Mit "Crises" führte Oldfield das Format von "Five Miles Out" weiter: ein langes Stück, im wesentlichen instrumental auf einer Seite (ja, damals hatten die Platten noch zwei Seiten) und Pop-Songs auf der zweiten Seite, unterbrochen von dem kurzen Instrumental-Stück "Taurus 3".
Man merkt, dass Oldfield viel Spass mit den zu dieser Zeit aufkommenden Synthesizern hatte, der Fairlight kommt auf fast allen Stücken zum Einsatz. Das 20-minütige "Crises" fängt mit einer Verbeugung vor "Tubular Bells" an. Danach pendelt es zwischen sphärischen Sound-Konstruktionen und rockigen Gitarren-Parts, bei denen Oldfields unverwechselbare E-Gitarre dominiert. Am Schluss schwingt sich das Werk wie bei einem Bergaufstieg nach und nach zu immer neuen Höhen auf, bevor es dann nach dem Erreichen des Gipfels mit einem Echo verhallt.
Direkt danach kommt Oldfields grösster Radio-Hit "Moonlight Shadow". Ja, absolut poppig, absolut radio-tauglich, aber eben auch perfekt. Für Maggie Reilly war es der Beginn ihrer erfolgreichen Karriere. Vor allem das Gitarren-Solo gehört für mich zu Oldfields Besten und drückt dem Monster-Hit noch seinen Stempel auf.
"In High Places" ist der Grund, warum ich keine 5 Sterne vergeben wollte. Ich kann mit Jon Andersons Stimme einfach nicht viel anfangen und bei dem Titel klingt sie irgendwie noch schiefer. "Foreign Affair" ist auch nicht so richtig mein Fall, auch wenn es durch Reillys Stimme veredelt wird. Aber für mich etwas zuviel Synthesizer-Geschwurbel.
Drum gleich weiter zum bereits erwähnten "Taurus 3", für mich das Schmuckstück der Platte. Es bildet den Abschluß der auf "QE2" und "Five Miles Out" begonnenen Trilogie. Und wo die Vorgänger noch recht langgestreckte Instrumentals waren, ist T3 kurz und knackig. Nachdem man von einer gefälligen, leicht kitschigen Melodie eingelullt wird, türmt Oldfield plötzlich alles aufeinander, was Saiten hat und lässt ein Flamenco-Gewitter auf den Hörer los, in dem ausser dem treibenden Rhythmus kaum noch Melodie zu erkennen ist. Das Gewitter kommt zweimal über einen, dann ist einen Moment Ruhe bis ...
mit "Shadow On The Wall" der zweite Ohrwurm die Platte beschliesst. Roger Chapman und Oldfield lassen die Sau raus, aber das geht nur, weil am Schlagzeug mit Simon Phillips ein absolutes Drum-Genie sitzt. In Deckung gehen vor seinen Drum-Attacken :-)
Und dann ist die Platte auch schon vorbei ... oder auch nicht, weil ich mir unbedingt nochmal "Taurus 3" reinziehen muss. Und nochmal, und nochmal ...