Meine Frau und ich machten Ostern 2012 eine Erkundungsfahrt an die dänische Nordseeküste, um ein Ferienhaus-Ziel für eine großes Familientreffen im Sommer zu suchen. Zur Oreintierung sollte uns der Reiseführer Reise Know How Nordseeküste Dänemark" dienen. Mir hatte zwar der manchmal im Altherrenjargon schlüpfrige - Sonne, See und saubere Luft bewirken nach Ansicht des Autors eine allgemeine Anhebung der Libido - dann wieder verquer altmodische Sprachstil - das Baden im Lichtkleid" beim Thema FKK, oder Großrollstuhl" als Synonym für Auto - schon beim ersten Durchblättern nicht gefallen, aber es war vermeintlich der aktuellste Band auf dem Markt, laut Impressum eine >komplett aktualisierte Auflage 2012<. Ich fasse die Erfahrung für Schnelleser hier einmal zusammen: Selten fand ich so viel Unsinn zwischen zwei Buchdeckeln und von Aktualität keine Spur.
Der allgemeine Teil war überladen mit Hinweisen, die allenfalls in einen Reiseführer über ganz Dänemark gehören aber mit Dänemarks Nordseeküste wenig zu tun haben, wie Fernbusverbindungen zwischen Kopenhagen und Aalborg. Und was der Autor zur Wirkung von Sonnenlicht für die Vorsorge von Brust- und Dickdarmkrebs schreibt, grenzt an Quacksalberei und gehört nicht in einen Reiseführer.
Das mag bei gutem Willen noch unter Gesachmackssache fallen, aber auch die konkreten Angaben zur An- und Weiterreise sind unverständlich und wirr. Uns hätte einiges interessiert, weil unsere Kinder und Enkel im Sommer aus ganz Deutschland kommen. Da werden im Buch aber Flughäfen zur Anreise genannt, auf denen - so die zuständigen Fremdenverkehrsämter - seit Jahren keine Linienmaschienen mehr landen und vom empfohlenen Autoreisezug bis Niebüll hat man bei der Bahn auch schon lange nichts mehr gehört. Vor Ort ging es dann von Fiasko zu Fiasko: Gleich beim ersten Ziel auf der Insel Römö fanden wir das Fremdenverkehrsbüro nicht wo es laut Buch sein sollte, es ist in einen anderen Ort der Insel umgezogen. Als wir es schließlich in Havneby entdeckten, waren wir erst recht baff, das >ziemlich öde Nest, das aus nicht viel mehr als dem betonierten Fähranleger besteht<, entpuppte sich als modernes, munteres Dorf mit Shops, Boutiquen, einem tollen Café, mehreren Restaurants und Fischräuchereien und dem Fremdenverkehrsamt. Natürlich kann sich etwas verändern und im Buch entschuldigt sich der Verlag schon einleitend dafür. Aber das neue Havneby ist nicht letzte Woche oder letzten Monat vom Himmel gefallen, sondern hier hat der Autor seit Jahren nicht vorbei geschaut und eine radikale Veränderung des Ortes verschlafen. Als wir im Fremdenverkehrsamt dann nach der im Buch angegebenen Reitgelegenheit Römö Ranch am Strand von Lakolk fragten, wurden wir verständnislos angesehen, die sei vor Jahren aus Naturschutzgründen entfernt worden.
So ging es weiter: Immer wieder stellten wir fest, dass Adressen völlig veraltet oder so kryptisch waren, dass man sie vor Ort nicht identifizieren und meist nicht einmal mit dem Navi finden konnte. Hatten wir dann einmal eine Adresse erreicht wie zum Beispiel die des Restaurant Green Garden in Esbjerg, dem >Gartenrestaurant mit künstlerischen Ambitionen<, dann standen wir vor einem modernen Hotel, dass zwar ein Restaurant hat, aber mit anderem Namen und Gartenrestaurant" ist auch etwas anderes: Hat da der Autor einfach vom Namen Green Garden auf ein Gartenrestaurant geschlossen, es aber nie gesehen? Und so geht es Seite für Seite, ja Absatz für Absatz weiter mit Halbwissen, völligem Blödsinn, Oberflächlichkeiten oder Delitantismus. >Originell: Auf die unvermeidlichen Wehrmachtsbunker, die hier halb im Sand versunken sind, haben die Dänen Perdeköpfe montiert. Bei Sonnenuntergang nehmen die Figuren ein geradezu mystisches Aussehen an - recht gelungen<. Das sieht jeder. Mit etwas Recherche vor Ort haben wir Laien schnell die Hintergründe herausbekommen: Die Pferdeköpfe" sollen Mulis darstellen, die Dänen" waren ein britischer Künstler und das Ganze entstand als Friedesskulptur zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Davon hätte ich gern etwas gelesen.
Spannend auch immer wieder, die Webadressen aus dem vollständig überarbeiteten Buch anzuklicken. Manche wurden uns gleich zum Kauf angeboten: >Sie könne die Domain [...]<. Schade, wir wollten eigentlich Informationen über die Region Blaavand bekommen.
Wenigstens etwas hat uns das Buch gebracht: In Holstebro entdeckten wir ein Werk eines der bedeutendsten Bildhauer Europas aus dem 20. Jahrhundert, die Frau auf dem Wagen von Alberto Giacometti. Aber selbst wenn man selbst keine Ahnung hat, reicht ein Blick auf Alberto Giacomettis Wikipedia-Eintrag, der laut Herrn Hannawald Italiener ist: Der Mann ist trotz des italienisch klingenden Namens Schweizer! Das war der erste Reise Know How Reiseführer, den ich gekauft habe ...