Hätte man mir vor 10 Jahren gesagt, dass ich in meinem Leben einmal Gefallen an HipHop finden würde, hätte ich wohl geantwortet, dass eher ein AIDS-Heilmittel erfunden wird, das als Nebenwirkung multiple Orgasmen mitbringt. Als ich musikalisch meine Fühler ausstreckte (Ende der 90er) hatte der Rap seine frühen sozialkritischen Wurzeln verkauft und war zur Poserei geworden: Ich wusste nichts von den politisch relevanten Formationen, die es ja durchaus gibt. Alles, was ich sah, waren Goldketten, Bitches und schwere Uhren; und alles was ich hörte, war vulgär, monoton und stumpfsinnig.
Gerade weil Cypress Hill die Gangsterpose ein klein bisschen dezenter auffuhren als andere Combos, waren sie auch für die weiße Mittelschicht attraktiv, und genau das machte sie für mich zum Reizwort: Auf meiner Schule waren sie Kult, und allein deswegen hasste ich sie: denn damit waren sie die Lieblingsband von Leuten, die ich direkt und indirekt für das Jammertal meiner Pubertät verantwortlich machte.
Ich hatte CH nie gehört, aber ich sah, dass sie jeder hörte. Egal ob verpickelter Mittelstandsbubi, oder Juristentochter - wenn man sie fragte, was sie gerade hörten, war die obligatorische Antwort: "Cypress Hill." Als die 90er ihrem Ende entgegengingen, erschienen mir die Menschen auf meiner Schule mit ihren Skelett-T-Shirts (das berühmte "IV"-Cover) wie eine hirnlose Klonarmee. Ich hörte Punk und Metall und hielt mich für den einzigen Menschen der Welt, mit Geschmack.
Nun liegt meine Schulzeit schon Jahre zurück, und auch meine generelle Toleranz für andere Musikrichtungen hat sich wieder zurückgebildet: Tropfenweise (hier mal ein guter Song, und da mal ein guter Song) stellte sich bei mir irgendwann auch Gefallen an HipHop ein, so dass ich dieser Musikrichtung nun zumindest aufgeschlossener gegenüberstehe (obwohl jeder 13jährige mit Goldkette und Baggypaints, den ich in der Bahn sehe, mir nach wie vor einen Stich gibt).
Meine (Wieder-)Entdeckung von Cypress Hill war rückblickend allerdings kein nachträgliches zu-Kreuze-Kriechen, sie war und ist eine Bereicherung für meinen Alltag.
Ist das HipHop? Ja, denn es ist Rhythmus unterlegt mit Sprechgesang. Ist das Gangsterrap? Praktisch ja, denn die Texte zelebrieren den Gesetzesbruch, und verhöhnen die Polizei. Warum diese Scheibe aber trotzdem anders ist, warum eigentlich jeder aufgeschlossene Hörer ihr zumindest einmal eine Chance geben soll, liegt einzig und allein daran, dass Cypress Hill es (vielleicht als einzige) geschafft haben, dem HipHop eine positiv-entspannte Note zu geben: Es ist gar nicht erst notwendig, einzelne Songs zu beschreiben: Cypress Hill liefern kein aggressives Sprechgekeife oder textliche Schwan- äh, ich meine Waffen-Schwenkerei, sonder feine, zurückgefahrene Beats mit flotten Melodiesampeln, sonnigem Latinofeeling und einem sehr einnehmenden Charme.
Muss man noch mehr schreiben? Ich denke nicht. Eine CD für Grillparties, für eine entspannte Autofahrt, für ein eiskaltes Bier an einem lauen Sommerabend, eine CD bei der man von der ersten bis zur letzten Minute mitwippt, und gelegentlich mitschmunzelt - eine CD mit der man sich schlichtweg gut fühlt, und die mit Fug und Recht einen Platz in meiner Rock-dominierten Plattensammlung eingenommen hat.