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Dämon: Thriller
 
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Dämon: Thriller [Taschenbuch]

Matthew Delaney , Axel Merz
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (191 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Als Meeresforscher ein im Zweiten Weltkrieg gesunkenes Schiff entdecken und bergen, können sie nicht ahnen, welche Gefahren sie damit heraufbeschwören. Denn in dem Wrack befindet sich ein Wesen, das nur ein Ziel kennt: zu töten. Mit der Überführung des Schiffes nach Boston beginnt für die Bewohner der Stadt eine Phase des Schreckens. Bizarre Morde, verstümmelte Leichen und kryptische Zeichen halten die Polizei in Atem, und alles scheint auf eine Verbindung zwischen den Gewalttaten und dem Wrack hinzudeuten. Bei ihren Ermittlungen stoßen die Kriminalbeamten auf ein Geheimnis, das weit in die Vergangenheit zurückreicht.

Klappentext

Als Meeresforscher ein im Zweiten Weltkrieg gesunkenes Schiff entdecken und bergen, können sie nicht ahnen, welche Gefahren sie damit heraufbeschwören. Denn in dem Wrack befindet sich ein Wesen, das nur ein Ziel kennt: zu töten. Mit der Überführung des Schiffes nach Boston beginnt für die Bewohner der Stadt eine Phase des Schreckens. Bizarre Morde, verstümmelte Leichen und kryptische Zeichen halten die Polizei in Atem, und alles scheint auf eine Verbindung zwischen den Gewalttaten und dem Wrack hinzudeuten. Bei ihren Ermittlungen stoßen die Kriminalbeamten auf ein Geheimnis, das weit in die Vergangenheit zurückreicht. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Auszug aus Dämon von Matthew Delaney, Axel Merz. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Boston Common
In der gleichen Nacht

Reginald Tate blickte zum dritten Mal in zehn Minuten auf die Uhr, schüttelte den Kopf, stieß ein leises "Verdammt!" aus und ließ den Blick durch den menschenleeren, dunklen Park schweifen. Der Teich schimmerte im Mondlicht. Die Schwanenboote waren in der Nähe des Ufers vertäut. In den Bäumen ringsum raschelten die Blätter und zeigten ihre hellen Unterseiten, wenn eine Brise hindurchfuhr. Reginald rollte die Ärmel seines Flanellhemds herunter und zog in der nächtlichen Kühle die Schultern hoch.
Erneut blickte er auf die Uhr. Allmählich wurde das Warten sinnlos. Tate stand von der Bank auf, rieb sich die Taubheit aus den Oberschenkeln und ließ den Kopf kreisen, um die Spannung in der Halsmuskulatur zu lösen.
Mit Ausnahme der beiden Stunden, in denen es geregnet hatte, hielt Tate sich seit acht Uhr an Ort und Stelle auf und hatte Stoff verkauft, hauptsächlich CoCo, gekochtes Kokain. Doch das Geschäft, das kurz vor und nach dem Regen gut gelaufen war, hatte gegen zwei Uhr früh nachgelassen, und in der letzten halben Stunde hatte er nur noch herumgesessen. Es war keine besonders gute Nacht gewesen: Crackköpfe, die mit ein paar dreckigen Ein-Dollar-Noten bezahlten und glaubten, sie könnten den Rest mit einer zerlumpten alten Jacke oder sonst einem Scheiß abstottern, den sie irgendwo hatten mitgehen lassen. Seine Stammkunden wussten, dass es nur Ware gegen Bares gab, aber ständig hatte man mit Neuen zu tun oder mit den Scheißköpfen, die einfach nicht kapieren wollten.
Auf der anderen Straßenseite erklang lautes Lachen. Die Tür einer Bar flog krachend auf, und zwei Frauen stolperten Arm in Arm nach draußen. Sie hielten sich gegenseitig auf den Beinen. Mit Ausnahme ihrer unterschiedlichen Haare hätte man sie für Zwillinge halten können; beide trugen eng sitzende schwarze Leggings und Tank-Tops.
Reggie wandte sich wieder um und starrte in den Park hinaus, wo sein Partner auf der anderen Seite des Rasens wartete. Jay war fünfzig Meter entfernt und lag auf einem Poncho, wo er im Licht einer Parklaterne ein Videogame spielte.
"Was treibst du da, Jay?", flüsterte Reggie wütend vor sich hin. "Scheiße, Mann, du solltest so tun, als wärst du ein verdammter Obdachloser! Das ist keine Spielhölle, du Arsch!"
Jay denkt nicht für fünf Cent in die Zukunft, dachte Reggie. Er lebt nur für den Augenblick. Alonzo, der "Bienenzüchter", der Reggie mit Ware versorgte und dafür einen Anteil von vierzig Prozent der Einnahmen kassierte, hatte einen Friseurladen die Straße runter. Er brachte die Jungs von der Straße in sein Hinterzimmer; dann hielt er ihnen eine lange Rede über das Leben als Schwarzer und über die Armut. Alonzo war sechsunddreißig und erzählte den Kids liebend gern, dass er selbst so angefangen hatte wie sie. Heute besaß er einen Abschluss in Informatik, einen eigenen Laden und drei Autos.
"Wenn ihr in diesen Bus steigt, kommt ihr genauso weit", pflegte Alonzo zu sagen, um dann auf zwei geschlossene Schubladen in einem Schrank im Hinterzimmer zu zeigen. In Schublade eins lag ein nagelneues Paar Turnschuhe. In Schublade zwei lagen zehn Flaschen CoCo, gekochtes Kokain.
Schublade eins – bloß ein Paar Schuhe.
Schublade zwei – eine geschäftliche Chance.
Wenn man Nummer eins wählte, marschierte man einfach aus dem Laden und sah Alonzo niemals wieder.
Wählte man Nummer zwei, arbeitete man für den "Bienenzüchter". Die zehn Flaschen waren geliehen. Man nahm sie mit auf die Straße, verkaufte sie, kam mit dem Geld zu Alonzo zurück und kaufte davon mehr CoCo. Dann zog man wieder los, brachte den Stoff unter die Leute, ging wieder zu Alonzo und kaufte noch mehr – und so weiter, und so fort. Reggie erinnerte sich noch, wie er im Hinterzimmer gesessen und seine Wahl getroffen hatte. Heute war er bei vierhundert Flaschen angelangt.
Natürlich hatte er schon gesessen. Zwei Jahre im Blade-State-Gefängnis. Und die zwei Jahre waren verdammt hart gewesen. Mann, er erinnerte sich noch genau an das Loch. Ganz allein im Dunkeln, zeitweise in Einzelhaft. Und es gab viele Typen, die nur darauf warteten, an deinen Hintern zu kommen.
Reggie schüttelte den Kopf und erhob sich einmal mehr von der Bank, um Jay den Kopf zu waschen, als er unter den Bäumen auf der anderen Seite des Teichs plötzlich eine Bewegung bemerkte. Ein Typ mit unsicherem Gang, der sich immer wieder umblickte und dann über den Teich zu Reggie starrte. Ein weiterer Kunde, der nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Wieder warf Reggie einen Blick auf die Uhr, während er darauf wartete, dass der Kunde einen Entschluss fasste. Einen Augenblick später hatte der Typ entweder geschnallt, dass keine Gefahr drohte, oder die Gier auf einen Fix wurde übermächtig. Er kam direkt auf Reggie zu.
Selbst auf die Entfernung, über den Teich hinweg, konnte Reggie sehen, dass der Typ in einem grauenhaften Zustand war. Er trug eine alte, eng sitzende Jeans, schmutzige Turnschuhe und eine Baseballmütze. Wohl kaum ein Undercover; die sahen meist viel zu scharf aus, jede Menge Gold und schicke Klamotten, und es waren meistens Schwarze oder Hispanos. Kein hässlicher weißer Abschaum wie dieser Typ.
Außerdem kannte Reggie die meisten Bullen, die in dieser Gegend arbeiteten. Einen Undercover aus einem anderen Revier herzuschaffen, den Reggie noch nicht kannte, lohnte in ihren Augen nicht. Noch war Reggie ein zu kleiner Fisch.
Der Typ mit der Baseballmütze hatte inzwischen die breite Steinbrücke erreicht, die den schmalsten Teil des Teichs überspannte, und kam langsam auf Reggies Seite, während er sich am Geländer abstützte. Reggie hätte ihm am liebsten Beine gemacht. Es wurde spät, und er wollte endlich weg von hier.
Während der Typ näher kam, überschlug Reggie im Kopf seine Finanzen. Er hatte in dieser Nacht ungefähr fünfundvierzig Ampullen CoCo vertickt, zu zehn Mäusen die Pulle. Der Bienenzüchter würde am nächsten Morgen bei ihm anrufen und fragen, wie viele "Pollen" er letzte Nacht gesammelt hätte. Siebenhundert Dollar, und Alonzos Anteil waren zweihundertachtzig. Nicht schlecht für eine Nacht, und mit Sicherheit mehr, als Reggie in einer ganzen Woche verdient hatte, als er noch bei Phillip’s Plaza Place gewesen war.
Außerdem hatte er noch ein Viertel Ki im falschen Boden seines Kühlschranks versteckt. Er konnte jederzeit darauf zurückgreifen, das Zeug mit Mehl oder mit Laxativ verschneiden und neunhundert Pullen weniger sauberes Coke daraus machen. Auf diese Weise verschaffte man sich einen sicheren Ruf: die Kunden wussten, dass man keine Überraschungen reinpanschte, kein DeCon und kein pulverförmiges Reinigungsmittel.
Heute Nacht verkaufte er den reinen Stoff – ein Versuch, neue Kunden zu gewinnen. Wenn sein CoCo ausging, musste er zu Alonzo und Nachschub holen. Er wurde allmählich zur besten "Biene" des Bienenzüchters. Alonzo hatte vierzig Bienen wie Reggie, die für ihn auf die Straße gingen und Pollen sammelten.
Vielleicht kam Reggie ja bald ganz raus aus diesem Scheiß. Diesem ewigen Warten auf der verdammten Bank.
Er spürte, wie sein Piepser in der Gesäßtasche zu vibrieren anfing, und zog das Gerät hervor. Er las die Nummer ab: Es war Laura, das Mädchen, mit dem er sich seit vier Wochen traf. Er zuckte die Schultern und steckte den Piepser wieder ein. Er würde Laura gleich anrufen, wenn das Geschäft abgeschlossen war.
Der irre weiße Abschaum stand ganz plötzlich vor ihm. Er zitterte und sabberte. Reggie rümpfte unwillkürlich die Nase, als ihm der Gestank von Urin in die Nase stieg. Reggie starrte auf die Mütze des Typen. Über dem Schirm stand SOMMERVILLE CONSTRUCTION, mit einem mies gezeichneten Bulldozer darunter.
"Hallo, Mann, wie geht’s denn so?" Der Typ mit der Baseballmütze wirkte nervös und kratzte sich gedankenverloren und mit schmutzigen Fingernägeln am Hals. Er hatte einen Stoppelbart, der ungleichmäßig an seinem Kinn und auf den Backen spross.
"Was gibt’s?", fragte Reggie gleichmütig, als würde er sich langweilen.
"Nicht viel, Mann. Du weißt ja, wie das ist. Wollte nur mal vorbeischauen."
Eine kurze Pause entstand. Der Kopf des Typen tanzte auf und ab wie bei einem Papagei, und seine Hand kratzte immer noch den Hals. Fast hätte Reggie erneut auf die Uhr gestarrt. Er überlegte, ob er zusammenpacken und direkt zu Laura gehen sollte. Sie würde zuerst ihr Kind ins Bett bringen müssen. Sie arbeitete nur nachmittags für eine Reinigungsfirma, trotzdem musste er bald zu ihr, bevor sie selbst zu Bett ging.
"Hör mal, ich dachte, du könntest mir vielleicht aushelfen. Ich hab hier zwanzig Dollar." Er streckte Reggie eine zerknitterte Zwanzig-Dollar-Note hin.
"Und was willst du dafür?"
Der Typ mit der Baseballmütze zuckte die Schultern. "Ich weiß nicht … zwei Pullen?"
Reggie schüttelte den Kopf. Er spielte mit dem Abschaum. "Nein, Mann, ich verkauf keinen Stoff."
Der Typ mit der Mütze starrte ihn einen Augenblick verwirrt an, die Banknote immer noch in der ausgestreckten Hand, zwischen den schmierigen Fingern.
"Zeig mal die Kohle", sagte Reggie und nahm den Abschaum die Banknote aus der Hand, um sie genauer zu inspizieren, während er überlegte, woher so ein Typ zwanzig Dollar hatte. Die Vorderseite war sauber, doch auf die Rückseite hatte jemand ein kleines Herz und die Initialen "V. R. + M. D." gemalt.
Reggie gab dem Abschaum das Geld zurück. "Die will ich nicht. Das Scheißding ist voll gekritzelt."
"Aber das ist alles, was ich hab!", heulte der Abschaum auf.
Alonzo hatte Reggie gezeigt, wie markierte Banknoten aussahen. Die Kennzeichnungen waren viel subtiler als dieses plumpe Herz, aber vielleicht probierte die Bostoner Polizei ja mal was Neues. Reggie zögerte, während er den Schein zwischen den Fingern hielt. Der Typ ist total ausgetrocknet. Der ist bestimmt kein Undercover.
Reggie zögerte noch immer, starrte auf die Banknote. "Also schön, Mann, ich mach mal ’ne Ausnahme. Aber versuch ja nicht, mich aufs Kreuz zu legen." Reggie nahm den Zwanziger und legte ihn neben sich auf die Bank.
Aus der Innentasche zog er einen kleinen Zylinder, so groß wie ein Stift. Einen Laserpointer. Er richtete den Pointer auf Jay, der noch immer unter dem Baum lag und Videospiele spielte. Ein roter Lichtpunkt erschien auf Jays Jeans. Reggie bewegte den Lichtpunkt, bis Jay aufmerksam wurde und aufblickte. Reggie fasste sich zweimal an den Kopf – das Zeichen für zwei Pullen. Jay nickte und erhob sich langsam wie ein Betrunkener, der von seinem Rausch aufwacht. Er stolperte in Richtung des Bootsstegs, der auf den Teich hinausführte. Tagsüber warteten Hunderte von Leuten – Eltern und Kinder und verliebte Paare – auf diesem Steg darauf, in eines der Schwanenboote einzusteigen. Des Nachts klebte Reggie die Plastiktüte mit den kleinen Ampullen voller CoCo mit Klebeband unter die Holzplanken.
Jay beugte sich vor und griff unter den Steg, dann richtete er sich wieder auf und stolperte zu seinem Rastplatz zurück. Unterwegs hielt er für einen Augenblick, gerade lange genug, um die Ampullen in einen Mülleimer am Ufer fallen zu lassen.
Reggie blickte zu Boden. Vor ihm lag ein alter, zerknitterter McDonald’s-Becher. Er hob ihn auf und hielt ihn dem Abschaum hin.
"Wirf das für mich in einen Mülleimer."
"Was?"
"Wirf das weg, Mann. Da drüben steht der Müllkorb!" Reggie nickte in Richtung des Behälters.
Der Abschaum starrte ihn verständnislos aus glasigen Augen an. Er stand da, schwankte langsam hin und her und versuchte zu begreifen, was Reggie von ihm wollte.
"Mach schon, Mann. Nimm den verdammten Becher und wirf ihn weg … IN DIESEN Mülleimer DA DRÜBEN." Reggie starrte auf den Behälter und nickte in die Richtung, um den Abschaum auf die Spur zu bringen.
Die Augen des Junkies blickten plötzlich wieder klar. Er grinste und wandte sich von Reggie ab, ohne den Becher zu nehmen, und marschierte schnurstracks zum Mülleimer. Reggie schüttelte den Kopf und warf den Becher wieder zu Boden. Er wischte sich langsam die Hände an der Hose ab, während er den Mann beobachtete, der sich mit wackelndem Kopf dem Mülleimer näherte. Was für ein Penner. Ein IQ wie ein Regenwurm.
Reggie drehte sich nach den beiden Frauen um, die aus der Bar gekommen waren. Sie waren nirgends mehr zu sehen, die Straße lag verlassen. Der Junkie war nun am Ufer angelangt und fischte im Abfall herum. Er fand die beiden Ampullen CoCo, steckte sie ein und schlurfte eilig durch den Park davon. Gut so! Reggie hasste es, wenn die Typen es nicht abwarten konnten und sich das Zeug schon im Park einwarfen. Das nämlich war der Augenblick, in dem sich die verdammten Cops einmischten und das Geschäft versauten. Außerdem war das hier ein Park für Kinder; eigentlich durfte es überhaupt keine Junkies in der Gegend geben.
Reggie stemmte die Hände auf die Bank und wollte sich hochdrücken, als er einen Streifenwagen bemerkte, der langsam vorüberfuhr. Scheiße, das hat noch gefehlt. Er blickte zu Boden und verhielt sich ganz still. Der Streifenwagen rollte langsam weiter über die leere Straße. Reggie sah ihm hinterher, bis er fast außer Sicht war, als plötzlich die Sirene aufheulte und das Blaulicht zu flackern begann.
Reggie fluchte und beobachtete den Wagen unter hochgezogenen Augenbrauen. Er drehte leicht den Kopf und sah seinen Partner Jay, der mit hervorquellenden Augen auf das Blaulicht starrte. Langsam stand Jay auf, steckte seinen Gameboy ein, wandte sich um und ging rasch durch den Park davon, die Hände tief in den Hosentaschen versenkt.
Reggie rührte sich nicht. Wahrscheinlich würden sie ihn nur nach Stoff filzen und anschließend aus dem Park jagen.
Der Streifenwagen blieb am Straßenrand stehen, ohne dass jemand ausstieg. Die Blaulichter blitzten lautlos. Plötzlich kreischten die Reifen, und der Wagen schoss mit aufheulender Sirene auf die Straße und fort von Reggie, zu einem dringenderen Einsatz irgendwo in der Stadt. Reggie entspannte sich, als der Streifenwagen um eine Ecke verschwand, und blickte sich um.
Jay war verschwunden. Wahrscheinlich rannte er zu seinem Fahrrad, das er hinter der Subway-Station abgestellt hatte. Reggie strich die Falten auf der Vorderseite seiner Hose glatt, betastete die Rolle Geldscheine in der Tasche und stand langsam von der Bank auf, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung bemerkte. Irgendjemand kam aus Richtung Teich auf ihn zu. Noch ein Kunde? Ist es das wert, noch länger zu bleiben?
Reggie betrachtete die Gestalt genauer, und sein Magen zog sich zusammen. Der Mann war vom Boston Police Department. Wahrscheinlich von dem Streifenwagen. Wahrscheinlich war er halb um den Park herumgefahren und hatte gehalten, wo Reggie es nicht sehen konnte, dann war er ausgestiegen und zu Fuß gegangen.
Die Cops liefen nicht gern zu Fuß, außer sie hatten es wirklich darauf abgesehen, jemanden hochgehen zu lassen. Und Reggie war noch auf Bewährung. Verflucht! Was mache ich jetzt? Abhauen? Doch der Cop hatte bestimmt einen Partner, der irgendwo im Park lauerte, und Reggie hasste den Gedanken, einem Mann mit Schlagstock in die Arme zu laufen. Außerdem war Laufen fast unmöglich mit den Stiefeln und der Jacke und dem verdammten Piepser im Gürtel.
Der Cop kam immer näher. Plötzlich flammte ein Scheinwerfer auf, und eine Stimme rief: "Bleiben Sie, wo Sie sind. Keine Bewegung!"
Reggie setzte sich auf der Bank zurück. Während er darauf wartete, dass der Cop zu ihm kam, beobachtete er unauffällig die Umgebung. Grüner Rasen, durchzogen von breiten Kieswegen, erstreckte sich ringsum, eingefasst von betonierten Bürgersteigen, die den gesamten Park umgaben. Am gegenüberliegenden Ende befand sich das kleine Granitgebäude der U-Bahn-Station. Die Innenbeleuchtung war abgeschaltet; nur der schwache blaue Schein der Laterne über der Notrufsäule an der Seite des Bauwerks erhellte die Station. Links von Reggie erstreckte sich der Park bis zur Park Street Church und dem angrenzenden Friedhof. Reggie ahnte die grauen Grabsteine mehr, als dass er sie sehen konnte. Über die im Wind rauschenden Bäume hinweg erhoben sich in der Ferne die Wolkenkratzer der Innenstadt Bostons mit den in der Nacht rot blinkenden Lichtern auf den Dächern.
Dann stand der Cop direkt vor ihm und leuchtete Reggie mit seiner Taschenlampe von oben bis unten an.
Der Mann sah schon älter aus; der Schatten eines Dreitagebarts lag auf seinem verlebten Gesicht mit der dunklen, ledrigen Haut, und als er näher kam, rümpfte Reggie die Nase. War der Mann betrunken? Er stank nach Alkohol. In Reggie regte sich Unbehagen.
"Wie geht’s denn so?", fragte der Cop.
"Ganz gut", antwortete Reggie und blinzelte ins Licht der Lampe.
"Ziemlich spät, um draußen zu sein, finden Sie nicht?"
"Ich wollte nur ein wenig frische Luft schnappen."
Der Cop starrte ihn eigenartig an, und seine Pupillen weiteten und verengten sich so träge wie Wellen in einem Teich. Einen Augenblick herrschte Schweigen. Keiner sagte etwas. Der Cop starrte nur.
"Kann ich jetzt gehen?", fragte Reggie schließlich.
Der Cop ignorierte seine Frage. Reggie sah ihn genauer an. Irgendetwas stimmte nicht. Der Stoff der Uniform war fadenscheinig und zerknittert. Sogar die Polizeimarke war seltsam stumpf, als wäre sie aus Plastik.
"Wer war Ihr Freund?", fragte der Cop.
"Wen meinen Sie?"
"Den Mann, der da hinten gesessen und Gameboy gespielt hat."
"Kenne ich nicht."
"Das glaube ich aber doch. Hat er mich kommen sehen?"
"Ich kenne ihn wirklich nicht, Officer."
"Haben Sie irgendwo in der Nähe ein Fahrzeug abgestellt?"
"Nein, ich bin zu Fuß von zu Hause hergekommen."
Der Cop nickte und drehte den Kopf, ließ den Blick durch den leeren Park schweifen.
"Haben Sie einen Führerschein?", fragte er dann.
"Ja, sicher", antwortete Reggie. Er zog seine Brieftasche hervor und wollte den Führerschein herausnehmen, doch der Cop kam ihm zuvor, nahm ihm die Brieftasche weg und betrachtete sie einen Augenblick, bevor er sie in die Brusttasche steckte, wo sie sich unter dem fadenscheinigen blauen Stoff deutlich abzeichnete.
"He, Mann! Sie können mir doch nicht einfach meine Papiere wegnehmen!"
"Sie haben Drogen hier im Park verkauft."
Reggies Stimme klang verletzt. "Was? Wie kommen Sie auf die Idee? Sie kennen mich doch gar nicht!"
"Steh auf."
"Was?"
"Steh auf."
Reggie nickte. Er verspürte kein Bedürfnis, diesem Cowboy zu widersprechen, und erhob sich langsam von der Parkbank.
"Dreh dich um, spreiz die Beine, und leg beide Hände auf die Banklehne. Den Kopf nach unten."
Reggie gehorchte, drehte sich langsam um und beugte sich über die hohe Rückenlehne der Parkbank. Er spürte, wie er abgetastet wurde, wie Hände über seine Taschen und an seinen Beinen entlang nach unten glitten. Dann strichen die Hände über seine Arme. Als sie seine nackten Handgelenke berührten, zuckte Reggie zusammen, so kalt war die Haut des Cops. Es fühlte sich an wie nasser Seetang.
"Du irrst dich, Reggie", sagte der Cop. "Ich weiß alles über dich. Trotzdem will ich dir eine Frage stellen. Hattest du jemals Angst da draußen?"
"Wo draußen?"
"Im Knast", antwortete der Cop. "Hattest du jemals Angst?"
Reggie dachte unwillkürlich an das Blade-Gefängnis. An das Loch. An das Etwas, das dort unten auf ihn gelauert hatte … das sie alle gejagt hatte. Woher wusste der Cop davon? Niemand wusste davon, außer den Sträflingen, die dort gewesen waren, und den Wächtern. Und woher wusste dieser Cop überhaupt so genau, wer Reggie war? Reggie besaß ein gutes Gedächtnis für Gesichter und hätte den Cop bestimmt erkannt. Außerdem sah er gar nicht wie ein richtiger Cop aus. Hätte er nicht die Uniform getragen – Reggie hätte ihn für einen seiner Kunden gehalten.
"Hattest du Schiss?", kam die Frage erneut, und die Stimme des Cops nahm einen aufgeregten Unterton an.
"Ja", flüsterte Reggie.
Er stand immer noch über die Bank gebeugt und blickte auf die beiden eiskalten Hände, die ihn weiterhin abtasteten. Die Nägel waren lang und schmutzig, die Finger fleckig von Blut.
Blut!
Überrascht riss Reggie den Kopf hoch und reckte den Hals, um nach hinten zu sehen. In diesem Moment packte ihn etwas und zwang seinen Kopf wieder nach unten. Hinter sich hörte er ein gurgelndes Kichern.
"Hast du was in deinen Schuhen oder Taschen oder der Unterhose?", fragte eine leise Stimme.
"Nein, Sir", antwortete Reggie zitternd.
Hinter ihm ertönte ein seltsames Geräusch.
"Was …" Reggie stemmte sich hoch und fuhr herum.
Der Cop starrte ihn an. Seine geschwollenen Augen waren plötzlich blutunterlaufen. Er sah aus, als würde er jeden Augenblick explodieren. Sein Gesicht wurde dunkler, und die schlaffe Haut seiner Wangen zuckte wie die Flanken eines nervösen Pferdes. Reggie trat einen Schritt zur Seite, weg von der Bank, und beobachtete, wie die Augen des Cops sich für einen Moment nach oben verdrehten, bis nur noch das Weiße zu sehen war.
"O Gott", flüsterte Reggie und starrte offenen Mundes auf den Cop, der plötzlich ruckhaft den Kopf drehte und Reggie wieder anstarrte.
Voller Panik rannte Reggie los.
Er bewegte sich so schnell er konnte, rannte über den Hang und brach durch die Bäume zur Straße. Vor ihm tauchten die Laternen den Bürgersteig in helles Licht. Die Bars und Geschäfte hatten längst geschlossen, die Fenster waren dunkel. Das Gras war nass vom nächtlichen Tau; Reggie spürte, wie Feuchtigkeit in seine Schuhe drang. Gehetzt blickte er über die Schulter: Der Cop kam zielstrebig hinter ihm her, mit mechanisch schwingenden Armen und starr nach vorn gerichtetem Kopf. Der starre Blick der gelben Augen verfolgte Reggie.
Reggie erreichte die Straße und sah einen Wagen auf sich zukommen, einen grünen Toyota. Er rannte auf die Fahrbahn und schwenkte wild die Arme über dem Kopf. Der Toyota beschleunigte, und Reggie musste zur Seite springen. Als der Wagen vorbeijagte, erhaschte Reggie einen flüchtigen Blick auf eine Frau mit hagerem Gesicht, die verkrampft hinter dem Steuer saß. Reggie prallte unsanft gegen einen parkenden Jeep und prellte sich das Steißbein. Schmerz durchzuckte ihn.
Er rannte zwischen parkenden Fahrzeugen hindurch und über den leeren Bürgersteig, bis das schwere Eingangstor des Granary-Friedhofs dunkel vor ihm aufragte. Das Tor aus dicken Eisenstäben war verschlossen, doch Reggie kletterte an den Stäben nach oben und schwang sich hinüber. Seine Jacke verfing sich in einer der scharfen Spitzen, und er landete mit der Schulter voran auf der anderen Seite. Schwerfällig rannte er übers Gras, während ringsum die Nacht hereinsank. Dunkelheit erfüllte jeden Spalt und jede Ritze zwischen den Grabsteinen des kleinen alten Friedhofs und breitete sich über das Gras hinweg bis hin zum Mausoleum aus.
Als Reggie mit dem Dealen im Park angefangen hatte, hatte er einen Gegenstand auf diesem Friedhof versteckt. Er hoffte inständig, dass dieser Gegenstand noch da war, und seine Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Da war sie, die silberne 38er Special. Unter einem kleinen Stück Rasen hinter dem Grabstein von Eleazar Johnson, 1783–1836. Schwer atmend und dicht an den Boden gekauert wartete Reggie, während er den Blick langsam über den Friedhof schweifen ließ.
Niemand zu sehen.
Die alten Grabsteine standen krumm und schief im bleichen Mondlicht, während vereinzelte Wolken über den Nachthimmel trieben wie die geblähten Segel von Schiffen.
Aus dem Augenwinkel erhaschte Reggie eine Bewegung. Ein kurzer Blick auf etwas, das zwischen den Gräbern umherhuschte – dann war es verschwunden.
Langsam ging Reggie rückwärts, die Pistole schussbereit erhoben. Da war die Bewegung wieder, erneut rasch und flüchtig, bloß ein schwarzer, verschwommener Schatten, der Reggies eigene Bewegungen nachzuahmen schien. Reggie blieb stehen und starrte angestrengt in die Dunkelheit. Die 38er Special in seiner Hand verlieh ihm ein wenig Mut.
Er neigte den Kopf und spähte in die graue Dunkelheit des Friedhofs. Die schiefen Grabsteine leuchteten im Mondlicht, während die Flächen dazwischen mit rabenschwarzer Dunkelheit erfüllt waren. Selbst wenn man genau hinsah, war kaum etwas zu erkennen.
"He, ich hab ’ne Kanone!", sagte Reggie laut. "Willst du immer noch weitermachen?"
Der Friedhof lag still da, totenstill.
Reggie zuckte zusammen und hätte beinahe die Waffe fallen lassen. Eine Gestalt stand reglos auf der anderen Seite des Friedhofs und beobachtete ihn. Reggie beugte sich vor, starrte angestrengt in die Dunkelheit. Die Gestalt trug keine Uniform.
"Was ist?", rief Reggie. "Was willst du?"
Die Gestalt rührte sich nicht.
Reggie warf einen Blick zurück durch den schmiedeeisernen Zaun zur Straße. Keine Spur von dem Cop, der ihn verfolgt hatte. Er drehte sich wieder zu der Gestalt um und bemerkte, dass sie näher gekommen war. Für einen Augenblick drohte Panik ihn zu überwältigen; er wünschte sich sehnlichst, er hätte sich nicht so weit von der Straße entfernt. Wieder schaute er zu der Gestalt hinüber. Sie war noch näher gekommen.
Irgendetwas stimmte nicht … der Schatten war seltsam verzerrt und verdreht, die Arme lang und spitz zulaufend, die Knie nach innen gebeugt. Reggie wich einen Schritt zurück, und die Gestalt trat einen Schritt vor.
"Hör mal, ich weiß nicht, wer du bist, aber ich rate dir zu verschwinden."
Die Gestalt näherte sich unbeirrt weiter, folgte Reggie mit kurzen, roboterhaften Bewegungen und ohne jedes Geräusch, wobei sie immer schneller wurde, bis sie rannte. Reggie hob die Waffe mit beiden Händen und drückte ab. Ein Ruck ging durch die Gestalt, doch sie näherte sich weiter. Reggie feuerte erneut und verfehlte diesmal sein Ziel. Die Ecke eines Grabsteins explodierte in einer Staubwolke und winzigen Steinsplittern, als die Kugel einschlug.
Die Gestalt huschte durch eine Lücke zwischen zwei Bäumen und war für einen Moment im vollen Mondlicht zu sehen. Zum ersten Mal erkannte Reggie, was da auf ihn zukam. Er schrie vor Entsetzen und wandte sich zur Flucht.
Hinter ihm erklang ein kurzes, leises Aufheulen, und Sekundenbruchteile später spürte Reggie einen stechenden Schmerz in der Schulter. Im Vorwärtsfallen stolperte er über eine Grabumrandung und landete mit dem Gesicht zuerst in der nassen Erde. Ein gewaltiges Gewicht drückte auf ihn, und er spürte stinkenden heißen Atem im Nacken.
Reggie schloss die Augen, streckte die Hand nach hinten und betätigte blind den Abzug seiner 38er. Er hörte die Kugeln in Fleisch einschlagen. Noch während er am Boden lag, verschwand das Gewicht von seinen Schultern. Reggie sprang auf und rannte los. Grabsteine huschten vorüber, während er fieberhaft nach einer Stelle suchte, an der er sich verstecken konnte. Er gelangte auf einen Teil des Friedhofs, auf dem Krypten standen, niedrige steinerne Gebäude. Er bewegte sich tiefer hinein in das Labyrinth aus kleinen Bauwerken; dann duckte er sich und drückte sich zwischen zwei steinernen, trompetenblasenden Engeln hindurch. Hinter Reggie ertönte ein dumpfes Grollen, und im Gras zu seiner Rechten vernahm er Schritte. Tief am Boden tastete er sich vorwärts, immer an der Wand des Mausoleums entlang. Vor ihm erstreckte sich der Friedhof, und Reihen um Reihen von Grabsteinen ragten in den Himmel wie die Reißzähne eines Ungeheuers.
Reggie erreichte die Vorderseite des Mausoleums, wo im Zentrum eine schwere, zweiflügelige Metalltür eingelassen war. Erneut erklangen die Schritte zwischen den Grabsteinen.
Dieses Etwas suchte nach ihm …
Die Metalltür war durch eine Kette und ein rostiges Schloss gesichert. Reggie zerrte an dem Schloss, doch nichts geschah. Er legte die 38er zu Boden und zog erneut am Schloss, fester diesmal, mit beiden Händen. Die Kette knirschte und knackte ein wenig unter der Belastung, doch das Schloss gab keinen Millimeter nach. Reggie sah eine Schaufel drei Meter entfernt, ergriff sie und schob das Schaufelblatt zwischen Schloss und Tür.
Die Kette klirrte so laut, dass Reggie zusammenschreckte. Er erstarrte, hielt den Atem an. Die Schritte waren verklungen, als stünde das Etwas, das ihn verfolgte, irgendwo auf dem Friedhof und lauschte. Langsam griff Reggie nach dem Revolver. Die Schritte setzten wieder ein, langsam, dumpf, auf der anderen Seite des Gebäudes, und näherten sich.
Es kam auf ihn zu!
Reggie steckte den Revolver ein und bearbeitete mit der Schaufel die rostige Kette und das Schloss. Er drückte gegen den Stiel, so fest er konnte. Die Schritte wurden schneller. Die Gestalt hatte nun die gegenüberliegende Seite des Mausoleums erreicht, und Reggie konnte ihren Atem hören, der in kurzen, rasselnden Stößen ging. Tränen der Angst traten ihm in die Augen, und eine Woge greller Panik erfasste ihn. Er kämpfte das Verlangen nieder, einfach aufzugeben, sich ins Gras zu legen und auf das Unabwendbare zu warten. Stattdessen nahm Reggie ein letztes Mal alle Kraft zusammen und riss an dem Stiel – und plötzlich sprang das Schloss auf.
Reggie starrte verblüfft auf das Ergebnis seiner Bemühungen, dann schüttelte er den Kopf und warf die Schaufel ins Gras. Die Schritte waren nun fast an der Ecke des Mausoleums angekommen. Noch einen Augenblick, und Reggies unheimlicher Verfolger würde um die Ecke kommen und ihn sehen. Reggie schob die Tür langsam auf und schlüpfte durch die sechzig Zentimeter breite Öffnung ins Innere, wo er einen Balken fand, der dazu gedacht war, die Tür von innen zu versperren. Er schob ihn in die vorgesehene Halterung. Mit ein bisschen Glück konnte er dieses Ding daran hindern, zu ihm reinzukommen.
Im Innern der Gruft herrschte tiefste Dunkelheit. Nur ein dünner silberner Lichtstrahl fiel durch einen Spalt unter den beiden Türen. Reggie stand ganz still da und tastete blind um sich. Langsam bewegte er sich vorwärts, bis er gegen etwas Hartes, Kastenförmiges stieß. Er strich mit den Händen darüber und erkannte, dass es ein Sarg war, der auf einem Steinsockel mitten im Raum stand.
Reggie atmete tief durch in dem Versuch, seinen rasenden Herzschlag zu verlangsamen und das Klingen in seinen Ohren leiser werden zu lassen. Die Krypta war staubig, Spinnweben streiften über sein Gesicht und die Nase und klebten in seinen Haaren, als er sich langsam hinter den Sarg tastete. Staub, der sich jahrzehntelang angesammelt hatte, rieselte in einem fast ununterbrochenen Strom auf ihn herab. Seine Augen brannten, und er konnte den Dreck zwischen den Zähnen spüren.
Draußen bewegte sich etwas. Reggie hielt den Atem an und lauschte. Er hörte Schritte, die sich dem Eingang der Krypta näherten. Die Schritte schienen für einen Augenblick zu verharren, dann entfernten sie sich entschlossen von der Tür und bewegten sich in eine andere Richtung, als hätte die Kreatur seine Fährte verloren. Reggie drückte das Ohr gegen die Tür und hörte ein schnüffelndes Geräusch, nur wenige Zentimeter von seinem Kopf entfernt. Er blickte nach unten zum Silberstreif unter der Tür und sah, dass sich im Mondlicht Schatten bewegten. Irgendetwas stand da draußen …
Die Schatten bewegten sich von der Tür weg und verschwanden schließlich ganz. Reggie hörte ein leises Scharren an den Granitmauern des Mausoleums. Dann Stille.
Scharf stieß er den Atem aus und spürte, wie die Nervosität von ihm abfiel. Langsam wich er von der Tür zurück. Hinter sich ertastete er mit ausgestreckter Hand den Sarg, gegen den er vorhin gestoßen war.
Die Luft war kühl und roch nach Erde. Erde. Reggie wurde schlagartig bewusst, dass der Boden des Gebäudes aus Erde bestand. Wenn dieses Ding zu ihm wollte, konnte es sich unter der Tür hindurch zu ihm graben …
Draußen herrschte Stille. Dann krachte ein schwerer Gegenstand gegen die Tür. Das Metall kreischte und wölbte sich nach innen, doch der Balken hielt. Ein Augenblick verging, dann folgte ein zweiter Schlag. Diesmal erzitterte die Tür noch heftiger und drohte aus den Angeln zu brechen. Ein dritter Schlag. Staub rieselte von der Decke auf Reggie. Die Luft wurde stickig vor Staub, und Reggie hielt die Hand vor den Mund, als könne er den Dreck zwischen den Fingern filtern.
Draußen hämmerte irgendetwas wütend gegen die Tür in dem Versuch, sich Zutritt zu verschaffen.
"Gott im Himmel, hilf mir", flüsterte Reggie panikerfüllt. "Bitte, hilf …"
Er zog den Abzug der 38er Special durch, und die Kugeln prallten als Funken sprühende Querschläger von der Metalltür des Mausoleums ab.
Das Hämmern draußen hielt an. Der obere Teil einer Türhälfte bog sich plötzlich mit metallischem Kreischen nach innen. Helles Mondlicht strömte ins Innere und bildete einen Fleck auf dem Boden. Das Licht erlosch unvermittelt, als eine Gestalt den Kopf durch die Öffnung steckte. Reggie wimmerte leise, als er in die gelben Augen starrte.
Das Maul der Kreatur war zu einem triumphierenden Grinsen verzerrt.
Reggie hatte noch eine Kugel in der Trommel. Er setzte die Mündung der 38er an seine Schläfe und spürte das kalte Metall auf der Haut.
Dann riss er den Abzug durch.

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