Man darf ja auch mal schlecht drauf sein. Auch im Sommer. Bin ich gerade leider öfter mal, ja ja, die Frauen. So wie unlängst, im Auto, morgens. Radio hat wieder genervt (nein, ich will weder Abba noch Dieter Thomas Kuhn hören und nein, ich will auch nichts gewinnen), mechanisch schalte ich auf CD um. Schwupps - die Lethargie wie weggeblasen: Gentleman lacht, "Crossroads" blubbert fett, satt, sauber und einfach unwiderstehlich aus den Boxen. Der Tag ist gerettet. "I wanna be there", genau Jungs, da will ich mit. Jahcoustix hat für den Opener und Titeltrack seines neuen Albums seinen alten Freund Gentleman zum Feature gebeten - und dieser Song groovt einfach. Auch nach dem zwanzigsten Mal zaubert er mir ein Lächeln ins Gesicht. Diese Bläser-Hookline, diese Orgel - und die zwei Jungs, die so einen Spaß am Singen haben.
Doch das Album "Crossroads" hat noch viel mehr zu bieten, 14 Songs plus einen hidden Track. Da ist für jeden etwas dabei. Reggae, klar, jede Menge. Rootsig, dubbig, ein Schuss Dancehall, knackige Ragga-Breaks, abgerundet mit jeder Menge creamigem Soul und der richtigen Prise fein dosiertem Blues. Dann auch wunderschöne Balladen wie etwa "True To Yourself" und auch einfach Pop wie "Loosing Gravity" - für mich mit Abstand das schwächste Stück, irgendwie auch deplatziert zwischen den Hochkarätern drumherum. Aber dann kommt ja Sebastian Sturm. Und "Live Today" ist mit dessen umwerfend guten Stimme und der fröhlichen Querflöte ein weiteres Highlight des Albums.
Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: "Crossroads" ist kein Gute-Laune-Reggae-Strand-Sommer-Album - auch, wenn die meisten Songs jede Menge Spaß machen. Etliche Tracks und viele Texte regen zum Nachdenken an, in der Ballade "Contemporary Fool" geht zum Beispiel um die frühere Heimat von Jahcoustix, Kenia. Nicht um Klischees, sondern um die traurige und gewalttätige Realität. Auch "What Is Religion For" sollte man einigen Leuten mal zwangsverordnen - reden und handeln sind eben zwei paar Schuhe. Ungewöhnliches Thema für einen Song, aber allemal wert, einmal darüber zu singen. Respekt.
Noch ein Wort zur Produktion: Nach dem Ende der von mir hochgeschätzten Band Dubios Neighbourhood arbeitet Jahcoustix ja nun mit der Backing Band Yard Vibes Crew. Man muss die dubiosen zwar lieben - es war einfach eine erstklassig eingespielte Crew-, aber diese Jungs haben es auch drauf, auf jeden Fall. Und wenn das Ganze dann noch so fett und perfekt produziert ist (da ist der Unterschied zu den früheren Jahcoustix-Alben teilweise eklatant deutlich zu hören), macht es doppelt so viel Spaß. Alles andere als ein 08/15-Reggae-Album - hier hat jemand etwas zu sagen und versteht sein Handwerk, die jahrelange Erfahrung und das weltweite Touren haben hörbare Spuren hinterlassen.
Ich kann nur deshalb schon jetzt über "Crossroads" schreiben, weil ich in den Genuss eines Rezensions-Exemplars der Scheibe gekommen bin. Ich bin Musikredakteur und 90 Prozent der CDs landen bei mir auf dem ungehörten Stapel, ins heilige heimische CD-Regal schafft es nur der kleinste Teil. Dieses Album hat einen Stammplatz sicher.
Ach so, mir persönlich gefällt natürlich am besten Track Nummer elf, "Who's Heart" (are you gonna break tonight...). Aber das ist ja mein Problem. Siehe oben.