den ersten Aphorismus meines Lebens erfand: "Schmetterlinge sind aus der Kirche ausgetretene Engel!"
In, sagen wir mal, Minneapolis, mahnte sich Milosz, langsam ans Sterben zu denken. Irgendwann, vor einigen Jahren, war es dann soweit. Vielleicht gibt es im Himmel einen Stammtisch der Literaturnobelpreisträger. Dann wird es ihm wenigstens nicht langweilig. Denn an diesem Ort gibt es sicherlich viel zu philosophieren. Zum Beispiel auch darüber, dass Schmetterlinge nicht gefallene ehemalige Engel sind. Vielleicht ist ja das Gegenteil der Fall. Möglicherweise sind die Engel zwischenzeitlich getaufte einstige Schmetterlinge. Milosz hätte mit all dem etwas anfangen können.