Pavements Wiederveröffentlichung von "Crooked Rain, Crooked Rain", mitsamt allerlei Bonustracks und Raritäten war ein Meilenstein in der Geschichte der so genannten Re-Issues. Nicht nur dswegen, weil die CD eine Fülle an Raritäten und musikalischen Extras präsentiert, sondern auch aufgrund seiner einzigartigen musikalischen Qualität. Peel Sessions, Bootleg-Liveaufnahmen, B-Sides und diverse EPs wurden auf dieser Kollektion vereint. Mit ihrem Release katapultierte sich die Edition in die Top-5 der Re-Issues des späten 1990er Classic-Rocks. Seit diesem Relase haben es nur ein paar weitere Re-Issues mit diesem aufnehmen können. Und um diese auch noch abschließend zu nennen: Universals Double-Disc Releases von Sonic Youths Dirty und Weezers erstem Album. Aber auch diese haben so ihre Schwierigkeiten, an diese Scheiben heranzukommen. Nicht zuletzt aufgrund des Charmes, der von L.A.'s Desert Origins ausgeht.
Schon mit dem Titel des Album begibt sich die Band wieder auf einen altbekannten Pfad, der immer wieder Teil ihrer Musik war: der Ironie. Denn der Großteil wurde in New York aufgenommen. Rein geografisch gesehen, distanzieren sich die Aufnahmen von ihrer Heimat. Die Veröffentlichung beinhaltet das eigentliche Album "Crooked Rain, Crooked Rain" (Tracks 1 bis 12) und dazu 37 Bonus-Tracks. Allesamt Raritäten seit 1994, die schwer zu finden waren. Um nur einige zu nennen: die Jon Peel Sessions, die nach dem Release von "Crooked Rain, Crooked Rain" aufgenommen wurden, und bis dato unveröffentlichte Songs mit ihrem ersten Drummer Gary Young ("Stop Breathing", "All My Friends").
Das Bonusmaterial der ersten CD beinhaltet Tracks aus der Crooked...-Ära: B-Sides, Bonus 7-Inches, Tribute-Tracks, Tour EPs. Zwar ist das Material nicht so stark wie die herkömmlichen und besser vertrauten "Slanted & Enchanted"-Songs, aber dennoch sind Lieder wie "Raft" und "Coolin' by Sound" solide B-Sides, die andere Bands wiederum nie präsentieren konnten. Die "Jam Kids"/"Haunt You Down"-Single verdient eine breitere Hörerschaft und die R.E.M.-Tributes, wie beispielsweise "Camera" und "Unseen Power of the Picket Fence", sind noch brillanter. Zudem ist es mehr als interessant eine Vocal-Version von "5 - 4 = Unity", "5 - 4 Vocal", zu hören. Für hartgesottene Pavement-Fans ein Paradies, für andere Indie-Ritter ein Genuss, eine solche Bandbreite an musikalischer Vielfältigkeit auf der ersten Disc zu erleben.
Doch der wahre Höhepunkt ist Disc Nummer 2. Nicht weniger als 21 vorher unveröffentlichte Songs werden hier angeboten. Und das gesamte Set der CD wird mehr und mehr zum Highlight, von Song zu Song. Die ersten Tracks sind zusammen mit Ex-Drummer Young aufgenommen. "All My Friends" könnte genauso gut ein grandioser Opener für alle anderen Pavement-Alben sein, und dabei zum Single-Klassiker reifen. Ebenso hätten diese sich auch auf "Slanted & Enchanted" wiederfinden können - das rohe und ungeschliffene Tuning erinnert an eben diesen Charme, der das Debüt ausgemacht hat. Gleichzeitig kann man auch verstehen, warum Pavement sich von Young gertrennt haben: dem Drumming fehlt die gewisse Schärfe und die von Young gesetzten Rhythmen kommen eher einem flauen Frühlingsmorgen gleich, als einem Schneesturm. Dennoch sind "All My Friends", "Soiled Little Filly", "Stop Breathing" bis hin zu "Flux = Rad" vielversprechende B-Sides die Pavements Potenzial ideal zeigen. Der ein oder andere fragt sich bestimmt auch, warum die hier vertretene, härtere Version von "Flux = Rad" es nicht auf Wowee Zowee geschafft hat. Danach kommen 13 Titel der New York-Sessions, die zum letzten Album hinführen. Ein Höhepunkt ist dabei die etwas andere Version des finalen "Grounded" (wobei Wowee Zowees "Grounded" vielleicht der beste Pavementsong aller Zeiten ist). Obwohl "Grounded" hier schneller und roher klingt, ist es nicht weniger gut als die Finalversion. "Kennel District" scheint mehr ein Cousin von "Loretta's Scars" zu sein und der starke Groove von "Hands off the Bayou" bilden zusammen wohl das nächste Highlight auf Disc Nummer 2.
Die Aufnahmen enden mit den bisher unveröffentlichten Peel Sessions vom Februar anno 1994. Bis zu dieser Zeit, waren alle Songs der Setlist unveröffentlicht. Lediglich "Pueblo Domain" würde es auf Wowee Zowee schaffen. "Brinks of the Clouds" und "The Sutcliffe Catering Song" (später in "Easily Fooled" umbenannt) wurden B-Side-Tracks. Lediglich Scott Kannbergs solides Machwerk "Tartar Martyr" verschwand zunächst in den Mülleimer. Die Aufnahmen spiegeln die Freude und Energie wider, mit der Pavement jahrelang Musik gemacht haben; zwar nicht immer mit hundertprozentigem Ernst, aber dafür mit Herz und Seele. Was durchaus wichtiger mitunter sein mag. Denn anders als die Luxe & Reduxe-Peel-Sessions, sind diese hier nicht ganz so energiegeladen aber dafür eindringlicher.
Seit dieser Deluxeveröffentlichung hat es keine andere Band oder Plattenfirma geschafft, etwas besseres auf dem Indie-Markt rauszubringen.
Danke Pavement!