Das ist eine epochale CD - die beste bei ECM New Series überhaupt - die den Weg ins 21. Jahrhundert weist. Bei Erkki-Sven Tüür (geb. 1959) wagt man sich in einen vielschichtigen Klangkosmos, wo man immer wieder neue Sachen entdecken kann. Im Gegensatz zu Pärt, der ebenfalls aus Estland stammt, dessen archaisch-minimalistischer Schönklang eher etwas langweilig ist, bleibt die Musik von Tüür auch nach wiederholtem Hören hochspannend.
Tüür mischt verschiedene Kompositionstechniken, die eigentlich gar nicht zusammen gehören, und kreiert so seine eigene Metasprache, worin sich die gesamte Musik des 20. Jahrhunderts spiegelt. "Architectonics VI" (1992) und "Crystallisatio" (1995) sind zwei Paradebeispiele dieses Stils. "Passion" und "Illusion" (beide 1993) sind dagegen zwei relativ konventionelle Streichorchester-Stücke. Die tiefen Streicher von "Passion" erinnern ein wenig an die 3. Sinfonie von Górecki.
Das "Requiem" (1994) ist keine Ansammlung von verschiedenen Nummern, sondern ein 30-minütiger, sich entwickelnder Klang-Block, der sich jedoch - dem Text entsprechend - in verschiedene Abschnitte aufgliedert, deren Übergänge aber zumeist fliessend sind. Der Text im Booklet hilft sehr bei der Orientierung im Stück. Das "Requiem" beginnt ruhig (requiem aeternam). Zwischen dem "tuba mirum" und dem "rex tremendae", beide durch klare Klavierschläge begrenzt, wird die Musik ziemlich bedrohlich, laut und schrill. Dann wird es wieder ruhiger, wobei die Stille immer wieder durch lautere Passagen unterbrochen wird. Gegen Ende wird die Musik immer leichter und strebt gegen den Himmel (hosanna in excelsis), um in der Ruhe der Ewigkeit (requiem aeternam) zu enden. Tüürs "Requiem" tönt nicht wie bei Pärt nach Kloster, da der Klanghintergrund eine entrückende, extraterrestrische Wirkung hat.
2002 verwendete Heinz Spoerli für das Engel-Ballett "... der Sonne leuchten ist ihr Kleid" an der Oper Zürich unter anderem Tüürs Musik. Mit "Crystallisatio" beginnt und mit "Passion" schliesst der erste Teil des Balletts. Die Engel darf man sich jedoch nicht mit weissen Kostümchen vorstellen, sondern schwarz wie im Film "City of Angels".