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Crossing Barcelona: Literarische Streifzüge durch die Hauptstadt Kataloniens
 
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Crossing Barcelona: Literarische Streifzüge durch die Hauptstadt Kataloniens [Taschenbuch]

Hanna (Hrsg.) Grzimek
2.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Josan Hatero bannt seine Leser durch seinen temporeichen und knappen Stil." (Frankfurter Allgemeine Zeitung )

„“Crossing Barcelona“ ist kein Städteführer, doch wer eine Reise in die katalanische Hauptstadt plant, der mag nach dieser Lektüre vielleicht wundervolle Dinge sehen, die in keinem Reisehandbuch zu finden wären.“ (Neue Presse )

"Und in ruhigen, leisen Beschreibungen von scheinbar Belanglosem ist Hatero ein wahrer Meister." (Der Bund )

Kurzbeschreibung

Eine faszinierende, pulsierende, moderne Stadt, gesehen von der neuen Schriftstellergeneration Spaniens
Barcelona – eine reiche, stolze und widersprüchliche Stadt. Touristenzentrum, kulturelle Metropole, Kulminationspunkt nationaler Spannungen. Soziale Probleme, Dreck, Chaos. Acht junge, innovative Schriftsteller aus Barcelona streifen durch ihre Stadt, treffen in einer Bar aufeinander. Und sie fangen an zu erzählen, einer nach dem anderen, stellen ihre Literatur vor. Eine Art Decamerone. Es sind katalanische Autoren, aber sie schreiben auf Spanisch und sie schreiben heute. Punk, Multikulti, Medienfarce, Computerspiel, Meer und Verkehr – Erzählen kennt keine Grenzen. Crossing Barcelona führt mitten hinein in die gegenwärtige Literaturszene der katalanischen Hauptstadt.

Die Autoren:

Lolita Bosch, Javier Calvo, Jorge Carrión, Flavia Company, Eloy Fernández Porta, Josan Hatero, Robert Juan-Cantavella, Juan Trejo.

Mit einer persönlichen Barcelona-Karte von jedem Autor.

Klappentext

"Sie zählt zu den besten Stimmen der mitteleuropäischen Literatur und folgt den Spuren des deutschen Autos Sebald."
El País über Lolita Bosch

"Eine intelligente und rigorose Prosa, bildhaft und leuchtend, dicht und intensiv zugleich. Die Texte scheinen dafür geschrieben zu sein, sie wieder und wieder zu lesen, als wären sie Gedichte voller Geheimnisse und versteckter Andeutungen, in deren Tiefe die Ängste und Zweideutigkeit von Kindermärchen schlummern."
El País über Lolita Bosch

"Er ist ein Meister darin, Stereotypen aufzudecken, Eigenarten hervorzuheben, die in die verschrobensten, brutalsten und verrücktesten Passagen münden, die jedoch immer von Bedeutung sind [...] das Ergebnis ist spektakulär."
La Vanguardia über Javier Calvo

Über den Autor

Hanna Grzimek, geboren 1973, aufgewachsen in Venezuela, Studium der Germanistik und Hispanistik in Madrid und Berlin, Übersetzerin von u.a. Juan José Saer und Roberto Bolano.

Auszug aus Crossing Barcelona. Literarische Streifzüge durch die Hauptstadt Kataloniens von . Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Alles fing damit an, dass ich im Oktober 2004 in Barcelona Robert Juan-Cantavella kennenlernte, in seiner Funktion als Chefredakteur der wunderbaren Literaturzeitschrift Lateral, die es leider nicht mehr gibt. Monate später entdeckte ich in einer Buchbesprechung seinen Namen unter den Autoren einer Anthologie, die im Rahmen des Katalonien-Schwerpunkts auf der Buchmesse in Guadalajara 2004 erschienen war - Extramares. Cinco nuevos narradores de Barcelona, herausgegeben von Julio Ortega und Ana González Tornero (Mexiko 2004). Der Band versammelte fünf junge, auf Spanisch schreibende, unkonventionelle Schriftsteller aus Barcelona. Sofort dachte ich, dass man so eine Anthologie auch zum Katalonien-Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse 2007 machen müsse, der gerade angekündigt worden war. Ich ließ mir Extramares schicken. Weitere Namen kamen mir in den Sinn. Ich tauschte mich auch mit Robert aus, fing an zu lesen, zu suchen und zu finden.
Sehr viele katalanische Schriftsteller schreiben auf Spanisch. Alle Bücher aus Spanien, die ich bisher übersetzt habe, wurden von Katalanen geschrieben, was kein Zufall ist. Nicht nur hat die katalanische Hauptstadt die lebhafteste Literatur- und Verlagsszene Spaniens. Man könnte die Katalanen, ob sie sich nun als solche verstehen oder nicht, auch als die produktivsten und ambitioniertesten Literaten Spaniens bezeichnen. Die junge Szene in Barcelona brodelt. Viele schreiben auf Spanisch, weil der Schwerpunkt ihrer Schulbildung und vor allem ihrer Leseerfahrungen auf dem Spanischen lag und ihnen, neben dem Katalanischen, das den Alltag bestimmt, das Spanische als literarische Sprache geläufiger ist. Oder weil ihre Eltern oder Großeltern zu den unzähligen Immigranten gehören, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit aus ganz Spanien nach Barcelona gekommen sind und die kulturelle Vielfalt der Stadt entscheidend mitprägen. Oder auch weil sie einer Generation angehören, die, durch Computertechnik und Medien verstärkt, eher international als national denkt, der das Reisen und Leben im Ausland selbstverständlich geworden ist. Sie alle sind zweisprachig aufgewachsen, im Alltag sprechen sie Katalanisch oder springen zwischen Katalanisch und Spanisch hin und her, manche haben sogar zwei Vornamen. Und nicht wenige schreiben auch in beiden Sprachen.
Die Möglichkeit, auch junge Autoren aus Barcelona, die nur auf Katalanisch schreiben, in die Anthologie aufzunehmen, lag nahe. Doch zu dem erschwerenden Umstand, dass ich das Katalanische nicht im Original lesen kann, kam hinzu, dass ich mich hier einer, so schien es mir jedenfalls, durchorganisierten und aus öffentlichen Geldern subventionierten Literaturszene gegenübersah, was eine spontane, unvoreingenommene Begegnung mit ihren Autoren erschwerte. Von diesem Subventionssystem sind auf Spanisch schreibende Katalanen übrigens weitgehend ausgeschlossen. Leider führt die öffentliche Debatte um die Bedeutung der katalanischen Sprache, die sich einer jahrelangen Unterdrückung während der Franco-Diktatur erwehren musste, auch dazu, dass das Schreiben auf Katalanisch unfreiwillig einen politischen Stellenwert erlangt hat. Das ist nicht nur eine Sicht von außen: Die Herausgeberin Care Santos versammelte zehn junge katalanische Autoren in ihrer Anthologie Undiez. Antología del nuevo cuento catalán (Madrid 2006) und meint in ihrem Vorwort: »Der katalanischen Literatur scheint es manchmal zu gut zu gehen. Sie scheint überernährt oder künstlich ernährt. Ich behaupte nicht, dass das unnötig ist. Aber es ist gefährlich. Manche Autoren [...] bestehen deshalb ausdrücklich darauf, sich dem Einfluss der Regierung zu entziehen.«
Ich beschloss also, die Literaturszene Barcelonas anhand von sieben großartigen spanischen Texten vorzustellen, die deswegen nicht weniger der katalanischen Hauptstadt entstammen. Aber auch der Kulturhauptstadt Spaniens und einem der lebhaftesten, von innenpolitischen Konflikten gebeutelten Meltingpots Europas, dem alles nachgesagt wird: Provinzialimus, Nationalismus, Arroganz sowie Weltoffenheit, Kosmopolitismus und grenzenlose Toleranz.
Auch wenn diese Geschichten nicht von der Stadt handeln, spiegeln sie die Unruhe, die das Leben und Schreiben in ihr prägt. Eine Rastlosigkeit, die manchmal etwas von Freiboxen hat. Freiboxen von politischen und gesellschaftlichen Spannungen, die alles überschatten. So entsteht eine Literatur, die keine Vereinnahmung zulässt, die Konflikte nicht gesellschaftlich oder politisch, sondern individuell wahrnimmt und leise in etwas anderes verwandelt.
Sieben Autoren kommen hier zu Wort, die einen gemeinsamen Ausgangspunkt haben. Sie gehen täglich durch die selbe Stadt, um an denkbar unterschiedlichsten Zielorten des literarischen Ausdrucks anzukommen. Ich wollte wissen, wie sie ihre Stadt sehen. Sie haben sich im Restaurant L'Antic Magatzem im Szeneviertel El Raval getroffen und für diese Anthologie ihren persönlichen Gang durch die Stadt beschrieben. Eine Spur hinterlassen, eine Karte gezeichnet. Das Ergebnis könnte kaum vielseitiger sein.
So auch ihre Erzählungen. Ich könnte behaupten, diese Texte seien ganz besonders innovativ, neu, anders. Doch welche Aussage trifft man damit, wenn inzwischen jeder dritte Autor - in Spanien noch mehr als hierzulande - mehrfach preisgekrönt, der beste, bedeutendste ist? Fest steht für mich, dass diese Texte Eigenschaften haben, die man oft genug vermisst: Ein sicheres Formempfinden - mit der Neigung zu experimentieren, Grenzen zwischen Textgattungen aufzubrechen -, eine Schreibweise, die zugleich spielerisch leicht daherkommt, die literarische Komposition vergessen lässt und dabei doch Brüche freilegt, die als Spannungen, sprachlich und thematisch, spürbar werden. Humor und Selbstironie. Chronologien werden verkehrt, Perspektivwechsel inszeniert und dabei scheinbar eindeutige Sachverhalte auf den Kopf gestellt.
Und diese Autoren haben vor allem eine eigene Stimme und etwas zu erzählen: angefangen beim Spagat über die Literaturepochen in Robert Juan-Cantavellas Farce, über die atmosphärischen Reisechroniken Jorge Carrións, das schmerzhaft nüchterne Abschiednehmen in Flavia Companys Tagebuch, den sich geradezu in das wohlgeordnete Leben hineinfressenden Kontrollverlust bei Juan Trejo oder den ungewöhnlich zutage tretenden Liebeskummer bei Josan Hatero, bis hin zu dem literarisch inszenierten Trauma eines Mädchens von Lolita Bosch und der Auseinandersetzung mit der Integration von Einwanderern in einem unvergleichlich bissigen Text Javier Calvos.
Nun bleibt mir nur noch, den Autoren zu danken. Allen voran Robert Juan-Cantavella, ohne den dieses Buch wahrscheinlich nicht zustande gekommen wäre. Und allen anderen - für ihre Mitarbeit und Begeisterung, für ihre Freundschaft und für eine aufregende, großartige gemeinsame Zeit.
Hanna Grzimek

FLAVIA COMPANY · Der Hebel
Einer Gruppe anzugehören oder sich als Teil von ihr zu sehen, wirkt wie ein Hebel. Auf einmal sieht man sich unvermutet an Orte katapultiert, findet sich in Absichten wieder, einer Lebensweise, einer Art, sich Worten anzunähern. Mit Bezugspunkten, die wiederum Orte, Situationen, Namen umfassen. Man entdeckt Dinge über sich, von denen man nichts ahnte oder die man ganz anders eingeschätzt hatte. Zum Beispiel in einer Gruppe und ihrer Stadt. Ein paar Schriftsteller und der Ort, an dem sie leben, begegnen sich, suchen und finden sich, um den Seiten eines Buches entgegenzureisen, das vorerst nur virtuell existiert, irgendwann jedoch real da sein wird, das wissen sie, am Ende eines Weges, einer Zeitspanne, die eine gemeinsame Erfahrung umschließt.
Unvermeidlich kommen uns Zweifel. Wie kommunizieren unsere Texte? Wie Barcelonas Straßen: Sie existieren nebeneinander, eine führt zur anderen, sie brauchen sich, um den Barcelona genannten Raum zu bilden, durch den wir gehen, nicht nur in Gedanken an unsere Arbeit, die so oft nichts mit Büchern zu tun hat, an die Miete, die der Literatur so wenig nützt, an den eigentlichen Sinn eines Gesprächs oder daran, wie wir über eine enttäuschte Liebe hinwegkommen sollen.
Wegstrecken: hin zu anderen, zu uns selbst, in ein anderes Land. Nicht stillstehen, sondern die Schritte beschleunigen, damit sie uns voranbringen, versetzen, bewegen. Den anderen erzählen, wer wir sind oder wer wir sein wollen oder wollten.
Solche Dinge denke ich, während ich von dem Restaurant, in dem ich mit meinen Kollegen gegessen habe, nach Hause zurückkehre. Ich denke an die Kinofilme, über die wir gesprochen haben, an unsere Späße und Anekdoten.
Ich mache Zwischenstation in einer Buchhandlung. Gehe in Richtung Meer. Schlendere wie eine Touristin über die Ramblas und bleibe vor jeder der lebenden Statuen stehen, die umgeben von Menschentrauben auf ein paar Münzen oder ein Foto hoffen, aber mehr als auf die Statuen achte ich auf die Blicke um mich herum, als könnte ich etwas Wichtiges von ihnen ablesen, einen Schlüssel zum Leben, oder etwas, das mir zu akzeptieren hilft, dass es vielleicht gar nichts zu entschlüsseln gibt. Ich betrete eine Bar. Lese eine Kritik über das Stück, das ich mir am Abend ansehen werde - seit ich beim Fernsehsender von Barcelona ein Kulturprogramm leite, besuche ich fast jeden Abend eine Veranstaltung: Kino, Theater, Konzerte, Ausstellungen. Barcelona ist wie ein Haus mit geöffneten Fenstern, die den Blick auf Orte freigeben, die fremd und zugleich zum Greifen nah sind. Barcelona ist wie ein gutes Buch, das man immer wieder lesen möchte. Oder wie eine Wohnung mit Balkon: viel größer, als du beim Hereinkommen dachtest. Man lebt in dieser Stadt und durchquert sie täglich, ohne daran zu denken, wie sehr man sie vermissen würde, wenn man sie verließe - wie eine große Liebe, mit der es plötzlich vorbei ist, wenn man es am wenigsten erwartet. Barcelona ist wie die Liebe und die Literatur: ein Schicksal, das man nicht wählt, bevor man es kennt, sondern erst viel später, wenn man längst damit lebt. Ein Hebel, mit dem man die Welt in Bewegung versetzen kann, zumindest die eigene. Ein Ort für Veränderungen und ein Ort, davon zu erzählen.
FLAVIA COMPANY

Tagebuch
Samstag, 18. Januar
Heute vor einem Jahr ist Javier gestorben.
Alle sagen, das sei keine lange Zeit. Doch ich weiß, dass das keine Frage der Zeit ist.
Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass er nicht mehr da ist. Und mich auch nie damit abfinden. Ich bin immer noch wütend. Wütend auf die ganze Welt.
Das Tagebuch habe ich angefangen, um so vielleicht meine Gedanken zu ordnen und mir etwas von der Seele zu schreiben.
Ich mache einfach weiter. Gehe zur Arbeit, atme und esse. Blinzle, lächle, rede ... Aber wie ein Automat mit Rädchen und Schrauben, pling, pling, pling, halbe Drehung, ganze Drehung, Verbeugung, in die Horizontale, Gesicht waschen, Zähne putzen, lächeln.
Mir ist alles egal. Und ich weiß, was das heißt.
Tapfer sein. Was ich nicht bin. Und auch nicht sein will. Kein bisschen. Mit Javiers Tod habe ich mich selbst verloren, seitdem trage ich meine Augen in den Händen vor mir her, um nicht zu stolpern.

Montag, 20. Januar
Gestern habe ich nicht geschrieben. Ich habe den ganzen Tag im Bett gelegen. Im Dunkeln. Carlota hat angerufen und vorgeschlagen, ins Kino zu gehen, aber ich habe gesagt, sie soll mich in Ruhe lassen. Dann habe ich den Hörer danebengelegt.
Ich habe den ganzen Sonntag geweint. Nicht aus Selbstmitleid. Es war die reine Erholung. Das mache ich fast je den Sonntag, so wie andere Leute Fußball gucken oder was weiß ich. Wer weint, braucht niemandem leidzutun. Weinen heißt Dampf ablassen. Es ist wie schreien, schlagen, Fußtritte austeilen. Wie sich die Schuhe ausziehen, die einen drücken.
Als ich heute von der Arbeit kam, lagen fünf Werbeprospekte und ein Brief von meinem Sohn im Briefkasten. Er schreibt aus Italien. Er hat ein paar großartige Künstler kennengelernt, mit denen er sich sein Atelier teilen will. Und er will auf dem Markt jobben, Säcke ausladen ...
Er ist schon groß. Und weiß, was er tut. Er ist seinem Vater sehr ähnlich.
Nicht, dass ich mir keine Sorgen mache. Ich bin einfach nicht mehr nur eine Mutter. Ich bin jetzt die Witwe des Vaters meines Sohnes. Und mein Sohn ist der Sohn eines toten Mannes.
Obwohl ich weiß, dass Javier begraben wurde und in einem Kiefernsarg in einer winzigen Nische hinter einer Schicht Zement auf dem Friedhof liegt, kann ich ihn einfach nicht mit dem Wort »tot« in Verbindung bringen.
Alle sagen, ein Jahr sei keine lange Zeit.
Wenn einer lebt, nicht, aber wenn einer gestorben ist, schon. Dann ist es, als wäre er vor hundert Jahren gestorben.
Ich liebe Javier. Und ich will, dass er wiederkommt. Weshalb drumherumreden?

Dienstag, 21. Januar
Javier und ich waren ein so gutes Paar.
Er hatte einen großartigen Sinn für Humor. Und ich war leicht zum Lachen zu bringen.
Wir haben das Leben nie schwergenommen. Hatten viel Spaß. In Gesundheit und Krankheit, in Reichtum und Armut ... Wir sind durch dick und dünn gegangen. In guten und in bösen Tagen ... bis dass der Tod uns schied.
Ich kann es einfach nicht fassen.
Am Ende sagte er zu mir: »Ich faule vor mich hin, Liebling. Ein paar faule Äpfel sind immer im Korb ... Einen hast du erwischt.«
Dabei streichelte er mir über den Kopf, ungewohnt sanft, weil er schon so schwach war. Wenn er früher etwas in die Hand nahm, hatte man Angst, es werde zerbrechen, so kräftig packte er zu.
Es tat ihm leid, mich allein zurückzulassen. Unser Sohn begann auf eigenen Beinen zu stehen, und Javier kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich ihn nicht aufhalten würde, so einsam ich auch war.
Ich hielt ihn auch nicht auf, Javier war ohnehin der Einzige, der mich trösten konnte.

Mittwoch, 22. Januar
Ehrlich gesagt, habe ich schon ein paarmal daran gedacht, eine dieser so genannten drastischen Entscheidungen zu treffen.
Ich glaube nicht an Gott oder an ein Leben nach dem Tod und hege daher keine Hoffnung, Javier wiederzusehen.
Aber ich hätte meine Ruhe. Ich weiß nicht, was für einen Sinn mein Leben so noch haben soll.
Heute kam meine Mutter vorbei.
Sie ist verzweifelt. Sie sagt, mein Vater macht sich Sorgen um mich. Sie sagt es mit einem angstverzerrten, von schlaflosen Nächten gezeichneten Gesicht. (Sie glaubt, dass ich jederzeit ... Zack. Schluss. Aus.)
Aber dann regt sich etwas in mir, ein Überlebenstrieb oder was auch immer, und ich mache weiter.
Nicht, dass ich erwarten würde, dass es sich irgendwann von selbst erledigt.
Javier kommt nicht zurück, das weiß ich. Aber irgendwas sagt mir, dass es richtig ist, zu warten. Und da ist ja auch noch unser Sohn.

Donnerstag, 23. Januar
Ich habe langsam keine Lust mehr, Tagebuch zu schreiben. Als ich noch klein war und eines anfing, verlor ich auch sofort die Lust. Aber jetzt ist es anders. Ich habe zu überhaupt nichts mehr Lust. Das Schreiben hilft mir nicht, und ich habe auch nichts mehr zu sagen.
Es ist jeden Tag dasselbe.
Weggehen, zurückkommen, schlafen, atmen.
Und sich erinnern.
Auch wenn man sich an nichts erinnern will.
Oder gegen das Vergessen ankämpfen. Das kann ziemlich anstrengend sein. Mein Gedächtnis wehrt sich gegen den Nebelschleier, der sich über die archivierten Bilder legt. Es fällt mir immer schwerer, das Vergangene genau in den Blick zu bekommen. Dorthin zu gelangen, es zu berühren. Fotos sind kein Ersatz. So viele Gesten Javiers habe ich nie mit der Kamera eingefangen. Und all die Dinge, die ...

23. Mai
Ich hatte das Tagebuchschreiben aufgegeben, weil es mir nicht half. Aber jetzt muss ich wieder damit anfangen, muss schwarz auf weiß lesen, was passiert ist. Immer wieder. Sonst glaube ich es nicht.
Als ich heute Abend aus dem Büro kam, habe ich wie immer in den Briefkasten gesehen. Es war keine Werbung darin. Kein Brief von der Bank. Kein Brief von meinem Sohn.
Nur ein beigefarbener Umschlag - schon der Umschlag kam mir bekannt vor -, ein beigefarbener Umschlag, beschriftet mit schwarzer Tinte. Und es war seine Schrift, ich habe sie erkannt, bevor ich den Briefkasten zuschlug.
Ich habe den Brief nicht herausgenommen.
Ich traue mich nicht.
Er ist von Javier.
Ich werde verrückt. Ich drehe durch. Ich muss mir schnell etwas einfallen lassen.
Und vor allem aufhören zu heulen.
Ich muss mir was überlegen.
Ich bin noch einmal zum Briefkasten hinuntergegangen. Gerade eben. Um mir den Brief anzusehen. Und ich habe ihn in die Hand genommen. Um ganz sicher zu sein. Er ist wirklich von Javier. Kein Zweifel. Ich habe ihn wieder zurückgelegt. Ich kann ihn nicht mit in die Wohnung nehmen.
Wenn ich den Wahnsinn in die Wohnung lasse, wird man alles entdecken, man wird sagen, dass ich ihn mir selbst geschickt habe, dass ich phantasiere ...
Meine Hände sind feucht. Meine Augen geschwollen. Ich glaube, ich habe sogar leichtes Fieber.
Was hat das nur zu bedeuten?
Ich muss eine Beruhigungstablette nehmen. Ich muss schlafen. Wenn ich morgen aufwache, war vielleicht alles nur ein Traum.
Und wenn mir jemand den Brief stiehlt?
Auf was für Ideen ich komme! ...
Zum Glück ist mein Sohn im Ausland. Ich weiß nicht einmal, wann er wiederkommt.
Vielleicht gibt es ja doch ein Leben nach dem Tod, und man hat Javier noch eine Chance gegeben.
Das ist absurd. Es wird sich um einen Irrtum handeln. Es muss sich um einen Irrtum handeln, was denn sonst.
Bevor ich die Tablette nehme, rufe ich Carlota an. Morgen komme ich nicht ins Büro, es geht mir nicht gut. Nein, ich brauche nichts, ich rufe morgen wieder an. Schon gut, sie kann mich auch anrufen.
Meine Eltern kommen nicht vor Samstag. Ich habe drei Tage. Vier Nächte. Irgendwas wird mir schon einfallen.

24. Mai
Ich habe das Tagebuch mit ins Bett genommen.
Aufzustehen traue ich mich nicht. Wenn ich aufstehe, muss ich den Brief holen. Solange ich im Bett bleibe, kann ich mir was vormachen.
Mir was vormachen. Als wenn das ginge. Dafür kenne ich mich zu gut. Besser, als Javier mich kannte. Aber nicht, weil ich mich ihm nicht geöffnet hätte, ich konnte mich einfach nicht besser erklären.
Manchmal verbringen wir Jahre mit jemandem, eine lange Zeit, und auf einmal fragt uns dieser Jemand nach unserer Lieblingsblume oder ob wir gerne Schokolade essen.

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