Die Mercy-Thompson-Reihe von Patricia Briggs ist ein hervorragender Vertreter der Urban-Fantasy. Schauplatz der Geschichten sind die Tri-Cities im Bundesstaat Washington im Nordwesten der USA, die Zeit ist jetzt.
Protagonistin der Romane ist die Automechanikerin Mercy Thompson. Sie ist ein Walker, ein in Nordamerika heimisches übernatürliches Wesen, und sie kann sich in eine Kojotin verwandeln. In ihrer Stadt gibt es weiters:
1) Ein Werwolfrudel, mit dem sie anfangs halbwegs, später besser zurechtkommt; wobei ihr zugute kommt, dass sie selber von Werwölfen aufgezogen wurde.
2) Vampire, mit denen sie immer wieder ihre Probleme hat, weil sie ihre Regeln nicht so gut kennt und Vampire - im Gegensatz zu Werwölfen - hier schon von Natur aus böse sind. Aber auch unter ihnen hat sie einen zumindest engen Vertrauten, wenn nicht Freund.
3) Feenwesen, die sich schon "geoutet" haben, sodass die Welt von ihrer Existenz weiß. Auch hier hat Mercy wenigstens einen Freund.
4) Divere andere magische Kreaturen, die vereinzelt auftauchen.
Am Anfang des vierten Teils beschreibt Briggs ausführlich, behutsam und nachvollziehbar die Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse Mercys aus dem letzten Teil, wobei ihr der Gefährte, den sie nun gewählt hat, hundertprozentig beisteht. Aber es ist ihr keine lange Verschnaufpause gegönnt, denn das Auftauchen ihres schwerst lädierten Vampirfreundes Stefan zeigt ihr, dass die Vampirchefin der Stadt zuviel über die Geschehnisse im zweiten Band der Reihe erfahren hat. Mühsam wird der Friede in der Stadt halbwegs aufrecht erhalten, was oft nur schwer möglich ist. Das Schicksal vieler Beteiligten steht auf Messers Schneide, und zusätzlich wird Mercy noch von einer Jugendfreundin gebeten, sich um einen Geist zu kümmern, der in ihrem Haus herumspukt.
Geprägt ist der Roman natürlich von der langsamen Erholung Mercys; es wäre unglaubwürdig, wenn sie ihr Trauma einfach so wegsteckt. Dennoch dreht sich die Haupthandlung nicht darum, sondern einerseits um eine gefinkelte Vampirgeschichte in den Tri-Cities und einen extrem mächtigen Vampir in Spokane.
Genau genommen hat Briggs hier zwei Geschichten geschrieben, die auch unabhängig voneinander funktionieren würden, was mir beinahe ein wenig negativ aufgefallen ist; denn speziell der Supervampir hätte wohl Stoff für ein ganzes Buch hergegeben. Aber dieser kleine Wermutstropfen ist kaum in der Lage, einen Stern von der Höchstnote wegzuwaschen; denn alle Trademarks der Reihe, allen voran die tolle Ausarbeitung der Charaktere und speziell hier auch ein komplexes Handlungsgerüst sind vorhanden.
Wer - wie ich - unterhaltsame Geschichten mit Werwölfen und anderen übernatürlichen Wesen sucht, ist hier goldrichtig. Die Charaktere sind liebens- bzw. hassenswert und lebendig, die Regeln, nach denen die Welt funktioniert, plausibel, und die Handlung ist spannend, straff, manchmal witzig und fesselnd.
Nachdem ich die ersten drei Teile der Serie innerhalb einer Woche verschlungen habe, hab ich mir den vierten Teil auf englisch besorgt, und wenn man die wichtigsten Fachbegriffe (z.B."Rudel" = "Pack") mal gecheckt hat, kommt man vermutlich schon mit Durchschnittsenglisch ganz gut zurecht.
Weitere bisher erschienen Teile:
Ruf des Mondes (1. Teil)
Bann des Blutes (2. Teil)
Mercy Thompson 03. Spur der Nacht (3. Teil)