Gewidmet hat Curt Goetz seine Satire auf einen Bestseller seiner Frau, Valérie von Martens, "die behauptet, [er] könne keinen erotischen Roman schreiben". Und ob er konnte! Er legte sogar noch einen Scheit drauf und verwob seinen erotischen Roman unentwirrbar in einen Krimi der handfesten Art, mit einem undurchschaubaren Detektiv und zahlreichen Hinweisen, die den Leser selbstverständlich restlos in die Irre führen -- und dessen ständigen Begleiter und Ich-Erzähler namens Curt Goetz ebenfalls.
Es fängt so an, wie ein anständiger Krimi anzufangen pflegt: Der Erzähler denkt nichts Böses und findet eine Leiche. Genauer gesagt: Der Ich-Erzähler namens Curt Goetz, wie sein berühmter Namensvetter während des Zweiten Weltkrieges als Exilant in den USA, streift mit seinem Hund Winnetou durch die Wildnis an der Pazifikküste. Schließlich war er "damals bei der Zivilgarde und hatte aufzupassen, daß die Japaner die Wälder um Los Angeles nicht in Brand steckten. Die Japaner, offenbar über diese Maßnahme unterrichtet, haben es daraufhin gar nicht erst versucht". Anstelle einer japanischen Pioniertruppe findet der energische Hund eine Leiche -- aber keine Kinderleiche, wie es zunächst aussieht, sondern eine unbekleidete junge Dame. Bald stellt sich noch mehr heraus: Wenige Tage zuvor hat Herr Goetz die Dame nicht nur kennengelernt, sondern sich auch noch unsterblich in sie verliebt. Wie er außerdem herausbringt, war er nicht der einzige, der unsterblich in sie verliebt war, und peinlicherweise spricht das ein oder andere Indiz gegen ihn... Und dann gibt's noch den undurchsichtigen skurrilen Detektiv Ben Blunt, und vor allem gibt's die Memoiren der Toten -- Lu Sostlova hieß sie, verheiratet war sie mit einem deutlich älteren tschechischen Altertumsforscher im Exil. Aufgewachsen ist sie im Berlin der 20er Jahre, und dessen Atmosphäre schimmert in ihren Memoiren öfters mal durch, ebenso gibt's deutliche Hinweise auf die Gewitterwolken des Zweiten Weltkrieges (zumindest 1951, als der Roman erstmals erschien, erkannte sie jeder).
Die pikanten Memoiren der zeitweilig nymphomanen Verblichenen gibt der Detektiv dem Curt Goetz erst nach einiger Zeit -- und das wiederum macht den Romanleser stutzig. Der Memoiren-Text ist in die aktuelle Krimihandlung eingestreut, wann immer der Erzähler sie zu lesen bekommt. Das Geflecht zwischen der Dame Memoiren und Goetz' Gegenwart wird immer verworrener, Zusammenhänge scheinen auf- und schnell wieder abzutauchen, den Verflossenen der femme fatale begegnet man unvermittelt wieder... Klar doch, irgendwo in diesen erotischen Memoiren muss der Schlüssel für die Mordaufklärung versteckt sein. Aber wo, verflixt nochmal...
Wie es sich gehört für einen anständigen Krimi, stolpern die weniger scharfsinnigen Ermittler samt Curt Goetz von einem Holzweg zum nächsten, während Ben Blunt alles dirigiert und genau denkt -- aber wie dirigiert er? Und wohin? Und über welche Details grübelt er genau?
Auch der gewiefteste Krimileser dürfte an dieser Krimihandlung scheitern, aber das macht nichts. Die Lektüre ist nämlich das reine Vergnügen: Der Autor Curt Goetz schreibt so, wie er als Regisseur Filme drehte und als Schauspieler spielte: Elegant, leichtfüßig, mit leisem Humor und stilistisch nie abgehoben, aber bis ins letzte Detail ausgefeilt -- genau beobachtete Genrebilder in den haargenau zuständigen Worten inbegriffen: Formulierungen wie "als wir in der Theke saßen, umgeben von Salaten, Füllfederhaltern, Bibeln und hygienischen Gummiartikeln" gelingen nur den Besten.
Erotisch -- ja klar sind die eingebetteten Memoiren erotisch, und doch nerven sie weder mit dem gegenwärtigen Aufklärungsunterricht für Erwachsene, noch durch die mitunter unfreiwillig komische Sittenstrenge der 50er Jahre. Ohne den Krimi außenrum wäre der erotische Roman innendrin soooo interessant nun auch wieder nicht.
Und der Bestseller, auf den Curt Goetz womöglich satirisch anspielt? Keine Ahnung, welchen er genau im Visier hat. Ich wette jedoch, dass seine Satire zehnmal besser ist als alles, was er damit auf die Schippe genommen hat.