Von den wenigen Büchern, die sich literarisch mit „Selbstverletzung bei Jugendlichen" befassen, nimmt dieses Buch eine Sonderstellung ein.
Es greift sowohl inhaltlich als auch stilistisch die Thematik des Verletzens und Verschwimmens von Grenzen auf. Allein vom äußeren Rahmen her wird deutlich gemacht, wie schwer es den betroffenen Menschen fällt, sich in ausreichendem Maße abzugrenzen. Auf der anderen Seite wird aber auch klargestellt, wie rasch andere Menschen Grenzen verletzen und ihre jeweiligen Rollen nicht auszufüllen vermögen. Die Autorin verdeutlicht dies durch eine Textverteilung, die ohne größere Abschnitte auskommt.
Inhaltlich geht es um eine 13jährige Jugendliche, die zusammen mit anderen Mädchen in einer Klinik in den Vereinigten Staaten betreut wird. Diese Hauptakteurin namens Callie hat sich selber zahlreiche Hautverletzungen zugeführt und lebt nun mit essgestörten und anderen therapiebedürftigen Jugendlichen für eine bestimmte Zeit auf einer Station. Sie findet aus einer anfänglichen Sprachlosigkeit heraus und kann sich wieder mehr und mehr dem Geschehen um sie herum öffnen, denn sie bekommt durch zahlreiche Anregungen ein immer realistischeres Bild von dem früheren und gegenwärtigen Geschen in ihrer Familie und möglicher Schuld ihrerseits an den familiären Entwicklungen.
Das Alltagsleben in einer solchen Gruppe wird dabei mit vielen Varianten geschildert.
Man wird mittels zahlreicher Momentaufnahmen sowohl in Gruppentherapiestunden und Einzelsitzungen als auch in das Gruppenleben hineingeführt und erhält ein lebendiges, facettenreiches und realistisches Bild des Geschehens. Die eingebauten Dialoge wirken sehr lebensnah und jugendgemäß. Die Gedankengänge der Mädchen werden in all ihrer Zwiespältigkeit ebenfalls treffend beschrieben.
An einzelnen Stellen malt Patricia McCormick mit markanten Sätzen wie „Als ob man plötzlich spürt, das man lebt" oder „Du musst es wieder tun" ein treffendes Bild der Problematik des Selbstverletzens.
Das Buch endet nicht mit einem abrupten Schnitt der Handlungsfolge, sondern man wird ohne happy end in die Wirklichkeit zurückgeholt, nachdem man sich sehr schnell in die Geschehnisse der Klinik auf dem sogenannten „Idiotenhügel" eingelesen hat.
Über den Fortgang des Lebens der Jugendlichen wird sich jede/r ein eigens Bild machen.
Erwachsene Lesende werden auf jeden Fall die selbstverletzenden Handlungen Jugendlicher eher nachvollziehen, wenn auch nicht immer gänzlich verstehen können.
Aber auch die Adressatengruppe der Jugendlichen wird nicht voyeuristisch zu autoaggressiven Handlungen animiert, sondern eher aufgerufen, bei problematischen Lebensphasen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Und so kann dem „Cut" der Hautverletzungen, dem oftmals vorher traumatische bzw. problematische Vergangenheitserfahrungen vorangingen, ein „Cut" bisheriger Bewältigungsformen von Aggression, Wut, Hass und Ohnmacht folgen.
Möge den jugendlichen und erwachsenen Lesenden die Wertigkeit von Grenzen im Zusammenleben neu bewusst werden. Das Buch kann zumindest einen Anfang dazu leisten.