Steve Wynn ist nie irgendwelchen Trends nachgelaufen sondern war immer aus sich heraus kreativ. Er gehört zu den wenigen Ausnahmeerscheinungen der Rockmusik, die auch im fortgeschrittenen Alter noch unverbraucht sind und aus den Tiefen der Seele kommende Kraft und Energie eines unverhärteten Herzens verströmen, mit der sie den Hörer tief berühren können. Solche Diamanten lagen im Rockgeschäft noch nie an der Oberfläche des großen kommerziellen Erfolgs, man muss schon graben um sie zu finden.
Die Grundstrukturen der Stücke auf "Crossing Dragon Bridge" entstanden im Studio von Chris Eckman (Walkabouts) in Ljubljana. Die weitere Instrumentierung (u. a. auch Streicher und Chor) und die Abmischung wurden in verschiedenen Studios in Europa und in den USA vorgenommen. Steve Wynn hat damit neue Wege beschritten und mit dieser CD sein bisheriges klassisches Bandkonzept (Gitarren, Bass, Schlagzeug) zumindest vorübergehend verlassen. Man könnte nun befürchten, dass hier ein etwas seelenloses Retortenprodukt entstanden ist. Dem ist aber keineswegs so. Herausgekommen ist vielmehr eine vitale, abwechslungsreiche und sehr persönliche CD, die den Zuhörer ganz und gar aus Raum und Zeit des Alltags entführen kann und zeitweise etwas bewirkt, das sich mit "erhebender Gänsehauteffekt" nur unzulänglich umschreiben lässt (insbesondere bei "I don't deserve this"). Bei aller Weltbürgerlichkeit der Produktion sind Steve Wynns kalifornische Wurzeln unverkennbar zu spüren. Wie schon die drei Vorgängeralben ist auch "Crossing Dragon Bridge" insgesamt ein kompositorisches Meisterwerk aber von vielleicht von noch größerer Intensität.
Steve Wynn ist vergleichbar Lou Reed nicht irgendein guter Rockmusiker sondern ein echter Künstler mit wachem Verstand und ungebrochener Seele, der über das Medium Rockmusik seine Sichtweise artikuliert, durch die sehr viel wohltuendes Licht des Lebens schimmert. Manche Menschen werden nicht nur älter sondern auch reifer und besser. Steve Wynn gehört auf alle Fälle dazu.