Nach dem letzten Roman-Meisterwerk "Die Bettgeschichten der Meisterköche" schafft Irvine Welsh mit "Crime" weitgehend einen thematischen Sprung weg von Edinburghs Alkohol-, Drogen- und Sexexzessen. Natürlich wird auch in "Crime gesoffen und gekokst, der Fokus liegt aber auf einem wesentlich härteren Terrain - Kindesmissbrauch.
Der Hauptprotagonist gerät im Erholungsurlaub, den er nach der Untersuchung eines Kindesmordes verordnet bekommt,einem Pädophilenring auf die Spur. Der abgestumpfte und psychisch fertige Lennox macht sich sogleich daran, ein Mädchen, welches bereits zum Opfer geworden war, aus den Fängen der Peiniger zu befreien und sie zu schützen.
Welsh hat bei diesem Werk nahezu alles richtig gemacht - er beschreibt eindringlich, wie Lennox nach dem Mordfall an einem kleinen Mädchen in ein tiefes psychisches Loch fällt, woran auch der Erholungsurlaub mit seiner Verlobten nichts zu ändern vermag. In einem Zustand völliger körperlicher und psychischer Verkommenheit, gerät Ray Lennox in eine Situation, aus der er sich nicht mehr zurücknehmen kann. In diesem Punkt kann der Cop Ray Lennox in "Crime" trotz all seiner Schwächen als das Gegenstück zum Cop Bruce Robertson in "Drecksau" (1998) herangezogen werden.
Man wundert sich bei "Crime" jedoch, warum ein psychisches Wrack, das "Psychopharmaka wie M&M's frisst" und meist nur an seine nächste Linie Koks denkt, sich für ein Mädchen so engagiert und in Gefahr bringt, welches ihm eigentlich völlig egal sein könnte oder müsste. Die Lösung liegt neben dem bereits erwähnten Mordfall an einem kleinen Mädchen an einem vom Hauptprotagonisten am eigenen Leib erlebten Missbrauch, der vom Autor jedoch erst gegen Ende des Buches enthüllt wird. Dieser Punkt wirkt für mich ein wenig überladen und künstlich "psychologisiert", daher auch der Punkt Abzug.
Fazit: "Crime" tut weh, rüttelt wach, und das ohne Rücksicht auf Verluste. Die Verhaltensweisen und Abwehrmechanismen der jungen Opfer von sexuellem Missbrauch werden realitätsnah verarbeitet, auch die psychische Struktur der schwachen Mutter des jungen Missbrauchsopfers - hier wurde offensichtlich gut recherchiert. Ganz ohne Längen kommt "Crime" (speziell auf der Fahrt mit Tianna zum vermeintlichen Retter Chet) jedoch nicht aus, was aufgrund der starken Story und des gelungenen Spannungsaufbaus aber nicht so stark ins Gewicht fällt.
Es bleibt dabei, Irvine Welsh kann kein schlechtes Buch schreiben.