„CROSSROADS“, dessen Name sich von einem Song aus der Feder des 1938 jung verstorbenen Blues-Veteranen Robert Johnson ableitet, ist ein im Verborgenen blühendes cineastisches Kleinod aus den Achtzigern. Unvergänglichen Ruhm bei Rockmusik-Freaks sichert dem Film das Finale mit dem spektakulären Gitarren-Duell zwischen Steve Vai alias Jack Butler und Ralph Macchio alias Eugene „Lightning Boy“ Martone. Bei diesem Wettstreit geht es in der Filmfiktion um nicht weniger als um die Seelen der beteiligten Protagonisten – mit Eugene (und seinem Mentor Willie „Blind Dog Fulton“ Brown, dem Mundharmonikerspieler und früheren Freund von Robert Johnson) auf der „Seite des Lichts“ und dem „Gitarristen des Teufels“ Jack Butler als Repräsentant der Dämonenwelt. Zumindest was die Theatralik des Auftretens betrifft, ist Butler seinem unerfahrenen Kontrahenten haushoch überlegen. „Satan“ beobachtet in der Gestalt des Respekt einflößenden Scratch oder Legba (= der „Hüter der Wegkreuzungen“ im Voodoo-Kult) die Auseinandersetzung und freut sich zunächst königlich über Butlers grandiose Schluss-Kadenz. Bis sich Eugene Martone dann auf SEINE Wurzeln besinnt …
Bei dem „Sieger-Stück“, auch als „Eugene’s Trick Bag“ in die Gitarrenhistorie eingegangen, handelt es sich um Niccolò Paganinis famoses „Capriccio Nr. 5“. Die 24 Capricci für Solo-Violine des großen italienischen Virtuosen gelten als musikalische Prüfungen der besonderen Schwierigkeitsstufe – Paganini hatte sie für „artisti“ zu Studienzwecken geschrieben. Im ersten Teil des Films übt Eugene Martone als Student klassischer Gitarre an der renommierten Juilliard School in Manhattan diesen raffinierten melodischen Hürdenlauf auf einem akustischen Instrument. Ein anderes Mal sieht man ihn den „Türkischen Marsch“ aus Mozarts Sinfonie Nr. 11 in A-Dur, KV 331 mit einem locker improvisierten Blues-Lick beenden – sehr zum Missfallen seines Lehrers. „Karate Kid“ Ralph Macchio erhielt für das Mimen seiner Gitarrenparts Unterricht von Arlen Roth, der sich an die Arbeit mit dem jungen Italo-Amerikaner mit Begeisterung erinnert. Roth ist zusammen mit Ry Cooder, William Kanengiser, Sonny Terry, Steve Vai und einigen anderen für den beeindruckenden SOUNDTRACK verantwortlich. Allein die Musik wäre schon das Geld für die DVD wert.
Ich halte diesen Film aber auch als Gesamtwerk für wirklich großes Kino, obwohl er zunächst als schwungvolle Achterbahn-Fahrt durch verschiedene Genres (Mystery, Comedy, Road Movie …) so manchen unvorbereiteten Zuschauer verschrecken wird. Durchgehend stringente Logik darf man nicht erwarten, sie ist auch nicht beabsichtigt. Gleiches gilt für die Songs der alten Blues-Titanen – ein halbes Jahrhundert vorher finden wir bei Robert Johnson etwa die Textzeile „land of California, my sweet home Chicago“. Forsch und unbekümmert und mit liebevoller, für Nicht-Insider oft kaum wahrnehmbarer Ironie wird in Walter Hills Meisterwerk mit Motiven der alten Blues-Mythen GESPIELT – ohne Angst vor einer augenzwinkernd geduldeten Anhäufung von leicht angestaubten Klischees und mehr oder weniger dezent versteckten Bezügen. (Wer hier weiterstöbern will, soll die Songtexte von Robert Johnson unter die Lupe nehmen – er wird ein prall-gefülltes Arsenal von Anspielungen entdecken.)
Die fiktive Handlung führt den Klassik-Studenten und Blues-Debütanten Eugene Martone (gespielt von Ralph Macchio) mit einem Veteranen des Delta Blues, dem früheren Weggefährten von Robert Johnson, Willie Brown (gespielt von Joe Seneca), zusammen. Willie muss zunächst in einer abenteuerlichen Aktion aus einem Altenheim für New Yorker Strafgefangene, in dem er als Folge von tödlichen Schüssen auf ein Bandmitglied verwahrt wird, befreit werden. Eugene und Willie machen sich dann auf den Weg nach Mississippi. Eugene, von Willie wegen seines markanten Gitarrenspiels „Lightning Boy“ genannt, will dort den angeblich verschollenen 30. Song in der Diskographie von Robert Johnson finden; Willie dagegen möchte seinen Pakt mit dem Teufel, den er damals wie sein Freund Robert Johnson an einer CROSSROAD geschlossen hat, annullieren.
Angesichts dieser bizarren, aber überschaubaren Thematik lebt der Film vor allem von der Spannung zwischen den unterschiedlichen Charakteren der beiden Hauptakteure. Der Gegensatz zwischen dem erfahrenen, mit allen Wassern gewaschenen Meister und dem jungen, wissbegierigen Adepten, die sich wechselseitig lieben und hassen, ist das dramaturgische Fundament von CROSSROADS.
Joe Seneca brilliert in der Rolle des gealterten Blues-Harp-Players Willie Brown, dem er in jeder Szene des Films authentische Wesenszüge einhaucht. Nach außen hin souverän-kompetent agierend, treibt diesen Haudegen doch die Furcht, und er hat nur den einen Wunsch, den „Hellhound on My Trail“ (Titel eines Blues von Robert Johnson) abzuschütteln. Wenn der Senior bei einer spontanen Session mit schwarzen Musikern den „Willie Brown Blues“ intoniert, wird Joe Senecas Vergangenheit als Rhythm&Blues-Vokalist in den 50er Jahren spürbar. Oft reibt er sich an seinem „Wieder-Entdecker“, dem jungen Heißsporn Eugene, den er auslacht, schmäht, zurechtweist und ohrfeigt und andere Male aber wieder väterlich-sorgend protegiert, ermutigt und aus brenzligen Situationen rettet. Auf seinen Rat (herrliche Phrase: „Muddy Waters invented electricity“) und durch seine Vermittlung erwirbt Lightning Boy eine E-Gitarre der Marke „Fender Telecaster“ mit portablem „Pignose“-Verstärker. Dass das Instrument dann auch bei starkem Regen provozierend offen herumgetragen wird, stellt eine humorvoll-ironische Reverenz an die von Rockmusikern der 60er und 70er gerühmte Robustheit der Fender Telecaster dar. Derart chiffrierte Botschaften bilden den Pfeffer, von dem der Film seine Würze bezieht.
Ralph Macchio, der wesentlich jünger aussieht als er zur Drehzeit tatsächlich war, lotet den nicht ganz einfach zu spielenden Part des musikbegeisterten und talentierten, aber gleichzeitig naiven und unerfahrenen Jugendlichen, den die Konfrontation mit seinem Idol vor manifeste Probleme stellt, einfühlend und gekonnt aus. Die Leidenschaft für den Blues nimmt man dem Burschen bei aller mangelnder „mileage“ (Willies Worte) voll ab. Wenn Eugene genug gelitten hat, kann er den bärbeißigen alten Mann, der ihm so viel Ungewohntes und Neues zumutet, schon einmal in pubertären Wutausbrüchen abkanzeln. Realitätsfern-übersteigertes Selbstbewusstsein mischt sich bei ihm alterstypisch mit Unsicherheit und Angst. Daran, dass er das Gitarren-Duell gewinnen wird, lässt ihn die professionelle Attitüde von Jack Butler deutlich zweifeln. (Auch eine Legende wie Robert Johnson bestach im Übrigen keineswegs durch souveränes Auftreten: Beim Musizieren vor einigen Mexikanern in dem Hotel in San Antonio, in dem seine ersten Platten aufgenommen wurden, drehte er den Anwesenden scheu den Rücken zu.) Wirkt Eugene in manchen Szenen tatsächlich wie ein dreizehnjähriger „Chicken Boy“, so präsentiert uns eine clevere Kameraführung im Finale einen ernstzunehmenden konzentrierten Improvisationskünstler. Was Macchios Pantomimen an der Gitarre betrifft, so muss man bei „Eugene’s Trick Bag“ schon genau hinsehen, um verräterische Griffe zu entdecken. Und wenn es darum geht, dass ein musikalisches Wunderkind Paganinis geniale Konzepte für Violine für ein 1986er Publikum auf einer Fender Telecaster leinwandgerecht umsetzen soll, erscheint der fast zwei Jahrhunderte jüngere „Landsmann“ des Italieners, der in „Karate Kid“ und „Outsiders“ zum Star einer Generation von Teenies aufstieg, dafür geradezu prädestiniert!
Nach dem gewonnenen Duell erlebt der Zuschauer die köstliche Szene, in der Willie Brown dem besiegten Satan zum Abschied triumphierend nachwinkt und Lightning Boy seiner E-Gitarre unter unverhohlen-frechem Grinsen lautmalerisch ein höhnisches Meckern entlockt: Klasse, Steve! Zuletzt freilich hören wir noch einmal Van Dyke Parks am Piano mit dem „luziferischen Motiv“ SEE YOU IN HELL, BLIND BOY – Eugene schließt den Pakt mit SEINEM Teufel, was der Story eine sinister-originelle Schluss-Pointe verleiht.
Dichte Atmosphäre entsteht, wenn die Bilder in der sommerlichen Hitze der eintönigen Landschaft von Mississippi schwelgen. Telegraphenmasten, die staubige Straßen säumen, die einlullende Stimmung trügerischer Ruhe an einem schwülen Nachmittag – das alles wird vor der akustischen Kulisse der großartigen Musik bewegend schön in Szene gesetzt.
Die Vorzüge des Films lassen über vorhandene Schwächen gnädig hinweg sehen. Eugenes Affäre mit Frances bleibt blass, obwohl die Schauspielerin Jami Gertz in der Szene mit dem Motel-Besitzer auch gute Momente hat. Die deutsche Synchronisation des Films wirkt gekünstelt, der Untertitel „Pakt mit dem Teufel“ (der wohl Interessenten aus der Horror-Gemeinde anlocken soll, die mit dem Film aber garantiert nichts anfangen werden können) ist überflüssig wie ein Kropf, und das Titelfoto auf der aktuellen DVD erweckt den Eindruck einer flachen Soap-Komödie. Aber die Integration unterschiedlicher Genres beherrscht CROSSROADS ja ohnehin recht gut! ;-)
Ich vergebe für CROSSROADS fünf von fünf möglichen Sternen, weil dieses bezaubernde Stück Kino mit seiner Vielfalt von „hidden messages“ einfach ungeheueren Spaß macht.
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