Obwohl ich CRY WOLF auf einen Rutsch durchlas und gut dabei unterhalten wurde, muss ich sagen, dass ich mehr erwartet hatte.
CRY WOLF ist Teil einer Ablegerreihe von Patricia Briggs Mercy Thompson Novles. Erzählt wird in der 3. Person aus der Perspektive von Charles (Brans Sohn und Scharfrichter) und Anna. Anna konnte man zum ersten Mal in der Novelle "Alpha & Omega" in der Anthologie
On the Prowl begegnen. Deswegen liest sich CRY WOLF wie der zweite Teil eines Zyklus. Die Autorin erklärt genug, damit sich Neueinsteiger auskennen, was aber etwas dauern kann, da sie eine Nacherzählung strikt vermeidet (in meinem Buch ist das ein Pluspunkt).
Als Charles im Auftrag des Marrok nach Chicagofuhr rechnete er mit vielem, aber nicht, dass er mit einem traumatisierten Omega Wolf als Gefährten nach Hause zurückkehren würde. Anna weiß nicht was es bedeutet ein Omega Wolf zu sein oder in einem gesunden Rudel zu leben. Für sie bedeuten dominante Wölfe Schmerzen und Erniedrigungen. Ihr Wolf hat Charles als Gefährten akzeptiert, die misshandelte Frau, hindessen, kämpft mit ihren Instinkten.
Charles nimmt Anna mit nach Montana, zum Rudel seines Vaters, in der Hoffnung, dass seine Gefährtin dort Ruhe und Heilung findet. Doch es wird ihnen keine Pause gewährt. Ein abtrünniger Werwolf tötet Menschen im benachbarten Naturschutzgebiet und zieht ungewollte Aufmerksamkeit auf den Marrok. Charles, noch immer verletzt von seinem Auftrag in Chicago, wird als Scharfrichter gebraucht und Anna besteht darauf ihren Gefährten zu begleiten ...
Nun denn. Charles und Anna sind Gefährten (mates), aber Anna, traumatisiert durch ihre Erfahrungen in Leos Rudel, hat damit Schwierigkeiten. Durch diese Ausgangssituation verstärkt sich automatisch der Romantikfaktor der Geschichte, der vor allem den ersten Teil des Buches dominiert. Leider fehlten mir dabei etwas die Funken. Ich fand die Chemie zwischen Anna und Charles ganz nett, aber mehr nicht. Überhaupt erweist sich Anna als problematischer Hauptcharakter, dem es im Vergleich zu Mercy an Charisma fehlt. Sie ist ein Omega, ein Werwolf, der Teil des Rudels ist, aber ausserhalb der Rangordnung steht (keinem dominanteren Wolf gehorchen muss). Dominante Wölfe fühlen sich von ihr angezogen (nicht notwendigerweise sexueller Natur) und sind in ihrer Nähe ausgeglichener. Das macht Anna trotz ihrer Probleme zu einer Mischung aus Gutmensch und Glücksdroge. In Kombination mit Charles Stärke und Dominanz gibt es (fast) nichts, das die beiden aufhalten kann. Zu starke, zu perfekte Charaktere, denen alles etwas zu leicht fällt, sind keine guten Protagonisten. Sie wirken bald blass und Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellen, fühlen sich leicht gekünstelt an. So ist es auch in CRY WOLF. Als es zur Aufdeckung kommt, ist es keine Überraschung, wer die Menschen im Wildpark umbringt. Bei der Auseinandersetzung bemüht sich Briggs Spannung aufzubauen, was ihr auch gelingt. Doch der Gegner wirkt wie ein übermächtiges Kind mit einem Trotzanfall.
Der interessanteste Aspekt des Buches sind die Hintergrundinformationen, die man über diese Welt erfährt, und die Nebencharaktere. Anna und Charles mögen blasser sein als von mir erhofft, aber bei den Nebencharakteren läuft Briggs zur Hochform auf. Vor allem Bran konnte mich positiv überraschen. Man erfährt so einiges über seine Vergangenheit, seine geheimnisvollen Fähigkeiten und warum er mit Leah, seiner gehässigen Frau, zusammen ist.
CRY WOLF hat mich gut unterhalten. Soll diese Ablegerreihe in Zukunft auf eigenen Füßen stehen, und nicht im Schatten der Mercy Thompson Bücher verweilen, muss sich Briggs jedoch noch um einiges steigern.