perlentaucher.de, Buchnotiz zu Frankfurter Rundschau vom 25.04.2005
Peter Bexte spricht eine Empfehlung aus. Wer wissen will, was es mit der Kybernetik auf sich hat, der möge doch die Bände "Cybernetics - Kybernetik" über die berühmten Macy-Konferenzen von 1946-1953 lesen. Die Kybernetik, so Bextes Erklärung für den Erfolg dieser Inter-Disziplin, an der unter anderem Mathematiker, Anthropologen, Psychiater und Philosophen beteiligt sind, "antwortete auf einen Modernisierungsschub". Dessen Essenz war im Wesentlichen die Erkenntnis: Alles ist Information. Und Kybernetik war also die "Theorie für alles". Die beiden Bände versammeln die Protokolle der insgesamt zehn Sitzungen, seinerzeit herausgegeben von Heinz von Foerster, damit er Englisch lerne, jetzt neu ediert von Claus Pias. Vieles vom spirit jener Konferenzen wird auf diesen Blättern eingefangen, so der Rezensent begeistert, die Verwirrungen (Digital? Analog? Was ist noch mal was?), das langsame Herantasten an eine neue Denkweise - kurz, ein Blick "in die Kinderstube der Informationsgesellschaft". Dazu Bildmaterial und bibliografische Angaben. Der zweite Band liefert ergänzende Essays und Dokumente "aus dem organisatorischen Umkreis" der Konferenzen.
Kurzbeschreibung
Zwischen 1946 und 1951 wurden unter dem Titel Cybernetics. Circular Casual, and Feedback Mechanisms in Biological and Social Systems insgesamt zehn Konferenzen unter der Schirmherrschaft der Josiah Macy, Jr. Foundation veranstaltet. Diese sogenannten Macy Conferences markieren das vielleicht folgenreichste wissenshistorische Ereignis der Nachkriegsgeschichte. Auf den neuen begrifflichen Grundlagen von Informa-tion, Feedback und analog/digital suchten sie eine universale Theorie der Regulation, Steuerung und Kontrolle zu entwickeln, die für Lebewesen wie für Maschinen, für ökonomische wie für psychische Prozesse, für soziologische wie für ästhetische Phänomene zu gelten beanspruchte. Diese Konzepte sollten in den folgenden Jahrzehnten in Biologie, Neurologie, Soziologie, Sprach- und Computerwissenschaften, aber auch in Psychoanalyse,
kologie, Politik und
konomie ausschwärmen und eine epochale Schwellensituation von der Thermodynamik zur Kybernetik (Wiener), von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft (Deleuze), von der Industrie- zur Informationsgesellschaft (Lyotard) markieren. Die Macy-Konferenzen sind von herausragendem wissenschaftshistorischen Interesse, weil es sich bei ihnen nicht um abgeschlossene Texte handelt, sondern um interdisziplinäre Unterhandlungen, in denen noch an- und ausgeschlossen, aufgehoben und verworfen wird.
Über den Autor
Claus Pias, geb. 1967, ist Professor für elektronische Medien an der Universität Essen.