Es gab eine Phase, so etwa Anfang bis Mitte der 60er Jahre, in der John Coltrane das Sopransaxophon bevorzugte. Auf den ersten Blick mag das für einen ausgereiften Tenorsaxophonisten, wie er es zu diesem Zeitpunkt gewesen ist, verwunderlich erscheinen, hat das Sopransaxophon doch ein weitaus geringeres Klangspektrum als sein tieferes Pendant. Zunächst lag dies in der Improvisationsmethode begründet, die Coltrane zu Beginn der 60er Jahre von den Sheets Of Sound auf das modale Spiel umstellte. Doch es gab noch einen weiteren gewichtigen Grund für diesen seltsamen Wechsel. Denn Coltrane erfuhr dasselbe Schicksal, das auch andere Saxophonisten wie Sonny Rollins oder Pharoah Sanders erlitten: Er bekam Probleme mit seinem Mundstück, was eigentlich nicht ungewöhnlich ist, denn den optimalen individuellen Klang auf dem Tenorsaxophon zu finden, ist gar nicht so einfach. Man versucht sich ihm in Form eines ständigen Experimentierens so nah wie möglich anzunähern. Dazu benötigt es jedoch eine ideale Kombination aus der eigenen Spieltechnik, dem Mundstück, dem Blatt und dem Instrument. Coltrane veränderte nun solange sein Mundstück, bis es schließlich völlig unbrauchbar wurde und getauscht werden musste. Trotz einiger Spezialanfertigungen ließ ein passender Ersatz, der den typisch schneidenden Coltrane-Klang in seiner ganzen Reinheit aus dem Tenorsaxophon zauberte, lange auf sich warten. Wie sich Coltranes Sound (unabhängig von der Musik) durch das Mundstück veränderte, lässt sich anhand von drei Einspielungen wunderbar nachvollziehen. Auf "Giant Steps" (1959) besitzt Coltrane noch seinen grellen, scharfen und eindringlichen Ton im oberen Register. Der Nachteil ist, dass der Klang im tieferen Register dagegen etwas gepresst wirkt und nur ein reduziertes Volumen erreicht, weshalb das tiefe Register bei Coltrane in seiner Frühphase auch selten zur Anwendung kam. Auf "Ballads" (1962) verwendet Coltrane dann ein verändertes Mundstück, das seinen Sound weiter perfektionieren sollte, aber nicht das gewünschte Ergebnis brachte. Erst auf "Crescent" (1964) fand Coltrane zu seinem einzigartigen Klang auf dem Tenorsaxophon zurück, mit dem einen Unterschied, dass er nun auch auf ein größeres Volumen im tieferen Register zurückgreifen konnte, was wiederum mit seiner auf dem Sopransaxophon entwickelten Sprache zu tun hatte, deren Ausdrucksmöglichkeiten er auf das Tenorsaxophon übertrug, auf das sich Coltrane in den letzten drei Jahren vor seinem Tod wieder voll konzentrieren sollte.
Auf "Crescent" kommen noch einmal beide Instrumente zum Einsatz. Der Sound der Band fällt auf dieser Aufnahme sehr kompakt und in sich geschlossen aus, deutet aber dennoch bereits in einigen Momenten die universelle Offenheit aus Coltranes Spätwerk an. Alle Titel sind Eigenkompositionen, die Coltrane als versierten Stückeschreiber porträtieren und durch einen dunklen Grundton gezeichnet sind, der das Album zu einer der nachdenklichsten und melancholischsten Einspielungen seines legendären Quartetts macht. Das Titelstück wird zunächst mit einem sehr elegischen Solo von Coltrane eingeleitet, ehe die Rhythmusgruppe das Tempo anzieht und der Meister seine eruptiven Phrasen abfeuert, die fast wie Glissandi klingen, ohne das es wirklich welche sind, womit er einen extravaganten Vorgeschmack auf das gibt, was kurze Zeit später auf "A Love Surpreme" in Vollendung folgen sollte. Unüberhörbar sind Coltranes Tonumfang und seine Klangfarben nun in einem breiteren Spektrum aufgefächert, was seinen Improvisationen auch eine größere Freiheit gibt. Eine äußerst originelle Wendung hält anschließend das seelenvolle "Wise One" parat. Denn nach einer schwermütigen, traurigen Eröffnung verdichtet das Stück immer mehr seine Intensität und wechselt in der mittleren Sektion urplötzlich die Stimmung, weil McCoy Tyner am Piano den feurigen Zauber eines infektiösen Samba-Grooves entfacht, der uns mit seinem betörenden Esprit in die exotischen Gefilde lateinamerikanischer Folklore entführt, über die Coltrane schließlich traumwandlerisch mit seiner sentimentalen Eingangsmelodie hinwegschwebt. Atmosphärische Großstadthektik stellt sich auf dem vital pulsierenden "Bessie's Blues" ein, wo Coltrane eine seiner prägnanten kraftvollen Improvisationen auf einem tanzbaren Rhythm N' Blues-Riff aufbaut. Mit einem butterweich hingehauchten lyrischen Blues-Ton lässt er dann das kontemplative "Lonnie's Lament" träge durch den Raum mäandern, ehe er sich ganz dezent zurückzieht und das Terrain seinen kongenialen Mitstreitern anvertraut. Spektakulär fällt hier das Solo von Jimmy Garrison aus, der sich normalerweise vehement mit seiner rhythmischen Dichte gegen das intensive Powerplay von Jones und Coltrane stemmt. Doch bei dieser Improvisation erklingt seine virtuose Bassstimme dermaßen expressiv, als würde er eine ganz normale Gitarre spielen und man höre nur, mit welch einer opulenten Fantasie und spielerischen Leichtigkeit er seine Melodielinien und die kleinen, aber fein gesetzten Rhythmusverschiebungen zelebriert. Eine wirklich großartige Performance! Geschlossen wird das Album mit dem brachialen "Drum Thing". Interessant ist hier die Eröffnung, in der Coltrane mit einem kantabel phrasierten Solo das hypnotische Bild einer nervös brodelnden morgenländischen Szenerie nachzeichnet, während Elvin Jones an den Drums im Hintergrund bereits ungeduldig mit den Hufen scharrt, um dann mit einer berstenden Improvisation dem Stück seinen unvergleichlichen Stempel aufzudrücken. Faszinierend ist dabei die präzise Wucht, mit der immer neue rhythmische Muster von Jones miteinander verwoben und kaskadenartig aufgetürmt werden, ehe Coltrane schließlich das Lasso auswirft, ihn mit dem Ausgangsmotiv wieder einfängt und in das Korsett der Rhythmusgruppe zurückintegriert. Das imposante Finale einer phänomenalen Platte!