In der 12. Auflage geistert die rororo-Monographie über Friedrich Dürrenmatt leider noch immer durch Schulstuben und Studierzimmer. Aber Alternativen gab es bisher leider kaum. Und natürlich ist auch das Werk von Peter Rüedi keine, sofern man nicht bereit ist, sich auf mehrere Hundert Seiten einzulassen. Aber es besteht nun zumindest die Hoffnung, dass Rüedis grandiose Biographie andere Autoren oder Verlage dazu ermuntert, einen Ersatz für das missglückte Werk aus dem Rowohlt Verlag zu schaffen. Aber bleiben wir bei Peter Ruedi und dem Diogenes Verlag, der ja auch der Hausverlag des 1990 verstorbenen Schweizer Schriftstellers war.
Obwohl ein Autor, der mehrere Welterfolge schreibt, automatisch zur öffentlichen Person wird, wissen wir über das Leben von Friedrich Dürrenmatt erstaunlich wenig. Und Peter Rüedi geht auf über 700 Seiten Text natürlich auch auf die Gründe ein, weshalb dem so ist und warum Dürrenmatt sagen konnte, er habe keine Biographie. Und wenn wir schon beim Umfang dieses Buches sind, dann erwähne ich auch gleich, was der Anhang enthält, der auf Seite 738 beginnt. In ihm finden wir nach dem Dank an die vielen Väter und Mütter dieser Biographie eine ausführliche Chronik zu Leben und Werk, über 100 Seiten Anmerkungen, das wohl bisher vollständigste Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Werkregister.
Bevor der Leser mit der Biographie Dürrenmatts bekannt gemacht wird, darf er ein Vorwort lesen, das nicht nur Lust auf das Kommende weckt, sondern auch viele wesentliche Punkte in teilweise sehr poetischer, aber immer prägnanter Weise zusammenfasst. Erahnen, welche Arbeit hinter dieser Biographie steckt kann nur, wer sich schon mit dem Leben und Werk von Friedrich Dürrenmatt auseinandersetzte. Denn es gibt wohl nur wenige Autoren von Weltruhm, die ihr Leben so in ihr Werk einfliessen liessen und gleichzeitig von ihm fern hielten. Nicht weil Dürrenmatt bewusst ein Verwirrspiel um seine eigenen Geschichte inszeniert, sondern weil das Labyrinth ebenso zu seinen zentralen Themen gehörte wie das Verhüllen, Heimkehr und Erlösung. Hinzu kommt, dass sich Dürrenmatt in seinen späten Werken buchstäblich neu zur Welt brachte, wie es Peter Rüedi formuliert.
Der "Wahrheit" von Dürrenmatts eigener Lebensgeschichte auf die Spur zu kommen, ist auch deshalb eine Herkulesaufgabe, weil Dürrenmatt die meisten seiner Texte immer wieder überarbeitete. Und selbst in der ersten Werkausgabe, die kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag erschien, finden sich nur wenige hilfreiche Aufzeichnungen, die auf Selbsterlebtes schliessen lassen. Kurz: die Leistung von Peter Rüedi kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Mein Fazit: Das Buch von Peter Rüedi gehört zu den Biographien, nach deren Lektüre vieles umgeschrieben werden muss, was bisher über das Leben und Werk eines Autors bekannt war. Aber dass allein würde nicht genügen, um von einem grandiosen Werk sprechen zu dürfen. Vielmehr liegt die Qualität von Rüedis monumentaler Arbeit auch darin, dass ihre Ergebnisse leichtfüssig daherkommen und oft in ein poetisches Gewand eingehüllt sind, die dem Gegenstand der Betrachtung mehr als gerecht werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hat Peter Rüedi die Biographie über Dürrenmatt schlechthin geschrieben.