Zum Gebet erhobene Hände auf einem pechschwarzen Tambourin, eine von herbstlichem Licht durchflutete Scheune, eine der typischen überdachten Brücken - die in warmen Brauntönen gehaltenen Fotos des Booklets stehen ganz im Einklang mit der Stimmung der Musik. John Hiatts Veröffentlichung CROSSING MUDDY WATERS ist rundherum Ausdruck der Region, in der sie entstanden ist und die der Sänger aus Indianapolis seit mittlerweile 25 Jahren seine Heimat nennt: des amerikanischen Südens. Aufgenommen in nur 4 Tagen mit fast ausschließlich akustischer Instrumentierung besticht das Werk vor allem durch Intimität und grenzenlose Spielfreude. Dieses wird vom ersten Takt an deutlich: Das Zusammenspiel von akustischen Gitarren und Mandolinen besitzt jederzeit die Qualität einer spontanen Jam-Session. Auf ein Schlagzeug wurde verzichtet, stattdessen wieder mit dem Fuß gestampft, daß John Lee Hooker seine Freude daran gehabt hätte. (Wahlweise wurde auch auf das Knallgeräusch zurückgegriffen, welches entsteht, wenn man einen metallenen Klappstuhl zusammenklappt!) Hiatt und seinen bereits von den letzten Alben bekannten Mitstreitern Davey Faragher und David Immerglück gelingt es immer wieder, den durchweg hochwertigen Songs die unterschiedlichsten Färbungen zu verleihen; die Atmosphäre wechselt beständig zwischen der energiegeladenen Hitze eines 'juke joints' und einem entspannten Abend auf der Veranda. Folk-, Rock-, Country- und Delta Blues-Anklänge verschmelzen auf dieser Platte miteinander und geben den Blick frei auf eine Welt, die von außen seltsam antiquiert, fast altmodisch wirkt, auf eine Zeit, in der Musik noch mit der Hand gemacht wurde und Herz und Seele besaß: klingende Mandolinenläufe, ab und zu eine wehmütige Slidegitarre - "in a rush of wind and a river song" - es fehlt eigentlich nur das knisternde Herdfeuer im Hintergrund und die familiäre Idylle wäre perfekt... John Hiatt wäre jedoch nicht er selbst, wenn er dieser nostalgisch-verträumten Perspektive nicht unmittelbar seine realistischen und ganz in der Gegenwart verwurzelten Texte entgegensetzen würde. Oft von beißender Ironie und ätzendem Sarkasmus durchzogen entblößt seine respektlose und ehrliche Analyse schonungslos das Tragisch-Komische alltäglicher Situationen selbst dort, wo den Charakteren augenscheinlich nichts als der vielzitierte Scherbenhaufen bleibt. Dadurch erweitert sich das Gesamtbild der Platte: Im Zusammenwirken von Text und Musik werden Hiatts Charaktere vor einem traditionell anmutenden Hintergrund lebendig, bekommen seine Geschichten aus der Gegenwart eine zeitlose Tönung. Aber keine Sorge, trotz der musikalischen 'Neuerungen' (?) zeigt sich bereits im energisch groovenden Opener "Lincoln Town" das Gesicht des 'alten' John Hiatt: eingerahmt von arbeitenden Maschinen, Güterzügen und Dieselmotoren, selbstbewußt und vermutlich zufrieden grinsend, "sittin' in a Cadillac, smokin' on a big cigar". Genauso haben wir ihn in Erinnerung, den Mann der einst sogar auf der Toilette seine Sonnenbrille aufbehielt! Auch wenn seine Frau mal wieder spurlos verschwunden ist wie der letzte Gehaltsscheck, der letzte Schluck Gin oder eine Nixon-Akte ("Gone") - sein Humor ist der gleiche geblieben. Trotzdem sind seine Kommentare nie einseitig oder gar oberflächlich, bleiben seine scharfen Analysen zwischenmenschlicher Beziehungen immer vielschichtig. Überhaupt nimmt die Liebe und die Probleme, die sie mit sich bringt, enorm viel Platz auf dieser Scheibe ein. Dabei kommt in Hiatts Songs vor allem ihre Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit zum Ausdruck, nirgends besser als in dem bildgewaltigen Titelstück: Die schlammigen, undurchsichtigen Gewässer (des Mississippi?), die es zu überqueren gilt, symbolisieren die Unsicherheit alltäglicher Entscheidungen und die Ungewißheit der daraus folgenden Konsequenzen. Hiatts Charaktere sind menschlich, weil sie Fehler machen, weil sie Schwächen zeigen, und weil sie manchmal nicht den Mut haben, dazu zu stehen. Während sich der Zurückgelassene in "Crossing Muddy Waters" noch einredet, seine Frau könne womöglich wiederkommen, ist den Protagonisten in "What Do We Do Now" vollkommen klar, daß sie den Trümmerhaufen, vor dem sie stehen, selbst zu verantworten haben: "We wrecked it in our own backyard." Sparsam von einer 12-saitigen Gitarre begleitet verleihen die zahlreichen Wiederholungen dieses Stücks der Lähmung Ausdruck, die uns angesichts menschlicher Tragödien befällt; die Frage nach dem 'warum' wird verdrängt von der Frage, wie es weitergehen soll. Trotz Wut ("Take It Back") und Resignation ("Take It Down") findet sich jedoch fast immer noch Platz für ein Fünkchen Hoffnung. "Only the Song Survives" erinnert daran, daß in unserer schnellen Zeit die Geschichten selbst immer noch langlebiger und verläßlicher sind als die Schlagzeilen, die sie produzieren, das wundervolle "God's Golden Eyes" strahlt voller Vertrauen und Zuversicht, und wenn Hiatt im letzten Stück singt, "I will try and I will stumble / But I will fly, he told me so / Proud and high or low and humble / Many miles before I go", so können wir es ihm nur wünschen und hoffen, daß auf dem Weg noch die eine oder andere Platte wie diese dabei herauskommt.