Als ich im November vorletzten Jahres mehrere Übernachtflüge innerhalb eines Monats zu bewältigen hatte, und man nicht nur im Flugzeug sondern auch an Flughäfen und auf dem Weg dorthin viel Zeit verbringt, schnappte ich mir ein dickes Buch aus dem Bücherschrank eines Freundes von mir, der bei der NASA arbeitet und dieses zu seinen Lieblingsbüchern zählt.
"Cryptonomicon" besteht aus zwei Handlungssträngen, einem zur Zeit des zweiten Weltkrieges, und einem in der Gegenwart (bzw. 1999), die auf unheimliche Weise miteinander verknüpft sind. Beide Handlungsstränge laufen zeitlich versetzt, aber dennoch parallel ab.
Zu den vielen Entwicklungen der Kriegszeit gehören nicht nur die Raketen- und die Nukleartechnik, sondern auch die ersten rudimentären Computer. Und es sollte der erste Krieg der Menscheitsgeschichte werden, der mit Hilfe von Rechenmaschinen gewonnen wird. Bereits ab 1940/41 wurde ein Grossteil mit der zur damaligen Zeit bahnbrechenden Enigma-Maschine verschlüsselten Funksprüche der deutschen Wehrmacht abgefangen und dechiffriert. Nur wie verhält man sich dass es nicht auffällt? Wie zufällig können Zufälle sein? Oder ist es Absicht dass die Alliierten bestimmte Informationen erhalten, damit die Wehrmacht die Reaktion erkennen kann?
Hier setzt der Handlungsstrang der Zeit des zweiten Weltkrieges ein, um reale Personen wie Alan Turing herum, einem der Erfinder des Computers. Es entstand eine komplett neue Wissenschaft, und die handvoll Menschen die hier an vorderster Front waren gehörten zu den wichtigsten Menschen des gesamten Weltkrieges; sie konnten über Sieg oder Niederlage entscheiden. Diese handvoll Menschen, die sich natürlich - wie üblich in einer neuen und überschaubaren Szene - auf allen Seiten, egal ob aus den USA, Deutschland oder Japan, kennen, beginnen eine Kommunikation untereinander. Und die Welt sollte ihr Spielball werden, egal ob bei konspirativen Treffen in Schweden oder in den Weiten des Pazifikraumes, wo über 5 Jahre ein gigantischer Insel- und Flugzeugträger gestützter Krieg stattfand. Diese Leute hatten Zugang zu allem. Und nachdem feststand dass der Krieg in Europa für die Nazis verloren ist, und die Japaner ähnliches befürchten, beginnt der Wettlauf um die beste Startposition für die Zeit nach dem Krieg. Gemeinsam teilen sie das Wissen um das gigantische Versteck der japanischen Goldreserven auf den Philippinen.
40 Jahre später. Das Internet sollte die Welt revolutionieren. Wer an vorderster Front dabei ist, hat gewonnen, wer keinen Zugang zu Informationen hat, hat verloren. In einer neuen, noch recht kleinen Szene ist die Geheimhaltung von Daten, der Zugang zu ihnen und die Kontrolle hierüber von fundamentaler Bedeutung.
Und wieder beginnt ein "Krieg". Basierend auf das Ereignis von 1996, wo ein über ein 28.000 Kilometer langes, 1,5 Milliarden Dollar teures, in England beginnendes, durch den Suez-Kanal führendes und in Japan endendes Untersee-Glasfaser-Kabel, verlegt wird, stellt sich die Frage: Wer kontrolliert was dort hindurch geht? Welchen Zugriff hat ein Staat auf Rechenzentren? Was kann, was darf er auslesen?
Auch hier haben wir wieder eine Gruppe von Informatikern an vorderster Front, dessen Wissen sich ein Sultan zu Nutzen machen will um eine Art Daten-Himmel zu bauen. Ein Stück Land bei den Philippinen, das für Informationen das werden soll was die Schweiz für Geld ist, und an dieses Kabel angeschlossen wird. Als wenn das nicht reicht, stösst man bei den Arbeiten auf alte verschlüsselte Wehrmachtsfunksprüche, die Auskunft geben über den Ort der japanischen Goldreserven. Es beginnt ein tödlicher Wettlauf mit der Zeit. Wer zuerst alle Informationen entschlüsselt, wer am nahsten an der Vergangenheit dran ist, hat die Zukunft.
Das Buch hat mich als Reiselektüre über eineinhalb Jahre auf vielen Fahrten begleitet, und genau zu dem Zeitpunkt wo ich durch bin stosse ich auf diese Nachricht in der Süddeutschen Zeitung: Drei alte, bisher nicht entschlüsselte Wehrmachtsfunksprüche aus dem Jahr 1942 sind 1995 von der Zeitschrift "Cryptologia" veröffentlicht worden, damit die weltweite Internetgemeinde an diesen arbeiten kann. Jetzt, im Februar 2006, ist der Funkspruch "NCZW VUSX PNYM" entschlüsselt worden. Allerdings steht nicht drin wo das Gold ist.
Kapitänleutnant Hartwig Looks vom U Boot U264 meldet: "Bei Angriff unter Wasser gedrueckt, Wasserbomben. Letzter Gegnerstandort 08:30 Uhr, Marqu AJ 9863, 220 Grad, 8 Seemeilen, stosse nach. NNO4, Sicht 10".
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