Richard Drake hat bereits zahlreiche Länder bereist, um die dortigen Sitten und Gebräuche zu erforschen. Er hat sogar ein Buch über die in der viktorianischen Gesellschaft als "Wilde" bezeichneten Eingeborenen geschrieben. Doch als er auf einem Ball Miss Catherine Lacombe im Garten sieht, trifft er auf eine ganz andere Wildheit. Über sie gebeugt und mit einem Pfahl bewaffnet stellt er nämlich Mister Jones, der sich selbst als Vampirjäger ausgibt. Drake kann den Mann gerade eben noch daran hindern, der jungen Frau Gewalt anzutun und stellt ihn anschließend zur Rede. Dabei stellt sich heraus, das Jones gar nicht Catherine, sondern Lord Faureston gefolgt ist. Dieser Dandy hatte sich mit ihr ein stilles Plätzchen für eine etwas privatere Zusammenkunft gesucht. Mister Jones weiß zu zu berichten, dass Faureston nicht nur unsittliche, sondern auch unchristliche Absichten hegte, schließlich sei er ein Vampir.
Für Richard Drake klingt die ganze Geschichte nicht sehr glaubwürdig und er fragt sich, was der ansonsten eher unscheinbare Bankangestellte Jones im Schilde führt. Jedoch muss er bald erkennen, dass dessen Wissen mehr Wahrheiten enthält, als dem Forscher lieb ist. Es häufen sich die seltsamen Zufälle und letztendlich steht Drake dem vermeintlichen Lord und Blutsauger sogar persönlich gegenüber und er muss die Wahrheit über seine Natur erkennen. Die Jagd beginnt.
"D" ist ein Comic, der sich sehr stark an Bram Stokers Herangehensweise an das Thema des Vampirs orientiert. Nicht zuletzt das D wie Dracula ist eine Hommage an den Altmeister des romantischen Vampirromans. Es tauchen zahlreiche Szenen auf, die sehr an "Dracula" erinnern und direkt aus diesem Roman-Kontext zu stammen scheinen. Trotzdem handelt es sich um eine komplett eigenständige Geschichte, die nur oberflächliche Parallelen aufweist. Dabei ist die Geschichte, die in "D" erzählt wird, keineswegs so verklärt, wie man das von der aktuellen Schwämme an so genannten "Romantasy"-Romanen gewohnt ist. Der Vampir ist hier ganz klar ein Monster und kein unverstandenes Wesen.
Mit Richard Drake haben sich die Macher des Comics einen starken Protagonisten gesucht, der die perfekte Heldenrolle spielt. Er ist unsterblich verliebt, hat gerade seine Investoren für die nächste geplante Expedition verloren und muss sich nun auch noch mit dem Übernatürlichen auseinandersetzen. Das alles gibt den perfekten Ausgangspunkt für intensive Gefühlswelten. Dabei macht der Charakter Wandlungen von aggressiv, wütend und voller Zorn bis hin zu freundlich und charmant durch. Wie auch bei Bram Stoker steht mit ihm nicht der Vampir im Vordergrund, sondern sein Widersacher. Catherine Lacombe nimmt auf der Seite der Damenwelt die Rolle der begehrten Liebhaberin ein.
Zeichnerisch wurde die Geschichte gut in Szene gesetzt. Sie ist trotz einer insgesamt eher gesetzten Farbgebung in Braun- oder Blautönen durchaus farbenfroh. Besonders gelungen ist der optische Transport von Musik. Es gibt gleich zwei Szenen, in denen klassische Musik eine große Rolle spielt, eine sehr pompöse auf einem Ball, eine andere in eher beschaulichem Umfeld an einem Klavier. Dem Zeichner Bruno Maïorana ist es hier mit einigen zeichnerischen Kniffen tatsächlich gelungen, das Gefühl der Musik geradewegs zum Leser zu transportieren, so dass man sie fast zu hören glaubt. Auffällig sind außerdem die oft sehr dicken Außenlinien der einzelnen Figuren, die man bei so realistischen Zeichnungen nicht unbedingt erwartet hätte, die aber für eine starke Kontrastierung zum Hintergrund sorgen und somit die Charaktere zusätzlich in den Fokus rücken.
Insgesamt ist "Lord Faureston" ein absolut gelungener Auftakt zur Serie "D". Es gibt starke Charaktere und großartige Zeichnungen. Jedem Fan des klassischen Dracula-Romans von Bram Stoker dürfte diese gezeichnete Hommage gefallen, aber auch Freunde des Vampir-Genres generell dürften auf den Geschmack an der spannenden Geschichte kommen.