Bücher aus der Feder fremdsprachiger Autoren im Original zu lesen hat seine Vorteile: Das für 2012 angekündigte Buch "Jack Taylor auf dem Kreuzweg" habe ich kürzlich im einsilbig betitelten Original gelesen.
Ob Übersetzer Harry Rowohlt seine Übertragung von "Cross" ins Deutsche wohl schon vollbracht hat? Für die bisherigen "Jack Taylor"-Romane aus der Feder des Iren Ken Bruen hat man Rowohlt jedenfalls verpflichtet, und es wäre sicher dumm, wenn der Verlag jetzt nicht wieder auf Rowohlt setzte. Ich habe das Buch, wie gesagt, im Original gelesen und bin dabei auf keine Schwierigkeiten gestoßen. Mit der irischen Variante des Englischen kenne ich mich zwar ganz gut aus, aber da ich in "Cross" auf nicht annähernd soviel Slang gestoßen bin, wie ich das erwartet hätte, kann ich das Buch guten Gewissens sämtlichen Zeitgenossen enpfehlen, die dann und wann zu englischsprachiger Literatur greifen.
Aufmerksam geworden auf Bruen bin ich durch einen Artikel, der vor geraumer Zeit im Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" erschienen ist und in dem die Romane des irischen Autors über den grünen Klee gelobt wurden (pun intended). Neugierig geworden, habe ich mir zunächst drei Bücher zugelegt, die Bruen in Zusammenarbeit mit einem anderen Autor namens Jason Starr geschrieben hat; und da mir "Bust", "Slide" und "The Max" in guter Erinnerung waren, hatte ich "Cross" zur Urlaubslektüre erkoren
Der deutsche Atrium-Verlag, in dem die Romane um den entlassenen Polizisten Jack Taylor erscheinen, tut sicher gut daran, den beim interessierten Publikum inzwischen sicher etablierten Protagonisten zum Titelhelden der deutschen Übersetzungen zu machen - das erleichtert die Orientierung, denn Bruen hat offenbar auch eine Reihe von Romanen verfasst, in deren Mittelpunkt andere Figuren stehen. Näheres weiß ich noch nicht aus eigener Erfahrung, aber ich werde Versäumtes beizeiten nachholen, denn obgleich ich kein ausgesprochener Krimi-Fan bin, gefallen mir Bruens Hervorbringungen ausnehmend gut - was nicht nur, aber auch daran liegen dürfte, dass ich ein Faible für das sogenannte "Noir"-Genre habe. Das zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse oft verschwimmen - die Helden der Romane und Filme aus dem Bereich Noir sind zumeist gebrochene Figuren, und Jack Taylor macht da keine Ausnahme. Beim Lesen habe ich immer wieder an Dan McCalls Roman "Triphammer" denken müssen, und das sicher nicht nur, weil auch McCalls Roman um den ordentlich mit dem Leben hadernden New Yorker Bullen von Harry Rowohlt ins Deutsche übertragen worden ist.
Triphammers irischer Cousin Taylor lebt wie sein geistiger Vater in der irischen Küstenstadt Galway, und den Boom, den beider Heimatstadt im vergangenen Jahrzehnt erlebt hat lässt Bruen seine Figur merklich kritisch sehen - ich wette, auch unter den Einwohnern Galways, die an der mittlerweile längst geplatzten Immobilienblase nicht verdient haben, dürfte Bruen längst eine feste Schar treuer Fans haben.
Tatsächlich wundert Jack Taylor sich in "Cross", welchen Verkaufspreis er für die kleine Wohnung erzielen könnte, in der er lebt. Dass Taylor sich mit dem Immobilienmarkt befasst, hat handfeste Gründe: Der desillusionierte Ex-Cop will seiner Heimat den Rücken kehren und in die Staaten auswandern. Vorher bekommt es Taylor aber noch mit einem Fall zu tun, in dem ein Junge gekreuzigt wird und der ihn auf die Spur einer Sippschaft mit mörderischer Agenda bringt.
Entgegen dem Trend, literarische Mordfälle in all ihren schaurigen Details zu schildern, beschränkt Bruen sich in seinen Schilderungen übrigens auf vergleichsweise sehr lakonisch wirkende Feststellungen - sein Held Taylor ist kurz angebunden, und obwohl die Erzählperspektive im Roman immer wieder wechselt, ändert das wenig am durchgehend sehr nüchtern wirkenden Stil des Buchs. "Cross", das ich innerhalb von zwei Tagen gelesen habe und das bei mir Interesse an der Vorgeschichte Taylors geweckt hat (der Fall "Cross" ist zwar in sich abgeschlossen, aber ich bin offensichtlich mitten in der Serie eingestiegen), würde ich als einen sauber konstruierten, glaubwürdigen Kriminalroman bezeichnen, der vor allem Leser mit Faible für Krimis ansprechen dürfte, in deren Vordergrund die psychologische Entwicklung einer grenzgängerischen Hauptfigur steht. Wer z. B. die famose britische TV-Serie "Für alle Fälle Fitz" mochte, wird sich mit dem in "Cross" wacker gegen seine Alkoholabhängigkeit ankämpfenden Jack Taylor sicher auch recht schnell anfreunden.
R e s ü m e e
Lakonisch, düster und ohne die heutzutage für viele Kriminalromane typischen seitenlangen, blutrünstigen Ausgestaltungen von Grausamkeiten: Bruens "Jack Taylor auf dem Kreuzweg" ("Cross") bietet intelligente Krimiunterhaltung, in der zwischen den Zeilen auch ein gerüttelt Maß Kritik an einem Irland steckt, das nach einer Reihe von Boomjahren in eine erneute tiefe Rezession geschlittert ist.